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Marokko zwischen Dürre und Überfluss - Klimawandel als Systemfrage

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Jahrelange Trockenheit, plötzlich übervolle Staudämme, Evakuierungen ganzer Stadtteile und milliardenschwere Wasserautobahnen: Marokko erlebt den Klimawandel nicht als Zukunftsszenario, sondern als Gegenwart. Dieser Überblick erklärt, warum Dürre und Starkregen zusammengehören, wie Infrastruktur und Prävention zusammenspielen - und weshalb Marokko für Europa zum Frühindikator im Mittelmeerraum wird.

Fotobeschreibung

Dürre und Infrastruktur als zwei Seiten derselben Realität: 

Ausgetrocknete Böden stehen sinnbildlich für die Folgen jahrelanger Trockenheit, während neue Wasserleitungen und Versorgungsachsen Marokkos Antwort auf zunehmende klimatische Extreme zeigen.

Bildmontage: Dürrelandschaft (Foto: MD Hasanuzzaman Himel, Unsplash) und Wasserinfrastruktur in Marokko.

Foto: Media24.

Marokko gilt vielen Europäern als trockenes Land am Rand der Sahara. Tatsächlich gehört es klimatisch zu den vielfältigsten Ländern des Mittelmeerraums. Mediterrane Küstenregionen im Norden, das wasserreiche Atlasgebirge, semi-aride Ebenen und saharanahe Zonen existieren auf engem Raum nebeneinander. Genau diese Vielfalt macht das Land heute besonders anfällig für die Folgen des Klimawandels.

In den vergangenen Jahren erlebte Marokko eine der längsten Dürreperioden seiner jüngeren Geschichte. Niederschläge blieben aus, Staudämme leerten sich, Landwirtschaft und Trinkwasserversorgung gerieten unter Druck. Gleichzeitig veränderten Hitze und Trockenheit die Böden: Sie verhärteten, verloren Vegetation und konnten Wasser immer schlechter aufnehmen.

Mit dem Wiederkehren intensiver Regenfälle ab 2024 zeigte sich ein scheinbarer Widerspruch. Statt Entlastung kam es lokal zu Hochwasserrisiken. Ausgetrocknete Böden ließen den Regen nicht versickern, Wasser floss oberflächlich ab, Flüsse schwollen innerhalb kurzer Zeit an. In mehreren Regionen erreichten Staudämme wieder Füllstände von über 50-60%, einzelne sogar zeitweise die 100%-Marke. Um die Sicherheit der Anlagen zu gewährleisten, mussten kontrollierte Wasserabgaben vorgenommen werden.

Besonders sichtbar wurde diese neue Realität in der nordmarokkanischen Stadt Ksar El Kebir. Dort veranlassten die Behörden angesichts von Starkregen, hohem Abfluss aus dem Umland und regulierten Staudammabgaben eine präventive Evakuierung von rund 50.000 Menschen. Ziel war nicht Reaktion auf eine Katastrophe, sondern Schadensvermeidung - ein Vorgehen, das heute auch in Italien, Frankreich oder Spanien üblich ist.

Parallel dazu investiert Marokko massiv in neue wasserwirtschaftliche Infrastrukturen. Zentrale Projekte sind sogenannte Wasserautobahnen: großräumige Leitungs- und Kanalsysteme, die Wasser zwischen Regionen transportieren sollen. Überschüsse aus niederschlagsreicheren Gebieten werden so gezielt in trockenere Landesteile geleitet. Wasser wird nicht mehr nur lokal, sondern national gedacht.

Marokko steht damit exemplarisch für eine neue klimatische Realität im Mittelmeerraum. Die zentrale Herausforderung besteht nicht mehr allein im Wassermangel, sondern im gleichzeitigen Management von Mangel und Überfluss. Was sich hier bereits verdichtet zeigt, betrifft Europa zunehmend ebenso.

  1. Beitragsanfang 
  2. Dürre und Starkregen - warum beides zusammengehört
  3. Staudämme und Wasserautobahnen - Marokkos Infrastrukturstrategie
  4. Ksar El Kebir und Europa - Prävention, Vergleich, Lehren
Dürre und Starkregen
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