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Unterwegs in den südlichen Provinzen Marokkos: von Tiznit nach Dakhla

Mehr als tausend Kilometer liegen hinter uns. Seit Januar 2025 verbindet eine durchgehende Schnellstraße von 1.055 Kilometern Länge den Süden Marokkos mit den Atlantikhäfen, den Wirtschaftsregionen des Nordens und den südlichen Provinzen. Mit jedem Kilometer verändert sich die Landschaft ein wenig. Ab Tiznit wird der Atlantik zum ständigen Begleiter, die Straße führt durch endlose Ebenen, vorbei an kleinen Siedlungen und schroffen Küsten. In Tarfaya erinnern noch heute Spuren der Aéropostale an Antoine de Saint-Exupéry und jene Zeit, als die Wüste für die frühen Piloten zugleich Herausforderung und Inspiration war.

Das Tor zu Tan Tan

Wer diese Route weiter nach Süden fährt, entdeckt jedoch weit mehr als spektakuläre Landschaften. Er begegnet einer Region, deren Gesicht sich in den vergangenen Jahren sichtbar verändert hat - ohne dabei ihre Identität zu verlieren. Die Schnellstraße besteht aus drei Bauabschnitten: 114 Kilometer zwischen Tiznit und Guelmim, freigegeben am 10. Januar 2025; 436 Kilometer zwischen Guelmim und Laâyoune mit einem Investitionsvolumen von rund fünf Milliarden Dirham; sowie rund 500 Kilometer zwischen Laâyoune und Dakhla, entstanden durch den Ausbau der bestehenden Nationalstraße 1. Entlang der Strecke wurden 16 größere Ingenieurbauwerke errichtet. Initiiert wurde das Projekt 2015 von König Mohammed VI. im Rahmen des neuen Entwicklungsmodells für die südlichen Provinzen, anlässlich des 40. Jahrestages des Grünen Marsches.

Tiznit - das Tor zum Süden

Fotogalerie Tiznit

TiznitTiznit wurde 1881/82 von Sultan Moulay al-Hassan I. als Festungsstadt gegründet, um die königliche Präsenz im Souss und in den südlichen Regionen zu stärken sowie die Handelswege zwischen dem Landesinneren und der Atlantikküste zu sichern. Aus dieser Zeit stammt die bis heute erhaltene, mehr als sechs Kilometer lange Lehmstadtmauer mit ihren zahlreichen Türmen und mehreren Toren. Zentrum der Altstadt ist der arkadengesäumte Platz Mechouar. Ihren Ruf als Stadt der Silberschmiede verdankt Tiznit jüdischen Goldschmieden, die der Sultan bei der Stadtgründung innerhalb der Mauern ansiedelte - bis heute prägen ihre Werkstätten den Charakter der Souks. Als wirtschaftliches Bindeglied zwischen dem fruchtbaren Souss-Tal, den Bergregionen des Anti-Atlas und den südlichen Provinzen beginnt hier die lange Fahrt entlang des Atlantiks.

Südlich der Stadt treten die letzten Ausläufer des Anti-Atlas zurück, die Ebene öffnet sich, und zwischen den Hügeln erscheint zunehmend das Blau des Atlantiks.

Sidi Ifni - wo Geschichte auf den Ozean trifft

Fotogalerie Sidi Ifni

Sidi IfniSidi Ifni verdankt sein unverwechselbares Gesicht der spanischen Kolonialzeit. Nachdem Spanien das Gebiet 1934 besetzt hatte, entstand hier eine moderne Verwaltungs- und Garnisonsstadt im Art-déco-Stil. Der Gouverneurspalast, die ehemalige Kirche Santa Cruz - heute Gerichtsgebäude - sowie der noch immer aktive Leuchtturm prägen bis heute das Stadtbild. Erst am 4. Januar 1969, im Zuge der Verträge von Fès, übergab Spanien die Enklave an Marokko. Unterhalb der Klippen schlagen die Wellen gegen die Felsen, während Fischerboote hinaus auf den Atlantik fahren. Südlich der Stadt wird die Küste ursprünglicher, die Siedlungen liegen weiter auseinander, und immer wieder begegnen Reisende Kamelen, kleinen Fischersiedlungen oder einsamen Stränden.

Tarfaya - Station der Aéropostale

Fotogalerie: Von Tarfaya nach Laâyoune

Antoine de Saint Exupery MuseumMit jedem Kilometer wird die Landschaft karger, der Atlantik rückt näher an die Straße heran. Tarfaya, das frühere Cap Juby, gehört zu den geschichtsträchtigsten Orten der Strecke. Zwischen 1916 und 1958 gehörte Cap Juby zum spanischen Protektoratsgebiet Cabo Juby. Hier arbeitete Antoine de Saint-Exupéry von 1927 bis 1929 als Stationsleiter der Aéropostale und koordinierte die Postflüge zwischen Europa und Westafrika; Cap Juby war damals eine der wichtigsten Zwischenstationen der legendären Luftpostlinie Toulouse-Dakar. Die Erfahrungen dieser Jahre flossen später in sein literarisches Werk ein. Ein 2004 eröffnetes Museum erinnert heute an diese Zeit. Vor der Küste liegt das Wrack der Fähre Assalama, betrieben von der spanischen Reederei Armas, die 2008 auf der Verbindung zwischen Tarfaya und Fuerteventura sank und seither zu den markantesten Wahrzeichen der Stadt zählt. Rund einen Kilometer vor der Küste finden sich zudem die Ruinen von Casa del Mar, einer 1880 von britischen Händlern errichteten befestigten Handelsniederlassung - ein Zeugnis der europäischen Präsenz an dieser Küste lange vor dem Beginn der Luftpostflüge.

Laâyoune - Wüstenstadt und moderne Metropole

Mustapha Laghtiri in Laayoune am Tor zur StadtNach der langen Fahrt erscheint schließlich Laâyoune, nach rund zwei Dritteln der Strecke das wirtschaftliche und administrative Zentrum der südlichen Provinzen. Die Stadt überrascht bereits in den ersten Minuten. Wer eine abgelegene Wüstenstadt erwartet, muss seine Vorstellungen rasch korrigieren. Breite Boulevards, gepflegte Plätze, moderne Wohnviertel, weitläufige Parks und neue Kultur- und Kongresszentren vermitteln den Eindruck einer selbstbewussten Stadt, die ihren eigenen Weg gefunden hat. In den vergangenen Jahren entstanden zudem neue Bibliotheken, Sportanlagen, Bildungs- und Freizeiteinrichtungen sowie großzügig gestaltete öffentliche Plätze.

Gerade in den Abendstunden entfaltet Laâyoune ihren besonderen Reiz. Wenn die Hitze des Tages nachlässt, füllen sich Straßen und Plätze mit Menschen. Familien spazieren durch die Parkanlagen, Cafés werden lebendig, und über allem liegt eine angenehme Ruhe. Das Klima ist überraschend mild und wird vom Atlantik geprägt - ein Bild, das viele Besucher so nicht erwarten.

Laayoune  Oum Saad ParkDie Architektur verbindet Moderne mit regionalen Traditionen. Das monumentale Eingangstor, dessen Form an das traditionelle Wüstenzelt erinnert, begrüßt Besucher als sichtbares Symbol der sahraouischen Kultur. Gleichzeitig prägen repräsentative öffentliche Gebäude, Plätze und Brunnen das Stadtbild. Über dem Oued Sakia El Hamra entsteht derzeit ein rund 1.650 Meter langes und 21 Meter breites Straßenviadukt mit bis zu 46 Meter hohen Pfeilern; nach seiner Fertigstellung wird es die längste Straßenbrücke Marokkos sein und den Verkehr in Richtung Boujdour, Dakhla und Westafrika deutlich entlasten.

Mindestens ebenso prägend wie die Architektur sind die Menschen. Wer durch die Straßen geht oder den Souk besucht, erlebt eine offene und entspannte Atmosphäre. Gespräche entstehen fast beiläufig, Fragen werden freundlich beantwortet, und Gastfreundschaft ist keine touristische Inszenierung, sondern Teil des Alltags. Saubere Straßen und gepflegte öffentliche Anlagen spiegeln den Stolz wider, den viele Bewohner für ihre Stadt empfinden.

Boujdour - ruhige Etappe an der Atlantikküste

Die Reise führt weiter entlang der Atlantikküste. Hinter Laâyoune werden die Abstände zwischen den Orten größer, die Landschaft weiter, und der Horizont scheint sich ins Unendliche auszudehnen. Immer wieder wechseln sich Sandflächen mit felsigen Küstenabschnitten ab; die Straße folgt dem Meer, das hier zum ständigen Begleiter wird. Boujdour markiert eine wichtige Etappe dieser Route. Die Stadt wirkt ruhiger und beschaulicher, bevor sich die Landschaft erneut öffnet und den Weg in Richtung Dakhla freigibt.

Dakhla - wo Atlantik und Wüste verschmelzen

Fotogalerie Dakhla

Mustapha Laghtiri in Dakhla bei einer Teeszeremonie

Dakhla mit der Form der Halbinsel am VerteilerMit der Ankunft in Dakhla erreicht die Reise einen Ort, der sich kaum mit anderen Städten Marokkos vergleichen lässt. Die schmale, weit in den Atlantik hineinragende Landzunge zwischen Ozean und der Lagune von Wadi Eddahab hat unter den Bewohnern seit jeher die Fantasie beflügelt: Manche sehen in ihrer Form eine ausgestreckte Sehne, andere eine lange, träge Zunge, die sich über die Sorgen und Ambitionen der Menschen zu erheben scheint. Die Lagune erstreckt sich über rund 40 Kilometer Länge und bis zu 13 Kilometer Breite; dank ihres spiegelglatten Flachwassers und beständiger Passatwinde an bis zu 320 Tagen im Jahr zählt sie zu den weltweit besten Revieren für Kite- und Windsurfen.

Ihren eindrücklichsten Ausdruck findet diese besondere Lage in der Großen Weißen Düne. Bei ruhigem Wasser liegt sie zugänglich und friedlich da, doch mit der Flut verändert sie ihr Wesen: Das Meer schließt sie von allen Seiten ein, und wer sie dennoch erreichen will, muss sich zu Fuß durchs Wasser wagen, um auf der anderen Seite wieder festen Boden unter die Allradfahrzeuge zu bekommen. Der Moment hat etwas von biblischer Wucht - die Durchquerung erinnert an den Auszug aus Ägypten, an das geteilte Meer -, und in diese Assoziation mischt sich unweigerlich auch ein ganz anderer, moderner Klang: der von Bob Marleys „Exodus", das von einer anderen Flucht erzählt, einer anderen Überfahrt, mit Äthiopien statt Sinai als Bühne. Zwei Erzählungen von Aufbruch und Durchquerung überlagern sich in diesem einen Ort.

Doch Dakhla ist weit mehr als ein Naturparadies. Mit dem im Bau befindlichen Tiefwasserhafen Dakhla Atlantique, rund 40 Kilometer nördlich der Stadt, sowie Investitionen in Tourismus und erneuerbare Energien entwickelt sich Dakhla zu einem zentralen Handels- und Logistikknotenpunkt zwischen Europa und Westafrika. Der Hafen ist Kernstück der marokkanischen Atlantik-Initiative, die seit 2023 den Sahelstaaten einen Zugang zum Atlantik über marokkanisches Territorium anbietet. Neue Verkehrswege, moderne Wohngebiete und touristische Projekte zeigen, welche wirtschaftliche Bedeutung die Region inzwischen gewonnen hat. Besonders der Strand von Foum Bir gilt als touristischer Ankerpunkt mit erheblichem Entwicklungspotenzial, vor allem für den Wellenreitsport, der Jugendliche aus aller Welt anzieht. Die Zukunft der Stadt wird konkret gedacht: Krankenhäuser, Universitäten und Fußballstadien sollen entstehen, und die junge Generation der Region soll so ausgebildet werden, dass sie ihrer Stadt überall dort, wo sie tätig ist, als Botschafterin dient.

Eine Straße mit neuem Namen

Tiznit Dakhla schnellstraßeIm Juli 2026 informierte König Mohammed VI. US-Präsident Donald Trump per Brief über die offizielle Umbenennung der Strecke in „President Donald J. Trump Highway" - als Anerkennung für dessen Entscheidung aus dem Jahr 2020, die marokkanische Souveränität über die Sahara anzuerkennen. Trump veröffentlichte daraufhin ein Video auf seiner Plattform Truth Social, in dem er erklärte, er wünsche sich, die gesamte 1.055 Kilometer lange Strecke eines Tages selbst zu befahren.

Viele verbinden den Süden Marokkos noch immer vor allem mit Weite, Wüste und Abgeschiedenheit. Von Tiznit über Sidi Ifni, Tarfaya und Laâyoune bis nach Dakhla zeigt die neue Schnellstraße das Gegenteil: einen Landesteil, der seine kulturellen Wurzeln bewahrt und zugleich mit bemerkenswerter Dynamik nach vorne blickt - offen für Neues und fest verwurzelt in seiner eigenen Geschichte zugleich.