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Wie Marokko Amerikas Schifffahrt vor Angriffen anderer Mächte schützte

Als im Winter 1777 die ersten amerikanischen Handelsschiffe mit einer neuen, kaum bekannten Flagge auf den Weltmeeren unterwegs waren, wusste kaum jemand, was diese Fahne bedeutete - außer in einem Königreich an der Schwelle zwischen Atlantik und Mittelmeer. Während Europa noch zögerte, die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten überhaupt ernst zu nehmen, traf der marokkanische Sultan Mohammed III. Alaoui eine Entscheidung, die für die junge Republik weitreichender war als viele Schlachten: Er ließ erklären, dass amerikanische Schiffe in marokkanischen Häfen willkommen seien und unter dem Schutz seiner Autorität stünden.

Marokko und die amerikanischen Handelsschiffe. Foto mit Hilfe von ChatGPT erstellt

Für die Vereinigten Staaten kam dieser Schritt zu einem Moment äußerster Verwundbarkeit. Der Bruch mit Großbritannien hatte sie nicht nur politisch unabhängig gemacht, sondern ihnen zugleich den bisherigen Schutz auf See entzogen. Bis 1776 waren amerikanische Handelsschiffe Teil des britischen Imperiums gewesen - mit allen Rechten und Risiken, aber auch mit dem Schutz einer der mächtigsten Flotten der Welt. Nach der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 war dieser Schutz über Nacht verschwunden. Was blieb, war eine junge Republik ohne Hochseemarine, ohne konsularische Vertretungen und ohne erprobte diplomatische Allianzen. Auf den großen Handelsrouten galten amerikanische Schiffe nun als leichte Beute oder zumindest als rechtlich unklare Akteure, deren Status jederzeit infrage gestellt werden konnte.

In Europa betrachtete man die neue Republik zunächst mit Skepsis. Viele Mächte zögerten, sie formell anzuerkennen - aus Vorsicht, aus taktischem Kalkül oder aus Rücksicht auf Großbritannien. In Nordafrika hingegen wurde die Lage anders gelesen. Marokko war im späten 18. Jahrhundert ein souveränes Königreich mit langer diplomatischer Erfahrung. Es kontrollierte strategisch wichtige Küsten, war in die Handelsströme zwischen Afrika, Europa und dem Atlantik eingebunden und hatte gelernt, seine Stellung zwischen den Großmächten gezielt zu behaupten.

Sultan Mohammed III. Alaoui, der seit 1757 regierte, war mit den Mechanismen internationaler Politik bestens vertraut. Er wusste, dass Anerkennung im 18. Jahrhundert weniger durch feierliche Erklärungen als durch konkrete Handlungen wirksam wurde. Wer Schiffe in Häfen zuließ, wer ihnen Schutz gewährte, wer ihr Recht auf Handel garantierte, erkannte sie de facto als legitime Akteure an. Als der Sultan am 20. Dezember 1777 verfügte, dass amerikanische Schiffe marokkanische Häfen anlaufen dürften und sich frei in den Gewässern seines Reiches bewegen könnten, war das daher weit mehr als eine Geste. Es war ein völkerrechtlicher Akt mit unmittelbaren Folgen.

Für amerikanische Kapitäne bedeutete diese Entscheidung einen seltenen sicheren Hafen in unsicheren Zeiten. In marokkanischen Gewässern galten sie nicht länger als herrenlose Außenseiter, sondern als Handelspartner unter dem Schutz einer anerkannten Autorität. Ein Angriff auf ein solches Schiff wäre nicht nur ein Übergriff auf Privateigentum gewesen, sondern ein Affront gegen den Sultan selbst - mit allen diplomatischen Konsequenzen. Genau darin lag die eigentliche Schutzwirkung: nicht in bewaffneten Geleiten, sondern in der politischen Abschreckung, die aus klarer Souveränität erwuchs.

Marokko handelte dabei keineswegs aus Idealismus. Das Königreich bewegte sich in einem komplexen Umfeld: europäische Mächte konkurrierten um Einfluss, während Algier, Tunis und Tripolis als osmanisch geprägte Provinzen mit großer Autonomie ihre eigene Seepolitik betrieben. Marokko hingegen war nie Teil des Osmanischen Reiches. Es trat als eigenständiger Staat auf, schloss Verträge aus eigenem Recht und setzte seine Ordnung selbst durch. Die Anerkennung der USA fügte sich in diese Strategie ein. Sie eröffnete neue Handelsoptionen, stärkte Marokkos Position gegenüber Europa und signalisierte, dass das Königreich eigenständig über Freund und Partner entschied.

Dass diese Beziehung nicht sofort in einen formellen Vertrag mündete, lag weniger an marokkanischer Zurückhaltung als an den inneren Problemen der Vereinigten Staaten. Kriegsschulden, institutioneller Aufbau und politische Unsicherheit lähmten den jungen Staat. Aus marokkanischer Sicht wirkte dieses Zögern zunehmend wie Desinteresse. Um die Amerikaner an die Bedeutung verbindlicher Vereinbarungen zu erinnern, griff man zu einem Mittel, das im damaligen diplomatischen Kontext durchaus üblich war: Ein amerikanisches Schiff wurde vorübergehend festgesetzt. Es war weniger ein Akt der Feindseligkeit als ein Signal - und es zeigte Wirkung. Thomas Jefferson, damals amerikanischer Gesandter, schrieb 1785, der Kaiser von Marokko habe eine grundsätzlich wohlwollende Haltung gegenüber einem Vertrag gezeigt und durch die Freilassung von Besatzungen bereits seinen guten Willen unter Beweis gestellt.

Der Wendepunkt kam mit dem marokkanisch-amerikanischen Freundschaftsvertrag, der 1786 ausgehandelt und 1787 ratifiziert wurde. Der Titel „Treaty of Peace and Friendship“ war programmatisch gemeint. Der Vertrag regelte detailliert, was zuvor nur durch Praxis und Vertrauen abgesichert war: den Schutz von Personen und Ladungen, den Umgang mit Schiffen in Häfen, konsularische Zuständigkeiten und Verfahren zur Konfliktlösung. In einer Welt ohne internationales Seerecht im heutigen Sinn war dies die Grundlage für verlässlichen Handel - und für Stabilität.

Wie sehr diese Beziehung geschätzt wurde, zeigt ein Blick auf die amerikanische Seite. Präsident George Washington wandte sich am 1. Dezember 1789 persönlich an Sultan Mohammed III. und sprach ihn als „Great and Magnanimous Friend“ an. Er dankte ausdrücklich für die Förderung des Handels und für die konsequente Einhaltung des Vertrags, die bei ihm eine „deep Impression“ hinterlassen habe. Bemerkenswert ist dabei Washingtons Offenheit: Er schildert ein Land ohne Gold- oder Silberminen, das sich erst von den Verwüstungen eines langen Krieges erholt und auf verlässliche Partner angewiesen ist. Zwischen den Zeilen wird deutlich, wie wichtig die frühe marokkanische Unterstützung für das internationale Überleben der jungen Republik war.

In der historischen Rückschau erscheint diese Episode wie eine Umkehr vertrauter Rollenbilder. Nicht eine westliche Großmacht sicherte einem nordafrikanischen Staat den Zugang zur Welt, sondern umgekehrt. Marokko verschaffte den Vereinigten Staaten in einer kritischen Phase einen rechtlichen Schutzraum, der Handel, Vertrauen und diplomatische Anerkennung ermöglichte. Der „Schutz“ amerikanischer Schiffe bestand nicht in Kanonen, sondern in Souveränität, Vertragstreue und politischer Weitsicht.

Und genau darin liegt die eigentliche Pointe dieser Geschichte. Sie widerspricht der bequemen Vorstellung, internationale Ordnung sei stets von den späteren Großmächten gesetzt worden. Als die Vereinigten Staaten noch kaum mehr waren als eine fragile Republik, war es Marokko, das ihnen durch Anerkennung, Hafenrecht und Vertragstreue einen Platz in der maritimen Welt eröffnete. Diese Ordnung entstand nicht aus Überlegenheit, sondern aus Souveränität und politischer Entscheidung. Dass dieser Beitrag heute oft ausgeblendet wird, sagt mehr über unsere Erinnerungskultur als über die Geschichte selbst. Marokkos Rolle zeigt: Wer Regeln setzt, bevor er Macht besitzt, prägt die Welt oft nachhaltiger als jene, die ihr später nur folgen.