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Vom Lärm zur Stille: Warum gemeinsames Lesen wieder Menschen verbindet

Menschen treffen sich im Club – und lesen. Was in Tokio ungewöhnlich wirkt, berührt auch Rabat und Frankfurt: In einer Welt permanenter Ablenkung wird Aufmerksamkeit zum kostbaren Gut. Gemeinsames Schweigen eröffnet dem Lesen neue Räume.

Gemütliche marokkanische Leselounge. Foto mit Hilfe von ChatGPT erstellt

  Quellen: SPREAD Tokyo: Programm „JUCY BOOK RAVE“, 2026 * Reading Rhythms: Angaben zur Initiative, Brooklyn, seit 2023 * UNESCO: World Book Capital – Rabat, Morocco 2026 * Frankfurter Buchmesse: Frankfurter Buchmesse 2026 * Mounir Lougmani
   

In einem Club in Tokio geschah am 26. September etwas, das zunächst wie ein Widerspruch wirkt. Im SPREAD im Stadtteil Shimokitazawa, einem Ort, der gewöhnlich für Musik und Nachtleben steht, lagen Teppiche auf der Tanzfläche. Menschen kamen zusammen, setzten sich und öffneten Bücher. Ruhige elektronische Musik lief, doch das Buch stand im Mittelpunkt. Jeder las für sich, während andere neben ihm dasselbe taten. Später wurden Bücher und Gedanken ausgetauscht. Ab 13 Uhr wurde die Musik lauter, und wer wollte, durfte tanzen.

Der „JUCY BOOK RAVE“ dauerte von zehn bis vierzehn Uhr. Neu ist die Idee nicht: Im New Yorker Stadtteil Brooklyn entstand 2023 die Initiative Reading Rhythms. Aus einer Leseparty mit zehn Freunden entwickelte sich ein Format, das inzwischen in mehr als zwanzig Städten Menschen zum gemeinsamen Lesen zusammenbringt. Das Interessante ist deshalb weniger die Originalität eines Clubs voller Bücher als die Frage dahinter: Warum müssen wir inzwischen Veranstaltungen erfinden, um uns die Zeit zurückzuholen, in der wir ungestört lesen? An Büchern fehlt es nicht. Knapp geworden ist etwas anderes: Aufmerksamkeit.

Zu Hause liegt das Smartphone neben dem Buch. Eine Nachricht erscheint, bevor ein Absatz zu Ende gelesen ist. Aus einem kurzen Blick auf den Bildschirm werden mehrere Minuten, aus einer Unterbrechung eine neue Beschäftigung. Wir besitzen Zugang zu mehr Texten als jede Generation vor uns und kämpfen zugleich darum, lange genug bei einem einzigen zu bleiben.

Der Unterschied liegt deshalb nicht nur zwischen einem guten und einem schlechten Ort zum Lesen. Er liegt zwischen verfügbarer Zeit und Zeit, die wir einer Sache tatsächlich zugestehen. Wer sagt, er werde lesen, wenn er Zeit habe, überlässt das Buch dem Rest des Tages. Wer zu einem Treffen geht, um zu lesen, hat die Entscheidung bereits getroffen.

Dabei bleibt der Leser mit seinem Buch allein. Niemand verlangt eine Erklärung dafür, weshalb er gerade dieses Buch gewählt hat. Niemand erwartet nach jeder Seite eine Meinung. Und doch entsteht Gemeinschaft: Die anderen schützen durch ihre Anwesenheit jene Konzentration, die jeder für sich sucht.

Rabat: Nach dem Fest der Bücher kommt das Lesen

Für Marokko fällt diese kleine japanische Idee in ein besonderes Jahr. Rabat ist 2026 UNESCO-Welthauptstadt des Buches, ein Titel, den die UNESCO ausdrücklich mit dem Zugang zu Büchern, Lesen und Wissen verbindet. Auf marokko.com haben wir über die großen Bühnen dieses Jahres berichtet: über die Internationale Buch- und Verlagsmesse SIEL in Rabat und über Marokkos Auftritt im Mittelpunkt der Buchmesse im mexikanischen Morelia („Wenn Bücher Brücken bauen“). Doch hinter Buchmessen, Ehrengästen und Kulturprogrammen steht eine viel einfachere Frage: Wer liest?

Eine Stadt kann Bücher feiern. Ein Land kann seine Literatur international sichtbar machen. Verlage können Neuerscheinungen präsentieren, Autoren mit ihren Lesern diskutieren, Bibliotheken ihre Türen öffnen. Zwischen einem vorhandenen und einem gelesenen Buch liegt jedoch etwas, das keine Institution verordnen kann: die Bereitschaft, ihm Zeit zu geben.

Deshalb ist das Experiment aus Tokio auch aus marokkanischer Perspektive aufschlussreich. Leseförderung muss nicht allein bedeuten, mehr Bücher bereitzustellen. Sie kann ebenso bedeuten, Räume und Zeiten zu schaffen, in denen Lesen selbstverständlich wird. Dafür braucht es keinen Club. Eine Bibliothek in Rabat, ein Kulturzentrum in Casablanca, eine Buchhandlung in Tanger oder ein Café in Fès könnten dasselbe Prinzip aufnehmen: Menschen kommen für eine Stunde zusammen, bringen ein Buch mit und lesen.

Ein Wettbewerb um Zeit

Wenige Tage später, vom 7. bis 11. Oktober, öffnet die Frankfurter Buchmesse, in diesem Jahr mit Tschechien als Ehrengast. Rabat trägt 2026 den Titel UNESCO-Welthauptstadt des Buches. Diese besondere Rolle ist bei der Frankfurter Buchmesse bislang nicht als eigener Schwerpunkt erkennbar. Doch ob in Deutschland, Marokko oder Japan: Das Buch konkurriert heute nicht nur mit anderen Büchern. Es konkurriert um unsere Zeit.

Dabei verläuft die Grenze nicht zwischen Papier und Bildschirm. Auch ein elektronisches Buch verlangt Konzentration. Entscheidend ist die Fähigkeit, einer Geschichte oder einem Gedanken lange genug zu folgen, bevor der nächste Reiz unsere Aufmerksamkeit beansprucht.

Der Club in Tokio liefert dafür keine allgemeine Lösung. Manche Menschen lesen am besten in vollkommener Stille, andere im Café, im Zug oder mit Musik. Auch aus einer guten Idee kann schnell ein modisches Ereignis werden, bei dem die Inszenierung wichtiger wird als das Buch. Gültig bleibt das Prinzip dahinter: Aufmerksamkeit braucht Bedingungen, unter denen sie bestehen kann.

Bibliotheken wussten das lange vor dem Smartphone. Wer ihre Tür öffnet, betritt einen Raum mit einer stillen Vereinbarung: Hier darf Zeit langsamer vergehen. Niemand erwartet eine sofortige Reaktion. Ein Gedanke darf bis zum Ende gedacht, eine Seite bis zum letzten Satz gelesen werden. Darin liegt die überraschende Modernität einer sehr alten Kulturtechnik. Wir müssen das Lesen nicht neu erfinden.

Ein Buch bleibt eine Begegnung zwischen einem Menschen und einem Text. Doch manchmal brauchen wir andere Menschen, um wieder allein bei einem Buch bleiben zu können.

 

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