Vom Drâa-Tal zur Wissenschaft: Ein Leben zwischen Felsen und Forschung
Es kann kein Zufall gewesen sein, dass uns ein Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Jahr 2018 den Kontakt zu El Hassane Beraaouz vermittelte. Im Laufe der Jahre haben wir einen guten Freund gefunden, der uns mit seinem Wissen und seinen Landeskenntnissen zuverlässig unterstützt.

Lassen wir ihn zu Wort kommen:
Meine Geschichte beginnt am 6. September 1959 im Herzen des Drâa-Tals, in einem kleinen, abgelegenen Dorf zwischen Ouarzazate und Zagora. Stellen Sie sich einen leuchtend grünen Palmenhain vor, ein Band des Lebens, eingebettet zwischen zwei kargen, mineralischen Bergen: Jbel Kissane im Norden und Jbel Tabanit im Süden. In diesem auffälligen Kontrast zwischen der Kühle der Oasen und der Hitze der Steine wurde meine Berufung geboren. Als Kind verbrachte ich meine Tage damit, diese beiden Berge zu erkunden, die wie Wächter über unser Tal wachten. Während die anderen Kinder in den unbefestigten Gassen Ball spielten, war ich bereits ein angehender „Forscher”. Ich machte mich auf die Suche nach „Steinen mit Geheimnissen”.
Meine andere Welt war der Palmenhain. In den Ferien, nach meinen Ausflügen auf der Suche nach Fossilien, half ich meiner Familie beim Dattelpflücken. Ich erinnere mich noch gut an die Hitze, die Süße der Früchte und den Duft der reifen Datteln. Wir verkauften sie dann an Touristen, die durch das Tal kamen und von dieser Kulisse am Ende der Welt begeistert waren. Ohne es zu wissen, waren diese beiden Aktivitäten - die Suche nach Fossilien und der Handel mit Datteln - die ersten Bausteine eines Gebäudes, das mein Leben prägen sollte: das Verständnis der Erde und die Weitergabe dieses Wissens.
Mit 12 Jahren war El Hassanes Wechsel in ein Internat unumgänglich. Sieben Jahre der Einsamkeit fern der Familie und harter Arbeit nimmt er auf sich, um das Abitur zu erlangen. Den anschließenden Studiengang „Wissenschaften der Erde und des Universums” schließt er 1984 mit dem Master in Geowissenschaften ab.
Zielstrebig schreitet er beruflich voran, von 1986 bis 1991 empfindet er die tiefe Freude, als Dozent und Forscher an der Universität Hassan II in Casablanca tätig zu sein. Doch der Ehrgeiz lässt ihm keine Ruhe. 1991 beantragt er eine Freistellung für einen Wechsel an die Universität Paris Sud (heute Paris-Saclay). Dort will er sein Wissen vertiefen, um Spezialist in seiner Fachrichtung zu werden und möchte seine Staatsdoktorarbeit vorbereiten.
Die vier Jahre, die ich in der Pariser Region verbrachte, waren die anstrengendsten meines Lebens, aber auch die lehrreichsten. Mein mageres marokkanisches Gehalt reichte, selbst als Entsandter, kaum aus, um die Miete in einem Pariser Vorort zu bezahlen. Forschungsstipendien waren rar und heiß umkämpft; ich habe keines bekommen. Ich musste also Mut und Einfallsreichtum beweisen, um zu überleben. An den Wochenenden und in den Semesterferien stand ich um vier Uhr morgens auf, um auf den Märkten im Großraum Paris zu arbeiten. Ich habe alles gemacht: Obst- und Gemüselaster entladen, Stände aufgebaut, verkauft, den Händlern geholfen. Die Nächte waren kurz, der Pariser Winter bitterkalt. Aber jede Stunde, die ich auf diesen Märkten verbrachte, war eine gewonnene Stunde für meine Doktorarbeit. Abends kehrte ich erschöpft zu meinen Gesteinen, meinen Analysen mit der Elektronenmikrosonde und meinen geochemischen Daten zurück. Der Kontrast war heftig, aber er hat mich zu einer unerschütterlichen Entschlossenheit geführt.
Diese Jahre haben ihn Ausdauer und den Wert der Arbeit gelehrt. Seine Anstellung als Dozent in der Universität Ibn Zohr in Agadir steht nun auf einem soliden wissenschaftlichen Fundament, so dass er mit der ihm innewohnenden Leidenschaft in der Geochemie forscht, Beiträge veröffentlicht und an internationalen Kolloquien teilnimmt. Generationen von jungen, wissbegierigen Studenten lassen sich von seiner Leidenschaft und Freude anstecken und begleiten ihn zu regelmäßig stattfindenden Exkursionen.
El Hassane sagt rückblickend selber: Ich habe diesen Beruf bis zu meiner Pensionierung im Jahr 2024 mit derselben Leidenschaft ausgeübt. Wenn ich zurückblicke, wird mir bewusst, wie weit ich gekommen bin: vom Palmenhain am Drâa, wo ich mit kindlichen Augen nach Fossilien suchte, bis zum Universitätslehrstuhl, wo ich Hunderte von Geologen ausgebildet habe. Meine berufliche Laufbahn war kein langer, ruhiger Fluss, sondern ein Weg voller Hindernisse, Entscheidungen und Begegnungen.
Wenn ich in einem Satz zusammenfassen müsste, was mich während meiner gesamten Laufbahn angetrieben hat, würde ich sagen, dass die größte Freude an meinem Beruf darin bestand, mit jungen Menschen zu arbeiten und ihnen mein Wissen weiterzugeben.
Dieser tägliche Kontakt mit den Studenten hat es mir ermöglicht, mit den Anliegen, der Sprache und der Kultur der neuen Generationen in Verbindung zu bleiben. In meinem Alter könnte ich versucht sein, die Welt durch die Brille der Vergangenheit zu betrachten. Aber dank ihnen habe ich mir eine gewisse geistige Jugendlichkeit bewahrt. Und genau deshalb gehe ich auch im Ruhestand weiterhin mit Schülern ins Gelände, um meine Leidenschaft für Höhlen, Steine, Mineralien und Fossilien mit ihnen zu teilen.
Die Region Souss-Massa, sein Lebens- und Wirkungsbereich, ist mit zahlreichen Kalksteinaufschlüssen und darin enthaltenen Karstsystemen ein Paradies für Höhlenforscher, einer Leidenschaft, der El Hassane sich jetzt voll widmen kann.
Was mich an der Höhlenforschung fasziniert, ist ihr zutiefst interdisziplinärer Charakter. Einerseits erfordert sie fundiertes wissenschaftliches Wissen: natürlich Geologie, um zu verstehen, wie diese Höhlen entstehen, aber auch Hydrologie, um den unterirdischen Wasserlauf zu verfolgen, Archäologie, um Spuren unserer Vorfahren zu entdecken, die diese Orte frequentierten, und sogar Paläoklimatologie (Wissenschaft von der Klimageschichte der Erde), die es ermöglicht, in Stalagmiten die Geschichte vergangener Klimata zu lesen. Andererseits ist es eine anspruchsvolle sportliche Aktivität, die vielfältige Fähigkeiten erfordert: Klettern, um senkrechte Wände zu überwinden, Abseilen, um in die Tiefen vorzudringen, und manchmal sogar Schwimmen, um unterirdische Seen zu durchqueren. All das erfordert eine spezielle Ausrüstung, einen starken Teamgeist und ständige Vorsicht.
Hier nimmt Win Timdouine, gelegen im westlichen Hohen Atlas als längstes bekanntes unterirdisches Karstsystem Nordafrikas einen besonderen Platz ein.
Stellen Sie sich ein gigantisches Labyrinth aus 17 Kilometern langen Gängen vor, durch die ein unterirdischer Fluss fließt, unterbrochen von vier Seen mit kristallklarem Wasser, die die jahrtausendealten Tropfsteine wie Spiegel reflektieren. Es ist eine Welt für sich, von atemberaubender Schönheit, in der die Zeit still zu stehen scheint.

Die jahrelange Arbeit mit dem Freund und Kollegen Professor Lhoussaine Bouchaou mündet in der Veröffentlichung eines Buches: La grotte de Win Timdouine : Synthèse des études scientifiques et spéléologiques au profit de la Région Souss Massa
Weiterhin ist er Mitautor verschiedener Artikel, die sich mit dem Klimawandel Marokkos beschäftigen. Die Liste seiner Veröffentlichungen ist lang, über 30 Jahre war und ist es ihm ein Bedürfnis, sein Wissen über Erde und das Wasser, diese beiden Schätze, denen ich mein Leben gewidmet habe, an Interessierte weiterzugeben.
Und wie findet man diese zahlreichen, spannenden Forschungsobjekte? Über so eine Frage kann ein passionierter Geologe nur lächeln, der in der Landschaft lesen kann, so wie andere in einem Buch.
Es handelt sich nicht um Zufall, sondern um das Ergebnis geduldiger, methodischer und leidenschaftlicher Feldarbeit in einem der schönsten Freiluftlabore überhaupt: den Bergen Marokkos. Die schroffen Gebirgszüge des Hohen Atlas und die karge Weite des Anti-Atlas sind wahre geologische Freiluftarchive, bergen unschätzbare wissenschaftliche Kleinode für den, der sie zu deuten versteht. Jeder Ausflug ins Gelände ist ein neues Abenteuer, in dem Gesteinsschichten die bewegte Geschichte unseres Planeten erzählen.
Nach seinen Wünschen für Marokkos Zukunft befragt, nennt El Hassane zwei Schwerpunkte:
1. Intensivierung der Entdeckung von Mineralvorkommen - das drückt er sehr schön aus: Den marokkanischen Untergrund zu einem Hebel für gemeinsamen Wohlstand machen.
2. Der Kampf gegen den Klimawandel: Ich wünsche mir sehnlichst, dass die regenreichen Jahre wieder zurückkehren, dass unsere Landschaften wieder grün werden und dass unsere Bauern in Würde von ihrer Arbeit leben können, ohne ständig Angst vor der Trockenzeit haben zu müssen.
marokko-erfahren und El Hassane Beraaouz
Unser erstes Zusammentreffen fand in einem Café in Agadir statt. Aufmerksam und interessiert lässt sich El Hassane von unserem Kartenprojekt berichten, schnell ist eine gemeinsame Basis gefunden. Der erste gemeinsame Ausflug führt uns zur Fossiliensuche in einen Bereich des Hohen Atlas. Nachdem wir versteinerte Muscheln und Schneckenhäuser gesammelt haben, erklärt uns El Hassane in einem kleinen Touristenshop am Rand der Straße den Unterschied zwischen echten und gefälschten Exemplaren.
Wie lange haben wir die Felsgravuren am Unterlauf des Oued Massa gesucht… El Hassane führt uns über eine große Fläche, auf der einst prähistorische Steinwerkzeuge hergestellt wurden, punktgenau zu den Gravuren.
Seitdem unterstützt er uns zuverlässig, indem er uns zu Exkursionen einlädt, Beiträge mit seinem geologischen Wissen erweitert und Fotos zur Verfügung stellt. Siehe https://www.marokko-erfahren.de/erleben/sehenswertes/hoehlen-grotten.
