VV: Wie Marokko als erster Staat der Welt Amerika anerkannte
(Vergessene Verbindungen) Am 4. Juli 1776 erklärten die Vereinigten Staaten ihre Unabhängigkeit - und standen im selben Atemzug ohne Schutz da. Bis dahin hatten amerikanische Handelsschiffe unter britischer Flagge gesegelt, gedeckt von der Macht der Krone. Mit der Loslösung verschwand dieser Schutz über Nacht.

Auf den Weltmeeren war die junge Nation nun kaum mehr als ein Gerücht: ohne Kriegsflotte, ohne diplomatisches Netz, ohne einen einzigen Staat, der bereit gewesen wäre, sich offen zu ihr zu bekennen. Im achtzehnten Jahrhundert war das keine Formsache. Wer einer Nation seine Häfen öffnete, erkannte ihre Existenz an - und wer sie verschloss, sprach ihr diese ebenso deutlich ab.
Die Antwort kam nicht aus Europa, sondern von der nordwestlichen Spitze Afrikas. Sultan Mohammed III. regierte Marokko seit 1757 und gehörte zu den weitsichtigsten Herrschern seiner Zeit. Er baute den Hafen von Essaouira aus, reformierte Handel und Verwaltung und hielt entschlossen an der außenpolitischen Eigenständigkeit seines Reiches fest - anders als Algier, Tunis oder Tripolis war Marokko nie Teil des Osmanischen Reiches gewesen, sondern traf seine Bündnisse selbst.
Während die europäischen Höfe noch abwarteten, wie sich der Konflikt mit Großbritannien entwickeln würde, hatte der Sultan seine Entscheidung längst getroffen. Am 20. Dezember 1777 ließ er den europäischen Konsuln in Tanger, Salé, Larache und Essaouira mitteilen: Schiffe unter amerikanischer Flagge dürften seine Häfen anlaufen, unter denselben Rechten wie die Nationen, mit denen er in Frieden lebte. Ein einziger Satz - und doch die erste Geste eines souveränen Staates, der die Flagge der jungen Republik als die eines eigenständigen Landes behandelte. Monate bevor Frankreich, der spätere wichtigste Verbündete im Unabhängigkeitskrieg, 1778 offiziell nachzog.
Von Schutzschiffen war dabei nicht die Rede. Der Schutz, den Marokko bot, lag nicht in Kanonen, sondern in der politischen Wirkung einer souveränen Entscheidung: Wer unter der Autorität des Sultans handelte, war kein vogelfreier Fremder mehr auf offener See.
Es dauerte dennoch fast ein Jahrzehnt, bis aus dieser Geste ein Vertrag wurde. Die junge Republik war mit sich selbst beschäftigt - mit dem Krieg, mit dem Aufbau ihrer Institutionen, mit leeren Kassen. Aus Rabat sah man die Sache ungeduldiger. 1784 ließ der Sultan das amerikanische Handelsschiff „Betsey" aufbringen und Besatzung wie Ladung als Pfand zurückhalten, bis der Kontinentalkongress endlich verhandelte - eine im diplomatischen Alltag jener Zeit durchaus gängige Methode, säumige Partner an den Verhandlungstisch zu zwingen. Sie wirkte: 1786 wurde in Marrakesch der Treaty of Peace and Friendship ausgehandelt, von Jefferson und Adams in Paris und London gegengezeichnet und 1787 vom Kongress ratifiziert. Er regelte den Schutz von Handelsschiffen, den Status der Kaufleute, die friedliche Beilegung von Streitfällen - und er gilt bis heute als die älteste ununterbrochen bestehende Vertragsbeziehung der Vereinigten Staaten mit einem anderen Staat.
Wie sehr dieses Bündnis wog, zeigt ein Brief, den George Washington am 1. Dezember 1789 an den Sultan richtete. Er nannte ihn „Great and Magnanimous Friend" - einen großen und großmütigen Freund -, dankte für die Förderung des Handels und die verlässliche Einhaltung des Vertrags und schilderte offen, wie erschöpft die junge Nation aus einem langen, kostspieligen Krieg hervorgegangen war. Zwischen den Zeilen liest man, was ein verlässlicher Partner für eine Republik bedeutete, die noch um ihren Platz in der Welt rang.
Wenn heute von der Gründung Amerikas erzählt wird, fallen die Namen Philadelphia, Washington, Frankreich. Dass die erste ausgestreckte Hand aus Marokko kam, ist dagegen fast vergessen. Dabei zeigt diese Episode, wie wenig Größe oder Nähe darüber entscheiden, wer den Lauf der Geschichte mitbestimmt: Es war der klare Blick eines einzelnen Herrschers, der einer jungen Nation, lange bevor sie selbst zur Weltmacht wurde, ihren Platz in der Welt eröffnete.