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Marokko wählt: Erreicht der Aufbruch auch den Alltag?

Am Mittwoch, dem 23. September, wählt Marokko ein neues Parlament. 15,8 Millionen registrierte Wähler entscheiden über die 395 Sitze im Repräsentantenhaus. 7.288 Kandidatinnen und Kandidaten treten an. Hinter diesen Zahlen steht eine größere Frage: Wie erleben die Marokkaner die Veränderungen, die ihr Land in den vergangenen Jahren durchlaufen hat?

Marokko hat sich sichtbar verändert. Neue Industrien sind entstanden, die Automobil- und Luftfahrtbranche ist gewachsen, Tanger Med hat sich zu einem der bedeutenden Häfen des Mittelmeerraums entwickelt, das Hochgeschwindigkeitsnetz wird ausgebaut. Investitionen in Verkehr, Energie und Städte begleiten die Vorbereitung auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2030.

Doch wirtschaftlicher Fortschritt und persönlicher Alltag verlaufen nicht überall im gleichen Tempo. Arbeit, Einkommen, Kaufkraft, Wohnen, Bildung und Gesundheitsversorgung gehören deshalb zu den bestimmenden Themen dieser Wahl. Besonders deutlich zeigt sich diese Spannung bei der jungen Generation.

Eine junge Generation auf Abstand

Nur vier Prozent der registrierten Wähler sind zwischen 18 und 24 Jahre alt. Menschen über 60 stellen dagegen mehr als 29 Prozent der Eingetragenen. Die jüngste Generation ist damit auf den Wählerlisten auffallend schwach vertreten. Das wiegt umso schwerer, weil gerade junge Menschen vor großen wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen stehen. Ihre Arbeitslosigkeit liegt erheblich über dem Landesdurchschnitt. Proteste junger Marokkaner und die Ereignisse an der Grenze zu Ceuta haben zudem gezeigt, wie eng die Fragen nach Arbeit, Bildung, Gesundheitsversorgung und der Aussicht auf eine Zukunft im eigenen Land miteinander verbunden sind.

Die geringe Registrierung lässt sich dabei nicht einfach mit politischem Desinteresse gleichsetzen. Aktuelle Berichte beschreiben vielmehr ein differenziertes Bild: Distanz zu Parteien und politischen Institutionen steht neben dem Wunsch, gerade über politische Beteiligung Veränderungen zu erreichen.

Die Parteien haben darauf reagiert. Beschäftigung, Kaufkraft, Wohnen und öffentliche Dienstleistungen nehmen in ihren Programmen breiten Raum ein. Damit rückt eine Frage ins Zentrum, die über einzelne Wahlversprechen hinausgeht: Wie wird aus wirtschaftlicher Entwicklung gesellschaftlicher Fortschritt, der im Alltag ankommt?

Wachstum und Alltag

Darin liegt eine der großen Aufgaben der kommenden Legislaturperiode. Marokko verfügt inzwischen über eine breit aufgestellte Industrie, zieht internationale Investitionen an und investiert erheblich in seine Infrastruktur. Gleichzeitig entstehen noch nicht genügend Arbeitsplätze, um insbesondere der jungen Generation entsprechende Perspektiven zu eröffnen. Dabei geht die wirtschaftliche Entwicklung keineswegs am Alltag der Menschen vorbei. Neue Verkehrswege, Industriearbeitsplätze, Sozialprogramme und öffentliche Investitionen haben bereits vieles verändert. Ihre Wirkung verteilt sich jedoch unterschiedlich zwischen Regionen, Generationen und sozialen Gruppen.

Die nächste Regierung übernimmt diese Aufgabe in einer besonderen Phase. Ihre 5-jährige Amtszeit reicht mitten hinein in die Vorbereitung auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2030. Verkehrsinfrastruktur, Stadien, Städte und Tourismus werden weiter ausgebaut. Parallel dazu stehen Schulen, Krankenhäuser, Beschäftigung und Kaufkraft im unmittelbaren Blick der Bevölkerung. Aus Wachstum müssen Arbeitsplätze, aus Infrastruktur bessere Lebensbedingungen und aus Investitionen persönliche Perspektiven entstehen.

395 Sitze – 7.288 Kandidaturen

Der politische Wettbewerb ist breit. Für die 395 Sitze wurden 1.850 Listen mit insgesamt 7.288 Kandidaturen eingereicht. 2.658 Kandidaturen entfallen auf Frauen. Neben den politischen Parteien treten auch zwei unabhängige Listen an. Die Wahl entscheidet über die Zusammensetzung des Repräsentantenhauses und damit über die parlamentarischen Kräfteverhältnisse der kommenden Legislaturperiode. Nach Bekanntgabe der Ergebnisse beginnt die politische Phase der Regierungsbildung.

Dabei wird neben der Sitzverteilung eine weitere Zahl besondere Aufmerksamkeit verdienen: die Wahlbeteiligung. Sie wird zeigen, wie viele der 15,8 Millionen registrierten Wähler ihr Stimmrecht tatsächlich nutzen – und wie stark insbesondere jene Generation vertreten sein wird, die auf den Wählerlisten bislang kaum sichtbar ist. 

  Quellen: laverita.ma | maroc.ma | Marokkanisches Innenministerium
   

Diese Wahl entscheidet nicht darüber, ob Marokko seinen wirtschaftlichen und infrastrukturellen Wandel fortsetzt. Sie bestimmt, welche parlamentarischen Kräfte und welche Regierung diesen Weg in den kommenden Jahren politisch begleiten. Für die Menschen liegt die entscheidende Frage näher am eigenen Leben: Wie weit reicht der Aufbruch von Häfen, Fabriken, Bahnstrecken und Großprojekten bis zu Arbeitsplätzen, Schulen, Krankenhäusern und den Zukunftschancen der nächsten Generation?

Am 23. September geben die Wähler darauf ihre Antwort.

 

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