Wie ein englischer Gelehrter Europas Blick auf den Sufismus veränderte
Kaum ein Bereich des Islam hat Europa über Jahrhunderte zugleich so fasziniert und so missverstanden wie der Sufismus. Für die einen war er geheimnisvolle Mystik, für die anderen eine vom Islam losgelöste Spiritualität; manche Orientalisten sahen in ihm eine eigenständige philosophische Strömung, andere reduzierten ihn auf emotionale Frömmigkeit oder individuelle Glaubenserfahrungen. Diesen Deutungen war eines gemeinsam: Sie betrachteten den Sufismus von außen.

Martin Lings (1909-2005), der nach seiner Konversion zum Islam den Namen Abu Bakr Siraj ad-Din annahm, gehörte zu den bedeutendsten europäischen Vermittlern islamischer Spiritualität im 20. Jahrhundert. Mit seinem Buch What is Sufism? legte er eine der einflussreichsten Einführungen in das islamische Mystikverständnis seiner Zeit vor. Sein Anliegen bestand darin, den Sufismus als das zu erklären, was er nach seinem Verständnis ist: die innere Dimension des Islam, untrennbar verbunden mit ihren religiösen Wurzeln.
Schon die Ausgangsfrage seines Buches wirkt erstaunlich einfach: Was ist Sufismus? Lings macht jedoch gleich zu Beginn deutlich, dass Definitionen allein diese Frage nicht beantworten können. Spirituelle Erkenntnis verlangt eine innere Bereitschaft, die über bloße Neugier hinausgeht - deshalb greift er auf einen alten Ausspruch der Sufis zurück: „Der Sufismus ist Geschmack." Gemeint ist eine Wahrheit, die sich erst durch persönliche Erfahrung erschließt.
Um diesen Gedanken anschaulich zu machen, entwirft Lings ein Bild, das zu den bekanntesten seines Buches zählt: Er vergleicht die göttliche Offenbarung mit einer gewaltigen Welle, die aus dem Ozean der göttlichen Wirklichkeit hervorgeht und den Menschen erreicht. Der Sufismus ist für ihn die bewusste Bewegung zurück zu diesem Ursprung, im Einklang mit der Welle. Damit gewinnt der oft abstrakt wirkende Begriff Klarheit: Der spirituelle Weg führt den Menschen auf dem von der Offenbarung gewiesenen Pfad zu seinem Ursprung zurück, und auch das Leben in dieser Welt erhält so seine Ausrichtung auf Gott.
Aus diesem Bild erwächst Lings' entscheidende Abgrenzung von vielen westlichen Deutungen: Für ihn existiert kein Sufismus außerhalb des Islam. Wer ihn von Koran und Sunna trennt, löst ihn zugleich von seiner Quelle. Spiritualität wächst aus einer religiösen Lebensordnung heraus, so wie ein Fluss seine Lebenskraft aus seiner Quelle bezieht - der Sufismus bewahrt seine Eigenart nur in der Verbindung mit der Offenbarung.
Von dieser Quelle aus richtet Lings den Blick auf den Ort, an dem sie im Menschen wirkt: das Herz. In der islamischen Spiritualität bedeutet das Herz weit mehr als den Sitz der Gefühle. Es gilt als Ort der Erkenntnis. Dieser innere Spiegel kann seinen Glanz verlieren, wenn Vergessenheit, Egoismus und die Zerstreuung des Alltags sich über ihn legen wie Staub. Gebet, Gottesgedenken und Selbstdisziplin dienen deshalb der Reinigung des Herzens und seiner erneuten Öffnung für das Göttliche.
Diese Sichtweise prägt auch, wie Lings den Koran liest: als Wegweisung, weniger als Gesetzbuch. Verse wie „Führe uns den geraden Weg" gewinnen dadurch eine tiefere Dimension und werden zum Ausdruck einer ständigen Bewegung auf Gott hin. Auch die Worte „Wir gehören Gott, und zu Ihm kehren wir zurück" beschreiben für ihn nicht allein den Tod des Menschen, sondern die gesamte geistige Reise seines Lebens.
Wie sich diese Bewegung zwischen äußerer Form und innerer Wahrheit vollzieht, verdeutlicht ein zweites Bild: Lings beschreibt den Islam als Kreis, dessen äußerer Rand die Scharia bildet, während das Zentrum für die göttliche Wahrheit steht; die Wege dazwischen sind die spirituellen Pfade. Wer das Zentrum erreichen will, muss den Weg dorthin gehen - die äußeren Formen des Glaubens werden so selbst zum Weg, auf dem sich ihre innere Bedeutung erschließt.
Diese Einheit von äußerem Handeln und innerem Leben findet für Lings ihr vollkommenes Vorbild im Propheten Mohammed. Jeder spirituelle Weg beginnt für ihn mit dessen Nachfolge - mit einer Gottesgegenwart, die sich in Barmherzigkeit, Demut und Charakter zeigte. Darin erkennt Lings den Maßstab authentischer islamischer Spiritualität.
Martin Lings verstand den Sufismus nie als Randerscheinung des Islam. Für ihn führte jeder Weg nach innen zugleich tiefer in das Verständnis der Offenbarung hinein. Gerade darin unterschied sich sein Denken von vielen europäischen Deutungen seiner Zeit. Er lud seine Leser ein, den Sufismus nicht als exotische Mystik zu betrachten, sondern als jene innere Dimension des Islam, aus der Glaube, Erkenntnis und gelebte Erfahrung ihre Einheit gewinnen.