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Bildband "Fes, die Mutter aller Städte"

Fes die Geheimnisvolle, die große Unbekannte. Noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts war Marokkos ehemalige Hauptstadt die Terra Incognita der Reiseliteratur. Über 1000 Jahre lang durfte kein Ungläubiger die Stadttore ungestraft passieren. 

Bildband "Fes, die Mutter aller Städte", Der Neugierige

Erst in den 1960er Jahren widmete der Schweizer Orientalist Titus Burckhardt im Auftrag der UNESCO mit „Fes, Stätte des Islam“ eine eingehende Beschreibung der Königsstadt. Nun, ein halbes Jahrhundert später, hat der Kölner Fotograf Eberhard Hahne mit dem Bildband „Fes - die Mutter aller Städte“ erstmals wieder eine detaillierte Beschreibung der weltgrößten arabischen Altstadt Fes el Bali, veröffentlicht. Er hat mit einem wunderbar gestalteten Bildband, seiner alten Liebe Fes ein Gesicht gegeben. Das Buch ist dem alten, authentischen Fes gewidmet. So wie er es vor 40 Jahren kennengelernt und lieben gelernt hat. Das Fes der Handwerker, Händler, der Sufis und der Traditionen. Ein Fes mit einer 1200 Jahre alten Geschichte, unverändert über die Zeit.

Wir trafen den Autor in der ersten Aprilwoche im marokkanischen Restaurant La Grilladine, Düsseldorf, zu einem Gespräch.

Erst einmal herzlichen Glückwunsch zur Veröffentlichung von „Fes - Die Mutter aller Städte“. Wie ist die Idee zu Ihrem Bildband entstanden?

Eberhard Hahne: In den 1970ern faszinierte mich die Andersartigkeit, das geheimnisvolle Fremde in der Medina von Fes. Es war für mich eine komplett neue Welt. 1983 habe dort sechs Wochen lang für meine Diplomarbeit „Alltag in Fes el Bali“ fotografiert. Damals analog und in schwarz/weiß. Später entstanden Reportagen über die Medina und regelmäßig über das jährlich stattfindende "Festival de Fès des Musiques Sacrées du Monde". So ist mir die einst geheimnisvolle Stadt immer vertrauter und zu einer zweiten Heimat geworden. Daraus entwickelte sich das Bedürfnis, meine Erfahrungen und Fotografien einem breiten Publikum zur vermitteln.

Sie haben das Buch im Eigenverlag veröffentlicht. Warum?

Es gibt nur wenige Verlage, die individuelle Bildbände verlegen. Auch hier zählt der ökonomische Faktor. Ich wurde von den Lektoren immer wieder gefragt: „ Wer kennt denn schon Fes?“ „Wer kauft so ein spezielles Buch?“. Alle fanden mein Buch wunderbar, sahen aber keine lohnenswerten Marktchancen dafür. So habe ich es kurzentschlossen im Eigenverlag Terraviso-Köln verlegt. Es ist das erste Buch über Fes auf dem deutschen Markt.

An wen wendet sich der Bildband?

In erster Linie ist er für kulturinteressierte Touristen, Orient- und Marokkofans gedacht, aber er dürfte auch als Geschenkband interessant sein. z.B. für Verbände, Firmen und Organisationen mit Sitz in Marokko.

Fotografieren wird im traditionellen Islam, wie er in Fes gelebt wird, nicht gerne gesehen. Wie sind Sie, dazu noch als „Ungläubiger“, zu den teils intimen Aufnahmen gekommen?

Spontanes Fotografieren ist in diesem sensiblen Kulturraum problematisch. Respekt und Offenheit sind die Schlüssel. Authentische Situationen bilden sich aber erst, wenn man akzeptiert und Teil der Umgebung geworden ist. Dies braucht Zeit und ehrliches Interesse. Die Menschen haben ein sehr feines Gespür gegenüber Fremden. Jedes Foto, also jede Begegnung, war ein intensives Erlebnis, ein Kennenlernen. Selbst nach Jahren begrüßen mich der Metzger, der Muezzin oder der Schneider. Aus vielen Kontakten sind langjährige Freundschaften entstanden.

Welches Konzept liegt ihrem Buch zugrunde?

Ich habe das Buch in fünf Kapitel aufgeteilt, entsprechend den fünf Säulen des Islam. Die Kapitel behandeln die bestimmenden Faktoren dieser Stadt: Die Bevölkerung, das Handwerk, der Handel, die Privatheit und die Spiritualität. Meine Aufnahmen zeigen in der Gegenüberstellung mit ihrem historischen Pendant die Unveränderlichkeit des Sujets. Der Leser sieht sofort, dass die Häuser, die Kleidung, die Geschäfte auf den aktuellen Fotografien genauso aussehen wie auf den teils 100 Jahre alten Aufnahmen. Zitate aus der Reiseliteratur der vergangen Jahrhunderte unterstreichen diese merkwürdige Zeitlosigkeit. Man liest ein Zitat von Leo Africanus aus dem 15. Jahrhundert und sieht den beschriebenen Brunnen genauso prächtig auf dem nebenstehenden Foto. Weiterhin habe ich In zahlreichen Texten die Eigenarten des orientalischen Alltags beschrieben.

Steht hinter dem Buch eine Botschaft?

Ich zeige das Fes, das ich in den 1970er Jahren erlebt habe. Damals lebte die Medina noch für sich selbst. Ich habe Fes als unangetastetes Relikt aus vergangenen Zeiten kennengelernt und konnte die Jahrhunderte spüren. Der zunehmende Tourismus hat seitdem vieles verändert. Es wird investiert, restauriert, renoviert, Gassen werden überdacht und beleuchtet, Wegweiser angebracht. Die angestammten Friseurläden, Kioske, Garküchen weichen profitablen Souvenirgeschäften, Cafés und Restaurants. Viele Handwerker arbeiten nicht mehr für den lokalen Bedarf, sondern produzieren jetzt Souvenirs. Die Jahrhunderte alten Spuren der Zeit verblassen. Sie verlieren ihre Würde, ihren Geruch, ihre morbide Haptik. Inzwischen sind geschätzte 120 Riads zu charmanten Boutiquehotels umgebaut worden, die kulturinteressierte Touristen ins Herz der Stadt bringen. Dies bringt Geld und Vitalität in die marode Medina, verändert aber auch den Stadtkörper. Bevor auch Fes das Schicksal anderer Museumsstädte teilt, habe ich das alte, authentische Leben dokumentiert, das in den Tiefen der Medina immer noch existiert.

Haben Sie die aktuellen Veränderungen in ihrem Buch dokumentiert?

Nein. Ich suche das alte Fes, das Fes der kleinen Leute, der Handwerkern, der ehrwürdigen Kaufleute, das Fes mit seinen Quatiersläden und kleinen Märkten. Den Klang der Schmiedehämmer, das Krähen der Hähne bei Sonnenaufgang, den Geruch von Zedernholz, eingelegten Oliven und reifen Melonen.

  Fes - Die Mutter aller Städte. Gebunde Ausgabe mit Goldprägung, 209 Seiten, Gewicht 1080 Gramm, Format 21cm x 21cm, Preis: 40 Euro, Sprache: Deutsch, ISBN 978-3-00-045709-8. Das Buch ist bei Amazon.de, Ebay.de oder direkt beim Autor www.eberhard-hahne.com erhältlich. Siehe auch das Youtube-Video über das Bildband
   

Welches ist Ihr Lieblingsort in der Medina?

Ich liebe es mit einfach treiben zu lassen, mich in dem unendlich erscheinenden Gassenlabyrinth zu verlaufen. Hierbei entdecke ich immer wieder mir unbekannte Plätze, Märkte, Werkstätten, die mich begeistern. Für einen frisch gebrühten Minztee gehe ich gerne in die Cafés rund um das Bab Boujloude. Den kleinen Markt Souk el Henna besuche ich auf jedem Gang durch die Medina. Zum Entspannen gehe ich gerne im Jardin du Public spazieren und trinke einen frisch gepressten Orangensaft im nahegelegen Café Nouria.

Die politischen Verhältnisse in der arabischen Welt führen zu einer starken Verunsicherung im Tourismus. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation in Marokko, insbesondere im orthodoxen Fes ein?

Die politischen Verhältnisse sind in Marokko stabil. Ich habe nirgendwo Anzeichen einer zunehmenden Radikalisierung beobachten können. Ich kann nur Jedem eine Reise in dieses wunderbare Land empfehlen.

Infos über Eberhard Hahne* finden Sie hier