Suq Ssebbat in Fès - lebendiges Erbe von Handwerk und Handel
Wer Suq Ssebbat durch eines seiner drei Tore betritt und vom Gewürzmarkt der Parfüm- und Kräuterhändler (Suq al-Attarin) herkommt, wird sofort von einer überwältigenden Fülle kunstvoller Lederwaren in den Bann gezogen. In den Auslagen glitzern und leuchten Erzeugnisse traditioneller Handwerkskunst, gefertigt von geschickten Händen, die ihr Können über Generationen weitergegeben haben.

Entlang des schmalen Marktganges reihen sich auf beiden Seiten sorgfältig präsentiertes Schuhwerk für Männer und Jungen (Balgha, Plural: Blaghi), bestickte Hausschuhe und Festschuhe für Frauen (Scharbil, Plural: Schrabel) sowie die sogenannten Rihiya-Schuhe - in Gold, Gelb, Rot und zahlreichen weiteren Farben. Die kleinen Geschäfte, oft kaum größer als zwei Quadratmeter, wirken wie Schaufenster voller Blüten. Farben, Licht und Formen verschmelzen zu einem lebendigen Bild, das den Blick des Besuchers unweigerlich festhält.
Bemerkenswert ist, dass sich in diesem Markt nahezu alles um die Kunst des traditionellen Schuhwerks dreht. Andere Waren treten kaum in Erscheinung. Die Auslagen erzählen vielmehr die lange Geschichte eines Materials, das einen erstaunlichen Weg hinter sich hat: von den Häuten von Ziegen, Schafen und Rindern bis zum fertigen Schuh. Dieser Weg dauert Monate und führt durch zahlreiche Arbeitsgänge, begleitet von Wasser, Kalk, natürlichen und chemischen Gerbstoffen, intensiven Gerüchen und den Werkstätten der Lederhandwerker.
Die frischen Häute gelangen zunächst aus den Schlachthöfen in den Bereich der Vorbehandlung (al-Labbata), wo Haare, Wolle und Borsten entfernt werden. Anschließend werden sie in die Gerbereien gebracht, wo sie Wasserbecken, Kalkgruben, Reinigungsbäder und schließlich die farbigen Gerbfässer durchlaufen. Erst nach vielen Arbeitsschritten werden sie weich und geschmeidig genug, um weiterverarbeitet zu werden.
Danach hängen die gefärbten Häute zum Trocknen auf den Dächern und Mauern der Stadt. Die amerikanische Schriftstellerin Anaïs Nin beschrieb diesen Anblick während ihres zweiten Aufenthalts in Fès im Jahr 1966 mit poetischen Worten: „Auf den Dächern hingen Gebilde, die ich zunächst für violette Blüten hielt. Erst später erkannte ich, dass es sich um gefärbte Tierhäute und Wolle handelte, die zum Trocknen aufgehängt waren. An den Mauern der Stadt wirkten sie wie blühende Kirschbäume im Sonnenlicht.“
So beginnt die Geschichte jener Lederwaren, die schließlich im Suq Ssebbat ihren Platz finden - in einem Markt, der seit Jahrhunderten zu den bekanntesten Handelsorten der Altstadt von Fès gehört.
Ein Markt ohne Schuhe
Der Name „Ssebbat“ lässt zunächst vermuten, dass hier Schuhe verkauft werden. Tatsächlich wird das Wort im marokkanischen Alltag häufig als Bezeichnung für Schuhwerk verwendet. Paradoxerweise findet man im Suq Ssebbat jedoch keine modernen Schuhe im heutigen Sinn - weder lokale noch importierte Modelle.
Der Begriff „Ssebbat“ stammt ursprünglich nicht aus dem Arabischen. Er gelangte mit den aus Andalusien eingewanderten Familien nach Marokko und geht auf das spanische Wort Zapatero zurück, das „Schuhmacher“ bedeutet. Im Laufe der Zeit wurde daraus im marokkanischen Sprachgebrauch die allgemeine Bezeichnung für Schuhe.
Nicht weit entfernt befindet sich zudem der Markt der Sbitriyin, in dem die Rohstoffe für die Lederverarbeitung und Schuhherstellung verkauft werden.
Moderne Schuhe hingegen werden traditionell im Markt der Tarafin gehandelt. Dessen Name leitet sich von einem arabischen Wort ab, das „verzieren“ oder „schmücken“ bedeutet. Dieser Markt ist auch unter dem Namen Schrabliyin bekannt - nach den Handwerkern, die die kunstvoll bestickten Schrabel herstellen. Der Begriff Scharbil wiederum soll ursprünglich aus dem Türkischen stammen und über die Jahrhunderte in den Maghreb gelangt sein.
Suq Ssebbat bleibt dennoch einzigartig. Er ist der einzige Markt der Altstadt von Fès, der sich ausschließlich auf diese Form traditionellen marokkanischen Schuhwerks spezialisiert hat - sowohl in der historischen Qarawiyyin-Seite der Medina als auch im Stadtteil Fès Jdid.
Die Börse der Lederhändler
Viele Märkte von Fès sind auf bestimmte Kleidungsstücke oder Handwerke spezialisiert und tragen Namen, die auf ihre jeweilige Tätigkeit verweisen: den Markt der Haiks (große traditionelle Umhänge), den Markt der Sselhams (lange Wollmäntel) oder andere Fachmärkte.
Suq Ssebbat nimmt jedoch eine besondere Stellung ein. Er befindet sich innerhalb der großen überdachten Marktanlage der Qissariya, eines weitläufigen Handelskomplexes, in dem zahlreiche Gewerbe nebeneinander vertreten sind. Dort finden sich Händler für edle Stoffe, traditionelle Kleidung, Schmuck, Seidengarne und kleine Werkstätten, in denen traditionelle Gewänder gefertigt werden.
Suq Ssebbat erstreckt sich über nahezu den gesamten nördlichen Teil dieser Anlage.
Während viele andere Märkte ihre Versteigerungen unter freiem Himmel oder in eigenen Gebäuden abhalten, findet der Handel im Suq Ssebbat vollständig unter dem Dach der Qissariya statt. Dadurch können die täglichen Auktionen unabhängig von Wetter und Jahreszeit stattfinden. Sie beginnen traditionell nach dem Nachmittagsgebet und dauern bis zum Abendgebet, ausgenommen freitags. Besonders lebhaft wird es in den Tagen vor dem Fest des Fastenbrechens (Eid al-Fitr) und dem Opferfest (Eid al-Adha), wenn die Nachfrage nach traditioneller Kleidung und festlichem Schuhwerk ihren Höhepunkt erreicht.
Der Markt bietet eine große Vielfalt an Schuhwerk (Balgha) für Männer - von einfachen Modellen für den Alltag bis hin zu hochwertigen Ausführungen für religiöse Feste und besondere gesellschaftliche Anlässe. Ebenso werden Kinder-Blaghi für Beschneidungsfeiern und religiöse Feste angeboten. Besonders berühmt ist der Markt jedoch für seine Schrabel, das traditionelle Schuhwerk für Frauen, die mit feinen goldenen Stickereien verziert werden.
Trotz seines guten Rufes und seiner langen Tradition ist Suq Ssebbat in den Erzählungen der Stadt nicht frei von Legenden. Die Volksüberlieferung berichtet von Händlern mit bemerkenswertem Geschäftssinn, großer Menschenkenntnis und ausgeprägter Verhandlungskunst.
Bis in die 1970er Jahre galt der Markt als eine Art Handelsbörse für traditionelles marokkanisches Schuhwerk. Von hier aus wurden Blghi und Schrabel in viele Regionen Afrikas exportiert, insbesondere nach Senegal und in die Elfenbeinküste. Händler aus diesen Ländern kamen regelmäßig nach Fès, um ihre Waren einzukaufen. Noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurden die berühmten gelben Blghi von Fès sogar bis in den Nahen Osten exportiert.
Siehe folgende YouTube-Videos:
Über Idriss Al-Jay
Aus dem Arabischen