Marokko und die VAE: Eine Verbindung, die älter ist als die Föderation
Der Staatsbesuch von Scheich Mohamed bin Zayed Al Nahyan in Deutschland im September 2026 lenkte den Blick auf einen Staat, der innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem bedeutenden politischen und wirtschaftlichen Akteur geworden ist. Es war der erste Staatsbesuch eines Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate in der Bundesrepublik. Deutschland und die Emirate vereinbarten einen Strategischen Dialog; zugleich kündigten die VAE Investitionen von 40 Milliarden Euro in Deutschland an.
Die Vereinigten Arabischen Emirate, wie wir sie heute kennen, existieren jedoch erst seit 1971. Wer in die Jahre ihrer Entstehung zurückblickt, stößt bemerkenswert früh auf Marokko. Noch bevor die Föderation gegründet war, begegneten sich zwei Herrscher, deren persönliche Verbindung das Verhältnis ihrer Länder über Jahrzehnte prägen sollte: König Hassan II. und Scheich Zayed bin Sultan Al Nahyan.
Als die Föderation noch im Entstehen war
Scheich Zayed hatte 1966 die Herrschaft in Abu Dhabi übernommen. Als Großbritannien 1968 ankündigte, seine militärische Präsenz am Golf bis Ende 1971 zu beenden, stellte sich für die unter britischem Schutz stehenden Emirate die Frage nach ihrer politischen Zukunft. Am 18. Februar 1968 verständigten sich Scheich Zayed und Scheich Rashid bin Saeed Al Maktoum, der Herrscher von Dubai, auf das Projekt einer Föderation. Ursprünglich sollte dieser Zusammenschluss neben den sieben heutigen Emiraten auch Bahrain und Katar umfassen.
Es folgten mehrere Jahre intensiver Verhandlungen über die Gestalt des künftigen Staates. Auf Einladung König Hassan II. reiste Scheich Zayeds nach Rabat, wo die beiden Herrscher am 7. April 1971 zusammentrafen. Fotografien im Nationalarchiv der Vereinigten Arabischen Emirate dokumentieren diese Begegnung.
Das Datum gibt dem Treffen seine besondere historische Bedeutung. Als Scheich Zayed in Rabat eintraf, waren die Vereinigten Arabischen Emirate noch Zukunft. Die Verhandlungen über die Föderation dauerten an, ihre endgültige Zusammensetzung stand noch nicht fest. Erst mehr als drei Monate später, am 18. Juli 1971, beschlossen Abu Dhabi, Dubai, Sharjah, Ajman, Umm Al Quwain und Fujairah, gemeinsam einen Bundesstaat zu bilden.
Am 2. Dezember 1971 wurden die Vereinigten Arabischen Emirate gegründet und Scheich Zayed ihr erster Präsident. Ras al-Khaimah schloss sich der Föderation am 10. Februar 1972 an.
Die Begegnung mit Hassan II. gehört damit in jene wenigen Monate, in denen aus dem lange verfolgten Projekt Scheich Zayeds politische Wirklichkeit wurde. Zugleich markiert sie einen frühen Punkt in der Geschichte der Beziehungen zwischen Marokko und den Emiraten. Und diese Geschichte führte Scheich Zayed schon bald erneut nach Marokko. Nach offiziellen emiratischen Angaben war Marokko das erste arabische Land, das er nach der Gründung der Föderation besuchte. Rabat erscheint damit zweimal in der frühen politischen Geschichte des neuen Staates: während seiner Entstehungsphase und erneut nach seiner Gründung.
Ein Vierzehnjähriger beim Grünen Marsch
Nur vier Jahre später erhielt die Verbindung eine weitere, damals kaum absehbare Dimension. Im November 1975 folgten Hunderttausende Menschen dem Aufruf Hassan II. zum Grünen Marsch. Auch Delegationen aus mehreren Golfstaaten nahmen daran teil. Unter den Teilnehmern aus den Vereinigten Arabischen Emiraten befand sich ein 14 Jahre alter Sohn Scheich Zayeds: Mohamed bin Zayed Al Nahyan.
Jahrzehnte später erinnerte Mohammed VI. selbst an diese Episode. Beim Gipfeltreffen zwischen Marokko und den Staaten des Golf-Kooperationsrates im April 2016 in Riad nannte er die Delegationen aus Saudi-Arabien, Kuwait, Katar, Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die 1975 am Grünen Marsch teilgenommen hatten. Mohamed bin Zayed erwähnte der König ausdrücklich als damals 14-jährigen Teilnehmer.
Die Episode erhält aus heutiger Sicht eine besondere Bedeutung. Im April 1971 war Scheich Zayed Hassan II. in Rabat begegnet. Vier Jahre später nahm sein Sohn an einem der einschneidendsten politischen Ereignisse der Regierungszeit des marokkanischen Königs teil. Und jener Jugendliche steht heute als Präsident an der Spitze der Vereinigten Arabischen Emirate. Damit reicht die Verbindung nicht allein von Staat zu Staat. Sie führt sichtbar von einer Generation zur nächsten.
Aus der Begegnung wurde eine dauerhafte Beziehung
|
Quellen: National Archives of the United Arab Emirates * Ministry of Foreign Affairs of the United Arab Emirates * Emirates News Agency * Rede Mohammeds VI. beim Marokko-GCC-Gipfel in Riad 2016 * Symposium über die Beziehungen zwischen den VAE und Marokko 2018 * Bundesregierung: Gemeinsame Erklärung anlässlich des Staatsbesuchs des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate in Deutschland 2026. |
|
Die persönlichen Kontakte der frühen Jahre entwickelten sich zu einer festen staatlichen Partnerschaft. Bereits 1972 nahmen Marokko und die Vereinigten Arabischen Emirate diplomatische Beziehungen auf. Über die folgenden Jahrzehnte wuchs daraus eine Zusammenarbeit, die politische und wirtschaftliche Fragen ebenso umfasste wie die Beziehungen zwischen den beiden Herrscherfamilien.
Wie Hassan II. und Scheich Zayed selbst diese Verbindung verstanden, lässt sich besonders deutlich an einer späteren Erinnerung Mohammeds VI. erkennen. Im November 2018 richtete der König eine Botschaft an ein Symposium in Rabat, das Scheich Zayed und dessen Rolle beim Aufbau der Beziehungen zwischen Marokko und den Vereinigten Arabischen Emiraten gewidmet war.
Mohammed VI. führte die Grundlagen dieser langjährigen Verbindung ausdrücklich auf Hassan II. und Scheich Zayed zurück. Dabei stellte er auch eine politische Gemeinsamkeit heraus: Scheich Zayed hatte auf die Einigung der Emirate hingearbeitet, während Hassan II. später zu den treibenden Kräften einer engeren Zusammenarbeit der Staaten des Maghreb gehörte. Beide verband die Vorstellung, dass regionale Zusammenarbeit politischen Handlungsspielraum schaffen konnte.
Für die Nähe zwischen den beiden Ländern fand Hassan II. ein noch persönlicheres Bild. Mohammed VI. erinnerte daran, dass sein Vater Marokkaner und Emiratis mit Zwillingen verglichen hatte, die lediglich durch die Geografie voneinander getrennt seien. Diese Worte erklären nicht allein eine diplomatische Beziehung. Sie zeigen, welchen Stellenwert die Verbindung zu den Emiraten bereits für Hassan II. besaß.
Von Rabat nach Berlin
Nach dem Tod Hassan II. 1999 und Scheich Zayeds 2004 wurde die Beziehung von der nächsten Generation weitergeführt. Mohammed VI. und Mohamed bin Zayed begegnen sich heute als Staatsoberhäupter zweier Länder, deren Zusammenarbeit längst über die persönlichen Beziehungen ihrer Familien hinausgewachsen ist.
Damit führt die Geschichte zurück zum September 2026. Als Mohamed bin Zayed in Berlin von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfangen wurde und anschließend mit Bundeskanzler Friedrich Merz über Investitionen, Energie, künstliche Intelligenz, Sicherheit und die weitere strategische Zusammenarbeit sprach, repräsentierte er einen Staat, der sich seit seiner Gründung grundlegend verändert hat. Aus der jungen Föderation von 1971 ist ein international agierender politischer und wirtschaftlicher Akteur geworden. Gerade diese Entwicklung macht den Blick zurück interessant.

Am 7. April 1971 empfing Hassan II. Scheich Zayed in Rabat. Die Vereinigten Arabischen Emirate existierten noch nicht. Wenige Monate später entstand die Föderation. Nach ihrer Gründung führte Zayeds Weg erneut nach Marokko. 1975 nahm sein 14-jähriger Sohn Mohamed am Grünen Marsch teil. Jahrzehnte später erinnern Mohammed VI. und Mohamed bin Zayed an eine Beziehung, deren Geschichte bereits ihre Väter miteinander verband.
So steht hinter der heutigen Partnerschaft zwischen Marokko und den Vereinigten Arabischen Emiraten eine Verbindung, die älter ist als die Föderation selbst.