Inside Marokko. Muriels Reisegeschichten: Als Frau alleine in Marokko

Klar werde ich immer wieder gefragt, wie es denn sei, alleine als Frau in Marokko zu reisen. Und ich antworte immer gleich: Gar kein Problem. Aber natürlich ist diese Antwort viel zu einfach. Sie ist nur einfach die praktischste Antwort auf eine Frage, die so eigentlich gar nicht gestellt werden sollte. Denn die Frage müsste lauten: Wie ist es denn so, alleine zu reisen?

 

Als Frau alleine in Marokko, Foto: Muriel BrunswigDenn tatsächlich ist das die alles entscheidende Frage. Alleine reisen muss man nämlich mögen. Es geht gar nicht darum, wo man alleine reist oder als was. Die Frage ist wirklich: Bin ich gerne alleine unterwegs? Habe ich ein Problem damit, abends alleine in einem Restaurant zu essen? Macht es mir etwas aus, alleine spazieren zu gehen, alleine Sehenswürdigkeiten anzuschauen, alleine Auto zu fahren oder im Bus zu reisen? Fühle ich mich seltsam, wenn ich alleine in einem Café sitze oder am Strand? Und wie ist es mit Begegnungen unterwegs? Bin ich offen genug dafür? Bin ich der Typ dafür, immer wieder angesprochen zu werden?

Ich persönlich muss sagen: Ja, ich reise unheimlich gerne alleine. Ich habe überhaupt gar kein Problem mit all diesen Situationen. Aber ich bin auch ganz ehrlich: Ich möchte es nicht immer. 

Wenn ich dann weiterhin wirklich ehrlich und ausführlich die Frage beantworten möchte, wie es denn sei, alleine als europäische Frau durch Marokko zu reisen, muss ich erst mal zu Punkt zwei der Frage kommen, nämlich: Wie ist es denn, alleine in Marokko zu reisen?

Und da kann ich ganz konkret antworten: Da ich grundsätzlich gerne alleine reise, ist es sogar ganz wunderbar, alleine in Marokko zu reisen. Aber auch hier muss ich letzten Endes weiter ausholen. Denn wer alleine in Marokko reist, muss sich selbst auch fragen: Bin ich denn auch aufgeschlossen genug dazu? Denn alleine reisen bedeutet in Marokko immer auch, sich auf Begegnungen einlassen zu können. Alleine ist man niemals lange in Marokko. Nicht wirklich. Nicht, wenn man die europäisierten, wirklich touristischen Ecken verlässt. Ein Spaziergang in den Oasen, ohne ein „Bonjour, ca va?“ gibt es eigentlich nicht. Ein Cafébesuch ohne ein kurzes Gespräch mit dem Kellner, eine Busfahrt ohne einen kurzen Plausch mit dem Sitznachbarn über das „Woher und Wohin?“ undenkbar. Aber nicht unbedingt, weil man Tourist ist, sondern weil das einfach so Usus ist in Marokko. So machen es die Marokkaner auch untereinander. Sie reden einfach gerne und am liebsten miteinander. Dabei sind sie neugierig und wissbegierig, freuen sich über neue Kontakte und wenn möglich, auch über neue Informationen. Für mich ist das ein wunderbar liebenswerter Zug an diesen Menschen, den ich niemals missen möchte! Und deshalb: Ja, ich persönlich bin aufgeschlossen genug, um durch Marokko zu reisen.

Zugfahrt Casablanca - Marrakesch

Ich erinnere mich gut an eine Zugfahrt vor ein paar Jahren. Ich fuhr von Casablanca nach Marrakesch, ein Buch in der Hand, darauf hoffend, es auch lesen zu können. Kaum hatte ich Platz genommen, kamen unmittelbar nach mir drei Männer ins Abteil, grüßten höflich und nahmen Platz. Erst dachte ich, die drei sind Freunde, denn kaum saßen sie, begannen sie ein Gespräch miteinander. Doch als ich ihnen zuhörte, entdeckte ich, dass sie sich bis eben gar nicht kannten. Einer davon war der Direktor eines Phosphatunternehmens bei Ben Guerir, der zweite war Student der Betriebswirtschaft in Rabat und der dritte ein Geschäftsmann aus Marrakesch. Nachdem sie sich über das Woher und Wohin unterhalten hatten, wurde es konkreter. Der Student hatte einen Onkel, der auf den Phosphatfeldern arbeitete und sich über die dortigen Arbeitsbedingungen beschwert hatte. Der Direktor wiegelte ab, meinte, es würden dort alle staatlich vorgegebenen Sicherheitsvorkehrungen eingehalten, doch der Student sah das anders und bald gab sich ein Wort das andere. Es wurde heftig diskutiert, heftig und laut, bis der dritte Mann im Abteil sich meiner erinnerte. Was für einen Eindruck sollte diese Touristin denn gewinnen, fragte er die beiden anderen. Sie sollten aufhören zu diskutieren, was sie sofort taten und flugs rückte ich in den Fokus der Männer. Man wandte sich höflich an mich. Fragen nach dem Woher und dem Wohin. Ich gab brav Auskunft. Aus Deutschland und nach Marrakesch. Ob ich das erste Mal in Marokko sei und wie es mir gefalle…, der Streit war vergessen, sie lauschten meinen Erzählungen, bewunderten mein Arabisch, teilen ihren Reiseproviant mit mir und als der Zugkellner kam, spendierte der Direktor dem ganzen Abteil einen Kaffee... so plätscherte die Zugfahrt vor sich hin und als wir in Marrakesch ankamen, schlugen sich die Männer kräftig gegenseitig auf den Rücken, man verabschiedete sich und jeder ging seines Weges.

Begegnungen wie diese gibt es andauernd, wenn man alleine in Marokko unterwegs ist. Eigentlich gibt es sie auch, wenn man zu zweit unterwegs ist, aber alleine eben häufiger. Und dabei ist es erst einmal vollkommen egal, ob man eine Frau oder ein Mann ist. Manchmal sind die Begegnungen profaner, manchmal auch ein wenig anstrengender. Manchmal dienen sie nur dem Zweck, den vermeintlich unwissenden Touristen Geld aus der Tasche zu locken, meist aber tatsächlich sind es einfach nur Begegnungen. Und zwar ganz häufig sehr schöne. Denn wie oft schon wurde ich bei solchen Begegnungen eingeladen, zum Essen, zum Tee, in abgelegeneren Regionen sogar auch zum Übernachten. Und das, das ist es, was ich am Alleinreisen am meisten schätze, denn man lernt die Menschen kennen, die in dem Land leben, in dem man reist und bekommt so einen vollkommen anderen Zugang dazu. Und man ist eben mittendrin. Und bleibt nicht außen vor.

Und erst, wenn man das mag und als Teil der Reise sehen kann und keine Angst hat vor diesen Begegnungen, erst dann darf man sich dem Teil 3 der eigentlichen Frage zuwenden. Wie ist es denn, so alleine als Frau in Marokko unterwegs zu sein?

Tatsächlich ist dieser Teil der Antwort der allerleichteste: Ganz einfach nämlich: Gut. Warum auch nicht? Die Frage: Wie ist es, als Frau alleine in Marokko zu reisen, impliziert was genau? Dass man als Frau andauernd überfallen, angemacht und in fremde Schlafzimmer gezerrt wird? Dass jeder marokkanische Mann immer nur das eine will und man als Frau andauernd Sorge tragen muss, nicht vergewaltigt zu werden? Heißt das, bei so unterdrückten Frauen, wie denen in Marokko ist es unmöglich, in Marokko zu reisen, alleine, als Frau? Weil man gezwungen wird, einen Schleier zu tragen oder sich alleine gar nicht bewegen darf?

Spätestens jetzt sollte doch klar werden, wie schräg diese Frage eigentlich ist, oder?

Als Frau alleine in Marokko, Foto: Muriel Brunswig

Sie ist voller Vorurteile und falscher Vorstellungen! Alleine als Frau zu reisen, ist grundsätzlich etwas anderes als alleine als Mann zu reisen. Und zwar egal wo. Denn als Frau alleine fühlt man sich schneller unwohl oder unsicher, als alleine als Mann. Vielleicht nicht, wenn man den schwarzen Gürtel in Karate hat oder sich auch sonst bestens verteidigen kann. Nur: Das ist in Berlin nicht anders als in Marokko. Aber während in Berlin jeder wegschaut, wenn man blöd angemacht wird, sind in Marokko fast immer helfende Hände in der Nähe. Frauen solidarisieren sich in Marokko sehr schnell mit den alleine reisenden Frauen und nie, wirklich nie habe ich mich in Marokko so unwohl gefühlt, wie alleine nachts in Berlin in der U-Bahn. Und was die angeblich so unterdrückten Frauen betrifft: Come on! Bevor man solch eine Frage stellt, sollte man sich erst mal mit der Realität der marokkanischen Frauen befassen, z.B. in meinen Büchern nachlesen oder hier, in diesem Artikel, den ich vor Kurzem darüber geschrieben habe. Natürlich werden viele Frauen in vielen Bereichen unterdrückt - keine Frage, auch wenn sie rein rechtlich die gleichen Rechte und Pflichten haben wie ein Mann. Aber deshalb ist DIE marokkanische Frau doch nicht per sé unterdrückt. Außerdem, was hat das damit zu tun, ob man als Frau problemlos durch Marokko reisen kann? Und - mal davon abgesehen: Natürlich können sich die allermeisten Frauen in Marokko frei bewegen und ganz ehrlich? Sie tun es auch! Willkommen in der marokkanischen Realität.

Ich auf jeden Fall bin immer sehr gerne alleine als europäische Frau durch Marokko gereist. Später mit Kind, jetzt auch wieder häufiger alleine. Allerdings, auch das muss ich ganz klar sagen: Das ging nur dann gut, wenn ich mich auch gut gefühlt habe. Denn eines habe ich auf all meinen Reisen alleine durch Marokko, aber auch durch viele andere Länder gelernt (und ich bin durch viele andere Länder auch alleine gereist): Bin ich mies drauf, sind es meine Gegenüber meistens auch. Dazu noch eine letzte Geschichte:

So wie ich in den Wald hineinrufe

Als Frau alleine in Marokko, Foto: Muriel BrunswigIch studierte in Rabat an der Uni und mein Opa war gestorben. Ich nahm mir eine Woche frei, um nach Deutschland zu seiner Beerdigung zu fliegen. Als ich zurückkam, machte ich mir schreckliche Vorwürfe. Ich hätte dortbleiben müssen, meiner Oma beistehen, meinen Opa in seinen letzten Tagen im Krankenhaus begleiten müssen... wahrscheinlich kennen die meisten diese Art der Selbstvorwürfe. Ich versank in Selbstanklagen und Selbstmitleid und genau das strahlte ich auch aus. Denn in diesen Tagen fühlte ich mich schrecklich unwohl in Rabat. Ich hatte ständig das Gefühl, die Menschen, die mich zuvor immer so freundlich angelächelt hatten, würden mich böse anstarren. Ich fühlte mich andauernd beobachtet, hatte bei jeder Taxifahrt das Gefühl, der Fahrer würde mich über den Tisch ziehen wollen, bei jedem Cafébesuch zählte ich mein Geld dreimal nach und alleine am Strand spazieren gehen wollte ich schon gar nicht mehr. Das waren die grausten Tage meiner Zeit in Marokko. Natürlich schaffte ich es irgendwann, wieder raus aus diesem Loch zu kommen und kaum hatte ich mich wieder aufgerappelt, sah die Welt - in dem Fall Marokko - ganz anders aus. Ich konnte wieder lächeln, ich wurde wieder angelächelt, die Taxifahrer plauderten einfach nur und keiner versuchte mich zu übertölpeln, in den Cafés zählte ich mein Geld nicht mehr nach, weil ich wusste, es stimmt. Und da war wieder einmal dieser eine Moment, wo ein Groschen fiel: Nämlich ich begriff ganz plötzlich: So wie ich in den Wald hineinrufe, ruft es eben auch wieder raus. Hier, dort und überall.

Mehr über Muriel Brunswig erfahren Sie hier


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