Staatliche Kontinuität in Marokko - Geschichte als Machtfaktor
Marokkos politische Stabilität ist kein Zufall der Gegenwart. Sie speist sich aus einem jahrhundertealten Zusammenspiel von Macht, Handel, religiöser Ordnung und institutionellem Wissen. Wer das heutige Handeln des Königreichs verstehen will, muss seine historische Tiefenstruktur lesen lernen.

Im geopolitischen Umfeld des Jahres 2026 nimmt das Königreich Marokko eine Sonderstellung ein. Während viele Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens mit tiefgreifenden institutionellen, sozialen oder identitätspolitischen Spannungen ringen, präsentiert sich Marokko als vergleichsweise stabiler Akteur mit klar erkennbaren außen und innenpolitischen Leitlinien. Diese Stabilität ist weder zufällig noch ausschließlich Ergebnis kurzfristiger politischer Entscheidungen. Sie beruht auf einem langfristig gewachsenen staatlichen Selbstverständnis, das historische Erfahrungen, institutionelle Routinen und strategisches Denken miteinander verbindet.
Der Journalist Mamouni beschreibt dieses Phänomen mit der Metapher eines strategischen Betriebssystems, eines inneren Ordnungsrahmens, der das Handeln des Staates strukturiert, ohne stets sichtbar zu sein. Diese Metapher ist analytisch hilfreich, sofern sie nicht biologistisch missverstanden wird. Es geht nicht um angeblich angeborene Eigenschaften, sondern um ein historisch akkumuliertes Wissen staatlicher Praxis, das über Generationen hinweg weitergegeben, angepasst und verfeinert wurde. Wer Marokkos heutige Entscheidungen verstehen will, muss diesen historischen Tiefenraum berücksichtigen.
Ein häufig anzutreffender europäischer Blick auf die mittelalterliche Geschichte Nordafrikas reduziert die Expansionen islamischer Reiche auf religiöse Motivation oder ideologische Dynamiken. Diese Perspektive greift zu kurz. Die politischen und militärischen Akteure jener Zeit handelten in komplexen Machtgefügen, in denen Logistik, Bündnispolitik, Ressourcenmanagement und psychologische Faktoren eine zentrale Rolle spielten.
Ein prägnantes Beispiel ist Yusuf ibn Taschfin, der Begründer der almoraviden Herrschaft im 11. Jahrhundert. Sein Sieg über die Truppen Alfons’ VI. von Kastilien in der Schlacht bei Zallaqa im Jahr 1086 gilt bis heute als Wendepunkt in der Geschichte al Andalus. Historische Quellen zeigen, dass dieser Erfolg nicht auf spontane Kampfeslust zurückzuführen war, sondern auf sorgfältige Vorbereitung, disziplinierte Truppenführung und taktische Geduld. Ibn Taschfin verzichtete bewusst darauf, seine gesamten Kräfte gleichzeitig einzusetzen, und nutzte gestaffelte Formationen, um auf den Verlauf der Schlacht reagieren zu können.
Diese Vorgehensweise entspricht nicht im engen Sinn modernen militärtheoretischen Konzepten, wird aber in der heutigen Militärgeschichtsschreibung als frühes Beispiel operativer Rationalität betrachtet. Die bewusste Einbindung von Reserven, das Abwarten des Moments maximaler gegnerischer Erschöpfung und die Kontrolle über Zeit und Rhythmus des Gefechts zeugen von einem strategischen Denken, das weit über religiöse Motivation hinausging. Auch der Einsatz akustischer Mittel wie Trommeln oder Signalhörner diente weniger symbolischen Zwecken als der Beeinflussung gegnerischer Moral, ein Aspekt, den moderne Militärtheorien unter dem Begriff psychologischer Wirkung fassen würden.
Kontinuitäten militärischer Anpassungsfähigkeit
Diese Fähigkeit zur Anpassung setzte sich in späteren Dynastien fort, wenn auch unter veränderten Rahmenbedingungen. Die Almohaden des 12. Jahrhunderts sahen sich mit der Herausforderung konfrontiert, große Truppenkontingente über weite Distanzen zu bewegen, insbesondere zwischen dem Maghreb und der Iberischen Halbinsel. Die wiederholte Verlegung zehntausender Soldaten über die Straße von Gibraltar erforderte ein Maß an logistischer Organisation, das für die damalige Zeit bemerkenswert war. Auch hier ging es weniger um imperiale Expansion im modernen Sinn als um die Sicherung politischer Einflussräume in einem hochkompetitiven Mittelmeerraum.
Im 16. Jahrhundert trat Marokko unter der Saadier Dynastie erneut als eigenständiger militärischer Akteur auf. Während weite Teile Nordafrikas unter osmanische Kontrolle gerieten, gelang es Marokko, seine politische Unabhängigkeit zu bewahren. Diese Eigenständigkeit beruhte nicht auf Isolation, sondern auf gezielter technologischer und taktischer Anpassung. Die marokkanischen Streitkräfte integrierten früh Feuerwaffen, Musketen und Artillerie in ihre Arsenale und nutzten diese Technologien pragmatisch, ohne sich in ein Abhängigkeitsverhältnis zu einer der Großmächte zu begeben.
Die Expedition gegen das Songhai-Reich im Jahr 1591, die in der Schlacht von Tondibi kulminierte, verdeutlicht diese Ambivalenz. Das Songhai-Reich war damals eines der bedeutendsten Machtzentren Westafrikas und kontrollierte große Teile des Nigerraums sowie zentrale Handelsrouten für Gold und Salz. Für Marokko ging es daher weniger um territoriale Expansion als um den Zugriff auf wirtschaftliche Schlüsselräume.
Militärisch war der Feldzug erfolgreich. Obwohl zahlenmäßig unterlegen, setzten die marokkanischen Truppen Feuerwaffen und Artillerie ein, denen die überwiegend traditionell bewaffneten Streitkräfte des Songhai-Reiches wenig entgegensetzen konnten.
Politisch jedoch erwies sich die Kontrolle über die eroberten Gebiete als begrenzt und fragil. Die große räumliche Distanz, lokale Machtstrukturen und die Schwierigkeit, dauerhafte Verwaltungsstrukturen im südlichen Sahelraum zu etablieren, verhinderten eine langfristige Integration dieser Regionen in den marokkanischen Staatsverband. Die Episode steht daher weniger für den Versuch eines dauerhaften Imperiums als für eine gezielte Machtausübung, die wirtschaftliche Hebel sichern und geopolitischen Einfluss demonstrieren sollte, ohne eine nachhaltige territoriale Expansion anzustreben.
Wirtschaftliche Vernetzung als Grundlage staatlicher Handlungsfähigkeit
Ein zentrales Element marokkanischer Staatsraison war stets die Einsicht, dass militärische Stärke ohne ökonomisches Fundament nicht dauerhaft tragfähig ist. Bereits im Mittelalter spielte der Trans-Sahara Handel eine entscheidende Rolle für die politische Stabilität des Landes. Gold, Salz und andere Güter verbanden Westafrika mit dem Mittelmeerraum und machten Marokko zu einem wichtigen Knotenpunkt zwischen Afrika und Europa.
Unter Sultan Ahmad al Mansur erreichte diese wirtschaftliche Dimension eine neue Qualität. Al Mansur verstand es, seinen politischen Prestigegewinn nach dem Sieg über die portugiesische Invasionsarmee bei Alcácer Quibir in wirtschaftliche und diplomatische Handlungsspielräume zu übersetzen. Der Zugriff auf Handelsrouten und Ressourcen sollte es dem Staat ermöglichen, ein stehendes Heer zu finanzieren, das nicht ausschließlich auf die Loyalität einzelner Stämme angewiesen war. Diese Form staatlicher Zentralisierung entsprach einer bewussten Strategie zur Stärkung der Souveränität.
Parallel dazu entwickelte Marokko intensive Handelsbeziehungen mit europäischen Mächten, insbesondere mit England. Zucker spielte in diesem Kontext eine wichtige Rolle. Er war im 16. Jahrhundert ein begehrter Rohstoff, der nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch politischen Wert besaß. Die Handelsbeziehungen zwischen Marokko und England unter Elisabeth I. waren Teil eines größeren strategischen Kalküls, das darauf abzielte, spanische Dominanz einzudämmen und technologische Vorteile zu sichern. Der Austausch von Agrarprodukten gegen Waffen, Schiffsbauholz und militärisches Know-how lässt sich als frühe Form strategischer Außenwirtschaftspolitik interpretieren, ohne sie anachronistisch zu überhöhen.
Religiöse Identität und institutionelle Kohäsion
Neben militärischer und wirtschaftlicher Dimension spielte die religiöse Ordnung eine zentrale Rolle für die innere Stabilität des Landes. Die Verankerung des malikitischen Ritus als dominierende Rechtsschule schuf eine gemeinsame normative Basis, die soziale Kohäsion förderte und institutionelle Kontinuität begünstigte. Der Malikismus zeichnet sich durch eine ausgeprägte Berücksichtigung lokaler Gepflogenheiten und pragmatischer Rechtsauslegung aus, was ihn besonders anschlussfähig an unterschiedliche soziale Kontexte machte.
Diese religiöse Homogenität verhinderte nicht jede Form von Konflikt, trug aber dazu bei, ideologische Fragmentierung zu begrenzen. In einer Region, die in späteren Jahrhunderten immer wieder von sektiererischen Spannungen geprägt war, erwies sich dieser Konsens als stabilisierender Faktor. Die oft zitierte Vorstellung einer spirituellen Schutzfunktion ist daher nicht wörtlich, sondern strukturell zu verstehen. Religion fungierte als Rahmen, in dem politische Loyalität, soziale Ordnung und kulturelle Identität miteinander verknüpft wurden.
Bildung, Verwaltung und symbolische Ordnung
Die Meriniden trugen wesentlich zur institutionellen Verdichtung dieses Systems bei. Der Ausbau von Medresen in Städten wie Fès diente nicht allein der religiösen Bildung, sondern der Ausbildung einer administrativen Elite. Theologie, Recht und Verwaltung waren eng miteinander verbunden. Die Absolventen dieser Einrichtungen bildeten das Rückgrat eines Beamtenapparats, der über Generationen hinweg funktionierte.
Auch die Architektur dieser Bildungsstätten hatte eine politische Dimension. Die klare Geometrie, die Ordnung der Räume und die symbolische Wiederholung ornamentaler Muster vermittelten eine Vorstellung von Beständigkeit und Harmonie. Diese visuelle Ordnung sollte nicht nur ästhetisch wirken, sondern eine innere Disziplin fördern, die mit staatlicher Loyalität korrespondierte.
Der Makhzen als Träger institutionellen Wissens
Der Begriff Makhzen bezeichnet seit Jahrhunderten den Kern marokkanischer Staatsmacht. Er umfasst nicht nur den königlichen Hof, sondern ein Netzwerk aus Verwaltung, Sicherheitsstrukturen und lokalen Autoritäten. Seine besondere Stärke liegt in seiner Anpassungsfähigkeit. Der Makhzen ist kein starres Gebilde, sondern ein flexibles Instrument staatlicher Integration, das sich historischen Umbrüchen immer wieder anpassen konnte.
In der Gegenwart sieht sich Marokko neuen Formen der Herausforderung gegenüber. Digitale Desinformation, geopolitische Rivalitäten und wirtschaftliche Abhängigkeiten prägen das internationale Umfeld. Diese Bedrohungen zielen weniger auf territoriale Eroberung als auf gesellschaftliche Kohäsion und institutionelles Vertrauen. Marokko reagiert darauf mit einer Kombination aus sicherheitspolitischer Wachsamkeit, diplomatischer Vernetzung und wirtschaftlicher Kooperation, insbesondere in Afrika.
Marokko ist kein Staat, der im 20. Jahrhundert künstlich entstanden ist
Es ist das Ergebnis eines langen historischen Prozesses, in dem sich militärische Erfahrung, wirtschaftliche Vernetzung, religiöse Ordnung und institutionelle Kontinuität gegenseitig verstärkt haben. Die oft zitierte Vorstellung imperialer Gene ist daher eher als Metapher für ein strategisches Gedächtnis zu verstehen, das sich aus Jahrhunderten staatlicher Praxis speist.
Wer die Entscheidungen des heutigen Marokko verstehen will, muss diese Tiefenschichten berücksichtigen. Die Fähigkeit, Identität als stabilisierenden Rahmen zu nutzen und wirtschaftliche Beziehungen als Instrument politischer Gestaltung einzusetzen, gehört zu den konstanten Merkmalen marokkanischer Staatlichkeit. In einer Welt des Wandels ist es gerade diese Verbindung von Anpassungsfähigkeit und historischer Kontinuität, die Marokkos Rolle als souveräner Akteur erklärt.