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Wie Marokko und die Niederlande Weltgeschichte schrieben

#VergesseneVerbindungen: Es ist eines der faszinierendsten und zugleich am wenigsten bekannten Kapitel der europäischen und nordafrikanischen Geschichte. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts gingen die protestantische Republik der Vereinigten Niederlande und das islamische Saadier-Sultanat von Marokko eine Partnerschaft ein, die den politischen Konventionen ihrer Zeit widersprach.

Fiktive Darstellung mit Hilfe von ChatGPT erstellt

Während Europa von Religionskriegen erschüttert wurde, fanden zwei Staaten unterschiedlicher Kulturen und Glaubensrichtungen über gemeinsame Interessen zusammen. Ihr Bündnis beruhte nicht auf Ideologie, sondern auf Pragmatismus - und veränderte das Kräfteverhältnis im westlichen Mittelmeer nachhaltig.

Wer heute an die Beziehungen zwischen Marokko und den Niederlanden denkt, verbindet sie meist mit der Migrationsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Tatsächlich reichen ihre Wurzeln jedoch mehr als vierhundert Jahre zurück.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts befand sich die junge Republik der Sieben Vereinigten Provinzen in einem existenziellen Überlebenskampf. Im Achtzigjährigen Krieg kämpfte sie um ihre Unabhängigkeit von der spanischen Krone und damit gegen mächtigste katholische Monarchie Europas.

Zur gleichen Zeit sah sich auch Marokko unter Sultan Mulay Zidan mit dem wachsenden Druck Spaniens konfrontiert. Spanien kontrollierte weiterhin wichtige Festungen an der marokkanischen Küste. Gleichzeitig begann 1609 die Vertreibung der Morisken aus Spanien - jener muslimischen Bevölkerung, die jahrhundertelang Teil der iberischen Gesellschaft gewesen war.

Beide Staaten erkannten rasch, dass sie denselben geopolitischen Gegner hatten. Der oft zitierte Grundsatz „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ wurde zur Grundlage einer der ungewöhnlichsten Allianzen der frühen Neuzeit.

Mit den Verhandlungen des Jahres 1610 und den folgenden Vereinbarungen entstand eines der frühesten diplomatischen Bündnisse zwischen einem protestantischen europäischen Staat und einem islamischen Sultanat.

Für die junge Republik war diese diplomatische Anerkennung von unschätzbarem Wert. Marokko gehörte zu den ersten außereuropäischen Staaten überhaupt, die die Vereinigten Niederlande diplomatisch anerkannten. Gleichzeitig erhielt das Sultanat einen leistungsfähigen Partner, der weder koloniale Ansprüche auf marokkanisches Territorium erhob noch unter dem Einfluss Spaniens stand.

Marokko verfügte über einen florierenden Zuckerhandel, bedeutende Handelsnetzwerke und strategisch gelegene Atlantikhäfen. Die Niederlande wiederum besaßen die modernste Schiffbauindustrie Europas, hervorragend ausgebildete Seeleute und eine rasch wachsende Handelsflotte. Religion spielte dabei erstaunlich selten die Hauptrolle. Beide Seiten verband der Wunsch nach wirtschaftlicher Stärke, politischer Unabhängigkeit und freien Handelswegen. Die Zusammenarbeit entwickelte sich schnell zu einer Erfolgsgeschichte.

Die Handelsbeziehungen verschafften beiden Seiten erhebliche wirtschaftliche Vorteile. Der lukrative Handel mit marokkanischem Zucker, Gold sowie weiteren Handelsgütern stärkte die wirtschaftliche Basis der jungen Republik. Im Gegenzug lieferten niederländische Werften modernste Schiffe, Kanonen, Pulver, nautische Instrumente und militärische Ausrüstung nach Marokko. Damit ignorierten die protestantischen Niederlande bewusst päpstliche Verbote, die christlichen Staaten den Waffenhandel mit muslimischen Reichen untersagten.

Noch bedeutender war jedoch die strategische Zusammenarbeit. Marokko öffnete seine Atlantikhäfen für niederländische Schiffe. Dadurch entstanden wichtige Versorgungs- und Handelsstützpunkte an der Schwelle zwischen Atlantik und Mittelmeer. Von hier aus konnten niederländische Flotten ihre Handelsrouten absichern und zugleich den Druck auf Spanien erheblich verstärken.

Historiker sehen in dieser Partnerschaft einen von mehreren Faktoren, die den Aufstieg der Niederlande zur führenden See- und Handelsmacht des 17. Jahrhunderts begünstigten. Während Spanien zunehmend unter militärischer Überdehnung litt, erschlossen sich die Niederländer neue Handelsräume vom Atlantik bis nach Asien. Marokko spielte dabei als strategischer Partner am Eingang zum Mittelmeer eine weit bedeutendere Rolle, als vielen heute bewusst ist.

Samuel Pallache - Diplomat zwischen zwei Welten

Samuel Pallache, geb. 1550 in Fès, gest. 1616 in Den Haag

Keine Persönlichkeit verkörpert diese Allianz eindrucksvoller als Samuel Pallache. Der in Fès geborene Jude stammte aus einer sephardischen Familie, die nach der Vertreibung aus Spanien in Marokko eine neue Heimat gefunden hatte. Samuel Pallache gilt als einer der ersten offiziell akkreditierten marokkanischen Botschafter in den Niederlanden. Zugleich war er Kaufmann, Reeder, Diplomat, Dolmetscher und politischer Vermittler - eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die mühelos zwischen den Kulturen Europas und Nordafrikas wechselte.

Im Auftrag Sultan Mulay Zidans reiste er nach Den Haag und gewann dort rasch das Vertrauen des Statthalters Moritz von Oranien. Mit offizieller Genehmigung rüstete Pallache eigene Schiffe aus und erhielt Kaperbriefe gegen Spanien. Seine Flotte operierte im Atlantik und Ärmelkanal gegen spanische Handelsschiffe. Die erbeuteten Waren wurden nach den damals geltenden Regeln zwischen den Beteiligten aufgeteilt - eine ungewöhnliche Verbindung aus Diplomatie, Handel und Seekrieg. Als Samuel Pallache 1616 starb, wurde sein Begräbnis mit außergewöhnlichen Ehren begangen - ein sichtbares Zeichen für das hohe Ansehen, das der marokkanische Diplomat am Hof der Oranier genoss.

Lieber türkisch als päpstlich

Wie konnte eine solche Allianz in einer Zeit erbitterter Religionskriege überhaupt funktionieren? Die Antwort überrascht. Bereits während des niederländischen Unabhängigkeitskampfes war unter Teilen der protestantischen Bevölkerung der Satz entstanden: „Lieber türkisch als päpstlich.“ Mit „türkisch“ war damals die islamische Welt insgesamt gemeint. Der Satz war keineswegs Ausdruck religiöser Nähe zum Osmanischen Reich oder zu Marokko. Vielmehr spiegelte er die Ablehnung der spanisch-katholischen Vorherrschaft wider.

Als der marokkanische Gesandte Ahmad ibn Qasim al-Hajari 1613 die Niederlande besuchte, griffen beide Seiten diesen Gedanken auf. Sie verwiesen auf Gemeinsamkeiten zwischen Protestantismus und Islam - etwa die Ablehnung der Heiligenverehrung, religiöser Bildnisse und einer übergeordneten päpstlichen Autorität. Religion wurde damit zu einem Instrument der Diplomatie. Nicht die Unterschiede bestimmten das Verhältnis, sondern die gemeinsamen Interessen.

Eine Geschichte mit erstaunlicher Aktualität

Die Allianz zwischen Den Haag und Marrakesch war keine Zweckgemeinschaft zweier Randmächte. Sie verband vielmehr zwei aufstrebende Akteure, die den Mut hatten, die politischen Regeln ihrer Zeit neu zu schreiben. Während Spanien und Portugal ihre Macht vor allem auf militärische Expansion stützten, setzten Marokko und die Niederlande auf Handel, Diplomatie und gegenseitigen Nutzen. Gerade darin lag die eigentliche Modernität ihrer Partnerschaft.

Vierhundert Jahre später erscheinen die religiösen Gegensätze jener Epoche größer, als sie für die damaligen Diplomaten tatsächlich waren. Sie wussten, dass Handel Vertrauen braucht und Vertrauen den Dialog. Die Allianz zwischen Marokko und den Niederlanden erinnert deshalb bis heute daran, dass Globalisierung, Technologietransfer und strategische Partnerschaften keine Erfindungen der Moderne sind. Bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts arbeiteten zwei völlig unterschiedliche Kulturen erfolgreich zusammen, weil sie gemeinsame Interessen über ideologische Gegensätze stellten.

Geschichte erzählt häufig von Schlachten, Königen und Eroberungen. Doch manchmal verändern Kaufleute, Diplomaten und Seefahrer den Lauf der Welt nachhaltiger als ganze Armeen. Genau das geschah vor mehr als vierhundert Jahren zwischen Marrakesch und Den Haag. Die Geschichte dieser Allianz erzählt deshalb weit mehr als ein bemerkenswertes Kapitel der Vergangenheit. Sie erinnert daran, dass Brücken zwischen Kulturen dort entstehen, wo Vertrauen wächst, gegenseitiger Respekt gelebt wird und Menschen den Mut haben, über die Grenzen ihrer eigenen Welt hinauszublicken.