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Marokko vor der Wahl: Persönlichkeiten, Parteien und politische Themen

Am 23. September 2026 wählt Marokko ein neues Repräsentantenhaus. Fünf Jahre nach dem politischen Umbruch von 2021 treten 27 Parteien an. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur die drei Parteien der bisherigen Regierungskoalition, sondern auch politische Kräfte, die nach Jahren in der Opposition wieder stärker in Erscheinung treten wollen. Kaufkraft, Arbeitsplätze, Gesundheit, Bildung und soziale Absicherung prägen die Programme. Zugleich geht es um die Frage, welche politischen Persönlichkeiten Marokkos nächste Legislaturperiode bestimmen werden.

Wahlen in Marokko. Bild mit Hilfe von ChatGPT gestaltet

Noch knapp vier Wochen sind es bis zur Wahl. Die Kandidaturen können vom 31. August bis zum 8. September eingereicht werden, die offizielle Wahlkampagne beginnt am 10. September um 13 Uhr und endet am 22. September um Mitternacht. Einen Tag später entscheiden die registrierten Wähler über die Zusammensetzung des Repräsentantenhauses.

Dabei geht es um mehr als die Verteilung der 395 Sitze. Nach der marokkanischen Verfassung muss der König den Regierungschef aus jener Partei ernennen, die bei der Wahl zum Repräsentantenhaus den ersten Platz erreicht. Wie dieses Zusammenspiel von König, Regierung und Parlament funktioniert, haben wir in unserem Grundlagenbeitrag ausführlich erläutert.

Der Einschnitt von 2021

Die Ausgangslage von 2026 lässt sich kaum verstehen, ohne auf die Wahl vor fünf Jahren zurückzublicken. 2021 gewann der Rassemblement National des Indépendants (RNI) mit 102 Mandaten. Der Parti Authenticité et Modernité (PAM) erreichte 87 und die traditionsreiche Istiqlal-Partei 81 Sitze. Gemeinsam bildeten diese drei Parteien die Regierungsmehrheit unter Regierungschef Aziz Akhannouch.

Die eigentliche politische Zäsur lag jedoch auf der anderen Seite des Ergebnisses. Der Parti de la Justice et du Développement (PJD), der seit 2011 die Regierungschefs gestellt und 2016 noch 125 Mandate gewonnen hatte, fiel auf nur 13 Sitze zurück. Damit endete eine politische Phase, die Marokko ein Jahrzehnt lang geprägt hatte.

Aus dieser Konstellation geht das Land nun in die nächste Wahl: RNI, PAM und Istiqlal regieren seit fünf Jahren gemeinsam, treten am 23. September aber wieder als eigenständige Parteien mit eigenen Programmen und Kandidaten gegeneinander an.

RNI: Regierungspartei mit neuer Führung

Beim RNI hat sich wenige Monate vor der Wahl eine wichtige personelle Veränderung vollzogen. Aziz Akhannouch bleibt Regierungschef, führt seine Partei jedoch nicht mehr. Im Februar 2026 wurde Mohamed Chaouki auf einem außerordentlichen Parteitag in El Jadida zum neuen Präsidenten des RNI gewählt. Chaouki war zuvor Vorsitzender der RNI-Fraktion im Repräsentantenhaus. Der Wechsel bedeutet allerdings keinen politischen Bruch mit Akhannouch; die neue Parteiführung betont vielmehr die Kontinuität.

Programmatisch stellt der RNI drei Bereiche in den Vordergrund: Kaufkraft, öffentliche Dienstleistungen und Beschäftigung. Sein Programm für 2026 bis 2031 umfasst zwölf Maßnahmen. Dazu gehören eine stärkere Berücksichtigung der Inflation bei sozialen Unterstützungsleistungen, Verbesserungen bei Wasser- und Energieversorgung sowie bei Schule und Gesundheit. Beim Arbeitsmarkt setzt die Partei das Ziel, die Arbeitslosigkeit bis 2031 unter neun Prozent zu senken und innerhalb der Legislaturperiode eine Million Arbeitsplätze zu schaffen.

Der RNI bleibt damit seiner wirtschafts- und modernisierungsorientierten Ausrichtung treu. Europäische Begriffe wie „Mitte-rechts“ oder „wirtschaftsliberal“ können dabei eine grobe Orientierung geben, erfassen die Stellung marokkanischer Parteien aber nur teilweise.

PAM und Istiqlal: Partner und Konkurrenten

Auch der PAM gehört seit 2021 zur Regierungsmehrheit. Die 2008 gegründete Partei wird nicht von einem einzelnen Parteivorsitzenden, sondern von einer kollektiven Führung geleitet. Ihr gehören Fatima Ezzahra El Mansouri, Mehdi Bensaid und Fatima Saâdi an; El Mansouri nimmt als nationale Koordinatorin eine besonders sichtbare Rolle ein.

Interessant ist die Position des PAM gegenüber seinen bisherigen Koalitionspartnern. El Mansouri hat ausdrücklich darauf verzichtet, sich im Wahlkampf grundsätzlich von der gemeinsamen Regierungsarbeit zu distanzieren. Die Unterschiede sollen stattdessen über die jeweiligen Programme sichtbar werden. Damit entsteht eine für Koalitionsregierungen typische Situation: Drei Parteien müssen ihre gemeinsame Bilanz vertreten und gleichzeitig erklären, weshalb die Wähler gerade ihnen die stärkste Position für die nächste Regierung geben sollten.

Eine besondere Stellung nimmt dabei Istiqlal ein. Die 1944 gegründete Partei ist eng mit der marokkanischen Unabhängigkeitsbewegung verbunden und gehört zu den ältesten und traditionsreichsten politischen Kräften des Landes. Ihr Generalsekretär Nizar Baraka ist zugleich Minister für Ausrüstung und Wasser.

Erst am 29. August hat Istiqlal in Rabat sein Programm für 2026 bis 2031 unter dem Motto „Watani Moustaqbali“ – „Mein Land, meine Zukunft“ vorgestellt. Bereits zuvor hatte Baraka fünf Grundlinien formuliert: Schutz von Familie und gesellschaftlichem Zusammenhalt, Stärkung der Kaufkraft, Bekämpfung von Korruption und Interessenkonflikten, Verbesserung öffentlicher Dienstleistungen sowie eine breiter verstandene nationale Souveränität, die auch Wirtschaft, Energie und Technologie umfasst.

Gerade an Istiqlal zeigt sich, weshalb europäische Rechts-Links-Kategorien für Marokko nur eingeschränkt funktionieren. Nationale Tradition, gesellschaftlich konservative Positionen, soziale Forderungen und eine aktive Rolle des Staates in der Wirtschaft können innerhalb derselben Partei zusammentreffen.

Der PJD und die Rückkehr Abdelilah Benkiranes

Die vielleicht ungewöhnlichste Geschichte dieser Wahl betrifft den PJD. Von 2011 bis 2021 stellte die islamisch orientierte Partei die Regierungschefs des Landes – zunächst Abdelilah Benkirane, anschließend Saadeddine El Othmani. Nach dem dramatischen Einbruch von 2021 kehrte Benkirane an die Spitze der Partei zurück.

Damit steht 2026 eine der bekanntesten Persönlichkeiten der marokkanischen Politik erneut im Zentrum des PJD. Die Partei versucht, nach ihrem Absturz vor fünf Jahren wieder eine breitere politische Basis anzusprechen. Bei der Vorbereitung ihres Wahlprogramms setzte sie unter anderem auf eine digitale Beteiligungsplattform. Gesundheit, Bildung und soziale Sicherung gehören ebenso zu den Themen wie Beschäftigung, Unternehmertum sowie Lebensmittel-, Wasser- und Energiesicherheit.

Der PJD unterscheidet sich von den drei Parteien der bisherigen Regierungsmehrheit vor allem durch seine islamisch-konservative politische Referenz und seine inzwischen wieder klare Oppositionsrolle. Wie groß sein politisches Gewicht nach dem 23. September sein wird, lässt sich seriös nicht vorwegnehmen. Allein seine Entwicklung von der dominierenden Regierungspartei zum kleinen Oppositionsblock und sein erneuter Anlauf machen ihn jedoch zu einer der bemerkenswertesten Parteien dieser Wahl.

Die politische Landschaft ist größer als vier Parteien

Eine Betrachtung allein von RNI, PAM, Istiqlal und PJD würde das marokkanische Parteiensystem allerdings verkürzen. Im bisherigen Repräsentantenhaus verfügt die sozialdemokratisch geprägte Union Socialiste des Forces Populaires (USFP) über 34 Sitze. Ihr Erster Sekretär Driss Lachgar hat am 27. August ein Programm mit 20 Verpflichtungen vorgestellt, in dessen Zentrum Beschäftigung, wirtschaftliches Wachstum und Lebensbedingungen stehen. Die Partei nennt unter anderem das Ziel von 500.000 neuen Arbeitsplätzen.

Links davon steht der Parti du Progrès et du Socialisme (PPS) unter Nabil Benabdallah, der 2021 22 Sitze erreichte. Der PPS betont stärker als die meisten anderen Parteien die aktive Rolle des Staates. Öffentliche Gesundheit, Schule und Universität, soziale Sicherung sowie der Kampf gegen Korruption gehören zu seinen Schwerpunkten.

Der Mouvement Populaire (MP) unter Generalsekretär Mohamed Ouzzine, 2021 mit 28 Mandaten im Parlament vertreten, hat wiederum einen „sozialen Vertrag“ mit elf Themenfeldern und 33 Maßnahmen vorgelegt. Kaufkraft und Jugendbeschäftigung stehen darin neben Gesundheit, ländlichen Regionen, Amazigh-Kultur und Klimapolitik. Gerade die stärkere Betonung wirtschaftlicher Themen zeigt den Versuch des MP, sein traditionelles Profil als besonders im ländlichen Raum verwurzelte Partei zu erweitern.

Daneben treten weitere Parteien an, darunter die Union Constitutionnelle und kleinere politische Formationen. Insgesamt macht gerade diese Vielfalt deutlich, weshalb die Bildung parlamentarischer Mehrheiten in Marokko regelmäßig Koalitionen erfordert.

Worum es 2026 politisch geht

Trotz aller Unterschiede fällt bei den bislang vorgelegten Programmen etwas auf: Viele der zentralen Themen ähneln sich. Kaufkraft und Lebenshaltungskosten tauchen bei nahezu allen größeren Parteien auf. Dasselbe gilt für Arbeitsplätze, Gesundheit und Bildung. Hinzu kommen Wasserversorgung, soziale Absicherung, regionale Unterschiede und die Frage, wie das wirtschaftliche Wachstum des Landes breitere Teile der Bevölkerung erreichen kann.

Damit berührt die Wahl eine bemerkenswerte Gleichzeitigkeit in der Entwicklung Marokkos. Das Land baut seine industrielle Basis aus, investiert erheblich in Verkehrs- und Energieinfrastruktur und gewinnt als Produktions- und Investitionsstandort international an Bedeutung. Innenpolitisch richtet sich der Blick dagegen zunehmend darauf, wie sich diese Entwicklung in Beschäftigung, Einkommen und Qualität öffentlicher Dienstleistungen übersetzt. Die Parteien unterscheiden sich weniger darin, ob diese Bereiche wichtig sind, sondern stärker darin, welche Rolle Staat, Privatwirtschaft und soziale Transfers bei ihrer Verbesserung spielen sollen.

Eine weitere Zahl verdient Aufmerksamkeit. In den endgültigen Wählerlisten sind 15.801.162 Menschen registriert. Nur 18 Prozent davon sind jünger als 35 Jahre; Menschen ab 60 stellen dagegen 30 Prozent der registrierten Wählerschaft. Die Altersstruktur der Wählerlisten unterscheidet sich damit erheblich von derjenigen der marokkanischen Gesamtbevölkerung.

Das ist auch deshalb interessant, weil gerade Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Menschen, Bildung und Zukunftsperspektiven einen großen Raum in der politischen Diskussion einnehmen.

Am 10. September beginnt der offizielle Wahlkampf. Dann werden aus Programmen und personellen Entscheidungen konkrete politische Angebote. Am 23. September entscheiden die Wähler schließlich darüber, wie sich das Repräsentantenhaus für die kommenden fünf Jahre zusammensetzt – und welche Partei nach der Verfassung das Recht erhält, den nächsten Regierungschef zu stellen.

Die Wahl entscheidet damit nicht über die grundlegende institutionelle Ordnung Marokkos. Sie entscheidet darüber, wer innerhalb dieser Ordnung in den kommenden fünf Jahren politische Verantwortung übernimmt.

 

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Quellenbasis:

Offizielle Angaben des marokkanischen Regierungsportals, offizielle Zahlen des Repräsentantenhauses 2021, Veröffentlichungen und Berichterstattungen.

 

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