Reiseführer-Landkarte L12: Charme und Schätze der Dörfer Marokkos
Zwischen violett leuchtenden Safranfeldern, jahrhundertealten Speichern und einer tief verwurzelten Gastfreundschaft öffnet sich im Hinterland von Taliouine ein Marokko, das vielen Reisenden verborgen bleibt. marokko-erfahren.de beschreibt Begegnungen, die spontan entstehen, Wege, die sich erst im Gehen zeigen, und Dorfgemeinschaften, die Fremde mit einer Herzlichkeit empfangen, die lange nachklingt.


Taliouine, zwischen Jbel Sirwa und Anti-Atlas gelegen, gilt als Marokkos Safranhochburg. Viele Reisende fahren einfach weiter - dabei bietet die Region weit mehr als die im November violett blühenden Safranfelder und das Safranfestival.
Rund 50 km südöstlich von Taliouine liegt Agadir Melloul, ein moderner Ort, Marktplatz für zahlreiche Dörfer und wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Die fruchtbare Hochebene wirkt fast lieblich durch ihre sanften Hügel, zwischen denen sich kleine Dörfer malerisch einfügen. Als zentrale Siedlung mit Verwaltung, Schulen und Souk-Platz geplant, sollte der Ort Menschen in die Region ziehen – breite Straßen und moderne Wohnhäuser zeugen noch davon. Doch heute zeigt sich schnell, dass dieser Plan nicht aufgegangen ist.
Dafür empfangen die gewachsenen Dörfer Besucher umso herzlicher. Touristen sind hier eher eine Seltenheit - schade, denn die Region eignet sich ideal für ausgedehnte Wanderungen und Entdeckungen sind nahezu garantiert.
Wir durchstreifen den alten Dorfkern von Ighir Oumalloul auf der Suche nach dem Speicher. Eine steinige Gasse führt uns direkt zum Ziel. Vor einer massiven Holztür steht eine alte Frau, die Maiskolben aus frisch geernteten Stängeln löst. Freundlich blickt sie auf und nickt bekräftigend auf unsere Frage, ob wir vor dem Agadir stehen. Als sie merkt, dass wir gern hineinschauen möchten, räumt sie bereitwillig ihre Ernte beiseite. Vorsichtig öffnet sie die Tür und scheucht zuerst einige Hühner zur Seite. Offensichtlich nutzt sie den Speicher selbst.

In einer der Kammern wohnt sie; der Innenhof dient zwei Schafen und den Hühnern als Unterkunft. Lachend deutet sie auf die Tiere, die - fast wie verlegen - ihre Köpfe zusammenstecken und sich in eine Ecke zurückgezogen haben. Wir verabschieden uns herzlich, während sie uns noch lange verblüfft hinterherschaut.

Vorbei an mühsam bearbeiteten Getreidefeldern erreichen wir Tanarcht. Nach der Durchquerung eines steinigen Wadis gelangen wir zum Speicher. Wuchtige, halbrunde Ecktürme begrenzen das Bauwerk. Durch die offenstehende Eingangstür treten wir ein, zählen Kammern, von denen noch viele genutzt werden. Plötzlich stehen einige Männer hinter uns, fragen freundlich nach unserem Anliegen und versuchen, mit ihren wenigen Französischkenntnissen alles zu erklären. Bei der Verabschiedung folgt die so typische Einladung zum Tee.
Die Piste nach Igharmane möchten wir unserem Auto nicht zumuten, also nutzen wir die zwei Kilometer von der Asphaltstraße für eine kleine Wanderung. Dort angekommen, entdecken wir auf dem Dorfplatz neben dem Speicher einen „mobilen“ Laden: Ein Händler hat seine Waren rund um sein Auto ausgebreitet. Eine Frau begutachtet die Auslage, wendet sich jedoch sofort uns zu. Offenbar ist unser Interesse so eindeutig, dass sie gleich fragt: „Agadir?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, schickt sie einen Jungen zum Nachbarhaus. Kurz darauf erscheint ein Mann mit einem überdimensionalen Schlüssel. Gemeinsam mit einem weiteren Dorfbewohner versucht er, die lange ungenutzte Tür zu öffnen. Schließlich gibt sie knarrend nach, und wir treten gebückt durch die niedrige Eingangspforte. Scheu bleiben einige Kinder im Türrahmen stehen. Während wir uns umsehen, wird mir plötzlich ein Handy hingehalten - jemand möchte mich sprechen. Es ist ein Dorfbewohner, der in Taliouine arbeitet. Offenbar wurde er bereits über unseren Besuch informiert und bietet Hilfe jeglicher Art an.
Wir verabschieden uns mit einer Spende für die Dorfgemeinschaft, die den Speicher renovieren möchte. Anschließend bittet man uns vor dem Haus des Dorfvorstehers zu warten. Nach kurzer Zeit tritt er heraus und überreicht uns einen Beutel frisch geernteter Mandeln - ein Zeichen aufrichtiger Wertschätzung. Noch gerührt naschen wir auf dem Weg zum Auto einige davon, als hinter uns plötzlich Pfiffe laut werden. Erst der energische Ruf „Monsieur!“ lässt uns umdrehen. Es ist jener Mann, der uns im Speicher das Telefon in die Hand gedrückt hatte. Nun bittet er uns, die Nummer eines gewissen Hakim zu notieren. Dann zieht er eine kleine Tüte Safran aus seiner Tasche, drückt sie uns in die Hand und eilt wieder davon. Die Freude über unseren Besuch muss wirklich groß gewesen sein.

Am Abend besuchen wir Hakim in seinem Schreibwarenladen. Mithilfe von Handyübersetzungen unterhalten wir uns, gelegentlich unterbrochen von Kindern, die Stifte, Radiergummis oder sogar nur einen Luftballon kaufen möchten. Freundlich erfüllt Hakim jeden Wunsch, bevor wir unser Gespräch bei frischem Safrantee fortsetzen.
Eine herrliche Wanderung führt uns nach Ghartoum. Schon von weitem weckt ein Speicher unsere Neugier. Auf dem Dorfplatz herrscht geschäftiges Treiben: Zahlreiche bunt gekleidete Frauen putzen und schneiden Gemüse, im Hintergrund dampfen Couscous-Töpfe, Brennmaterial wird herangeschafft. Eine Frau, die unsere Gesten versteht, erhebt sich, um beim Aufschließen zu helfen.
Während wir warten, gesellen sich Kinder und junge Männer zu uns. Bald stehen über zwanzig Menschen um uns herum, doch niemand spricht Französisch. Schließlich tritt ein junger Mann schüchtern vor - der Lehrer des Dorfes. Ich rufe zur Verständigung Hakim an, schildere ihm die Situation und reiche das Telefon weiter. Danach weiß Mohamed, der Lehrer, dass wir den Speicher von innen ansehen möchten und außerdem Felsgravuren im Umland suchen. Ein Mann mit Schlüssel erscheint, wir betreten den Speicher, der offenbar zu einer Mischung aus Wohnungen und Speicher umgebaut wurde - anders lassen sich die ungewöhnlichen drei Eingänge und großen Räume kaum erklären.
Diesmal nehmen wir die Einladung zum Tee an und lassen uns in einen angenehm kühlen Salon führen. Datteln, Mandeln, heißes Fladenbrot, Butter und Olivenöl werden gereicht, im Hintergrund schmort bereits eine Tajine. Nach der zeremoniellen Handwaschung genießen wir alles. Immer wieder staunen wir, wie schnell man unerwartete Gäste so reichlich bewirten kann.
Der Lehrer zeigt uns anschließend die winzige Schule, begleitet von einer Schar seiner Schüler. Der Raum ist bescheiden, die wenigen Sitzplätze machen einen versetzten Unterricht nötig. Einige Kinder posieren gern für ein Foto, bevor wir weiter flussabwärts zu den Gravuren wandern. Zu unserer großen Verblüffung unterhalten sich die Kinder im Flüsterton. Das ist neu für uns und liegt sicher an der Anwesenheit des Lehrers!
Zurück im Dorf erklärt uns Mohamed, dass die fleißigen Frauen auf dem Platz uns zum Couscous-Essen erwarten. Wir danken gerührt, können aber beim besten Willen nicht noch mehr essen. Tief beeindruckt von der offenen, herzlichen Gastfreundschaft verabschieden wir uns - als erste Touristen, an die man sich in Ghartoum erinnern kann.
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Bereits in dieser Serie erschienen:
- GPS Waypoints Marokko - Morocco - Maroc, ISBN 9783943752359
- Stadtplan Agadir + Cityplan Inezgane + Ausflugstipps - ISBN 9783943752366
- J10: Essaouira • Sidi Kaouki • Jbel El Hadid + Altstadtplan Essaouira. ISBN 9783943752717
- J12: Agadir • Taghazout • Imouzzer + Cityplan Agadir, 2019, ISBN 9783943752373
- K13: Tafraoute nord - Tizourgane – Igherm, ISBN 9783943752380
- K14: Tafraoute • Amtoudi • Aït Mansour • Tanalt • 1:120.000, 2023, ISBN 9783943752397
- K15: Amtoudi • Fam El Hisn • Ifrane • Taghjijt, 2022, ISBN 9783943752649
- L11: Asni • Imlil • Oukaïmeden • Setti-Fatma + Wanderkarte Toubkal &Lac d`Ifni, 2021, ISBN 9783943752656
- L12: Taliouine • Aoulouz • Askoun • Agadir Melloul • Jbel Sirwa, ISBN 9783943752748
- L14: Tata - Akka - Tadakoust - Jbel Bani, ISBN 9783943752663
- M11: Aït-Ben-Haddou • Ouarzazate • Skoura + Straße der Kasbahs I, 2022, ISBN 9783943752670
- M12: Taznakht • Anzal • Aït Saoun • Alloughoum • Jbel Sirwa est - ISBN 9783943752694
- M13 Foum Zguid • Tissint • PN d'Iriqui ouest • Jbel Bani, ISBN 9783943752878
- N10 Aït Bouguemez • M’Semrir • Boumalne Dadès • Kelâa M’Gouna + Straße der Kasbahs III, ISBN 9783943752885
- N11: Skoura • Kelâa M’Gouna • N’Kob • Jbel Sarhro + Straße der Kasbahs II - ISBN 978394375295
