Liebe, Migration und der arabische Frühling

Mathias Énards „Straße der Diebe“ erzählt mit einem wunderschönen Anfang und einem tragischen Ende von den Irrwegen eines jungen Mannes im heutigen Marokko. Eine schöne Erzählung über einen Marokkaner, der im Roman „Lakhdar“ genannt und in Barcelona zum Mörder wird.

 

Über den Roman „Straße der Diebe“ von Mathias Énard, Foto: Youssef Bouhsini, bei unsplash.com

Über den Roman „Straße der Diebe“ von Mathias Énard

In „Straße der Diebe“ stellt der Autor viele grundlegende Fragen der Einwanderung und Entfremdung in Verbindung mit Liebe und Abenteuer. Der Roman führt den Leser durch mehrere Städte und Länder, vom kosmopolitischen Tanger über Barcelona mit arabisch-andalusischem Hintergrund, bis nach Tunesien und Algeciras.

In den drei Kapiteln dieses narrativen Romans findet man viele gesellschaftliche und menschliche Aspekte in Verbindung mit einer soziologischen Reflektion über die Themen Liebe, Migration und arabische Bewegung. Der Erzähler berichtet aus dem Alltag eines marokkanischen Jungen aus Tanger und von seinen Abenteuern: ein Junge ohne Geschichte, mit dem Willen zur Freiheit und der Leidenschaft für das Leben in einer marokkanischen Gesellschaft, der aber diese Freiheit fehlt und in der die Menschen unter Zwang stehen.

Der Schriftsteller nennt seinen Protagonisten Lakhdar, was auf Arabisch „der Grüne“ bedeutet, eine Anspielung auf die Farbe aber auch ein Symbol für den arabischen Frühling ist.

Der Romanheld kehrt diesem arabischen Frühling den Rücken und zieht es vor, das Land zu verlassen. Sein Traum von der Migration nach Europa verwandelt sich jedoch in einen Alptraum. Er ist obdachlos geworden und findet sich inmitten wütender Spanier wieder, verliert seinen Traum einer sicheren Zukunft. Er wird zum illegalen Einwanderer, der Barcelonas „Straße der Diebe“ betritt, sodann sogar zum Mörder seines Freundes Bassam, ehe der Vorhang fällt.

Der Autor porträtiert seine Charaktere, die ihre individuelle Freiheit über familiäre und religiöse Bindungen stellen. Lakhdar ist in Tanger geboren und aufgewachsen, aber diese Stadt hat ihn ausgespuckt. Er ist fasziniert von seiner Cousine Maryam und hat ein Auge auf sie geworfen. Sie lebt mit ihrer Mutter allein in Tanger, weil ihr Vater und ihre Brüder auf den spanischen Feldern arbeiten.

In einer Szene wirft Lakhdar einen Blick auf Maryams Unterwäsche. Er ist davon so fasziniert, dass er seinem Freund Bassam, den er in einem islamischen Zentrum in Tanger kennengelernt hat, von der roten Farbe ihres BHs erzählt.

Der Protagonist träumt von einer Zukunft in Europa und landet mit seiner Cousine im Bett. Dabei werden sie jedoch erwischt und er muss einen Skandal erdulden, der ihn endgültig darin bestätigt, Marokko zu verlassen. Er möchte nach Spanien oder Frankreich gehen oder über Deutschland weiter nach Amerika. Lakhdar denkt, dass die Deutschen keine Araber mögen, aber sein Freund Bassam sieht Deutschland ganz anders. „Um akzeptiert zu werden, reicht es Deutsch zu lernen und schon kannst du einen Aufenthaltstitel zu bekommen.“

Doch dann trifft Lakhdar in Tanger die junge Spanierin Judit und beginnt mit ihr eine Liebesbeziehung. Als sie zurück nach Spanien geht, träumt er von einem Leben bei ihr. Er trifft sich mit ihr in Tunesien, wo gerade die Zeit der Revolution und des arabischen Frühlings begonnen hat... Zurück in Marokko gelingt es Lakhdar nach Algeciras zu reisen und schließlich nach einigen Mühen illegal bis nach Barcelona und zu Judit zu kommen Das Glück sollte nicht lange währen.

Symbol des Mordes

Mathias Énard schaut mit humanem Blick auf Einwanderung und Entfremdung. Seine Erzählung bringt dem Leser das Leben der einfachen Menschen in Marokko nahe und beschreibt dabei wichtige Orte in den verschiedenen Städten, in denen der Protagonist lebt. Der Schriftsteller analysiert die ganze Gesellschaft: Lakhdar tötet seinen Freund, der ebenfalls von der Gesellschaft enttäuscht ist, und der Traum des Protagonisten, mit Maryam oder mit Judit zusammen zu leben, verflüchtigt sich wie eine vorbeiziehende Sommerwolke. Lakhdar beobachtet, wie sein Freund in islamistische Kreise gerät, sich immer mehr radikalisiert und sogar einen Terroranschlag plant. Als er glaubt, dass dieser unmittelbar bevorsteht, beendet er das Leben seines Freundes, bevor dieser in einen Terrorakt verwickelt wird, der viele Menschenleben zerstört hätte.

Der Mord an Bassam bringt Lakhdar vor Gericht, wo er sich vor den Richtern mit einer metaphorischen Aussage rechtfertigt: „Ich bin weder Marokkaner noch Franzose noch Spanier, ich bin mehr als das, ich bin kein Muslim, ich bin mehr als das. Machen Sie mit mir, was Sie wollen.“ Darin spricht auch der Autor und nimmt damit einen Standpunkt ein, der sich weigert, eine konkrete Identität anzunehmen, sondern über den Dingen stehen will. Dieser Diskurs ist gewiss der Kern des Textes.

Offene Fragen

Mathias Énard hat in seinem Text und durch den Charakter Lakhdars, den Geist der Unterschicht gut zum Ausdruck gebracht. Der Protagonist kann seine Jugend nicht ausleben und will nicht das gleiche Schicksal erleiden, wie die unterdrückte Klasse, zu der er gehört, sondern träumt von besseren Bedingungen in einem schöneren Leben. Gegen ihren Willen steuern Bassam und Lakhdar unaufhaltsam einem dramatischen Schicksal entgegen.

In seinem Text beschreibt Énard das Milieu dieser marokkanischen Realität und hinterfragt die Ursachen: warum wollen die jungen Marokkaner wie Lakhdar und Bassam nach Europa auswandern? Warum hat Lakhdar einen pessimistischen Blick auf Tunesien? Warum riskiert er einen Weg voller Gefahren und Elend? Führt die Migration von Süd nach Nord zu Freiheit und Traumerfüllung?

Identitätsdilemma

Wer den Roman liest, erlebt durch die Charaktere den Niedergang einer Gesellschaft. Lakhdars Träume haben sich alle in Luft aufgelöst. Der Stil des Schriftstellers ermöglicht den arabischen Lesern, sich in den Helden hineinzuversetzen, der in der Zeit des arabischen Frühlings sein Gleichgewicht verloren hat. Diese Enttäuschung symbolisiert die Frage der Identität in der arabischen Gegenwart.

In der Zeit der Anfänge des arabischen Frühlings will Lakhdar nach Europa auswandern. Er hat das Gefühl, nicht Teil des arabischen Frühlings zu sein, aber partizipiert in Spanien an den Protesten der jungen Menschen und ihrer Wut. Das ist ein Paradox. Diese beklemmende Situation ist gut nachzuvollziehen. Warum ist die Wahl des Schriftstellers auf einen jungen Marokkaner gefallen und nicht auf einen Helden aus Tunesien, Ägypten oder Syrien, wo der arabische Frühling begonnen hat?  Diese Wahl ermöglicht es ihm, eine kritische Distanz im Umgang mit den aktuellen Transformationen in der arabischen Welt einzunehmen. Dies kommt auch in dem Namen des Protagonisten „Lakhdar“ zum Ausdruck, der für die Farbe des Frühlings steht, aber gleichzeitig ein Symbol für die arabische Bewegung und die Araber selbst ist, die sich Freiheit erträumen. Der Charakter von Lakhdar versinnbildlicht die Stimme des arabischen Schweigens.

  Der Roman wurde 2012 im Verlag Act Sud veröffentlicht und auf der frankophonen Buchmesse in Beirut mit dem "Goncourt-East"-Preis ausgezeichnet. Die deutsche Übersetzung trägt den Titel "Staße der Diebe".
   

Der französische Schriftsteller Énard interessiert sich sehr für Marokko und den arabischen Frühling. Er hat darüber ausführlich geschrieben und versteht die Komplexität der arabischen Welt und das Dilemma der Stereotype, das viele französische Romane beherrscht. Der Autor kennt sich in der arabischen Literatur bestens aus, liest sie in ihrer Originalsprache und hat zuvor viele literarische Texte aus dem Arabischen ins Französische übersetzt. Laut Kritikern ist er einer der wichtigsten Romanautoren der jungen französischen Generation.

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