Wenn die Legende von der Heimat erzählt
Vernimm, verehrter Leser, du von klarem Urteil und weitem Blick: Es ist eine Stadt, deren Zauber sich dem offenbart, der mit wachem Blick durch die Welt geht. Der Fluss findet seinen Weg zu ihr, das Meer breitet sich vor ihr aus, Licht umgibt ihren Namen, Grün und Blüten schmücken ihre Wege. Diese Stadt ist Rabat - eine Stadt, die dazu einlädt, sich auf ihre Wege zu begeben und ihrem Zauber zu folgen.

Durch ihre Gassen und über ihre Plätze zogen außergewöhnliche Geschichtenerzähler, die zu ihrer alljährlichen Begegnung zusammenkamen. Mit ihren Worten füllten sie die Seiten der Erinnerung, trugen Geheimnisse und Kunde durch die Tore und über die Plätze der Stadt und ließen vor ihren Zuhörern Geschichte um Geschichte lebendig werden.
Es war ein Festival, über das sich die Kunst in ihrer ganzen Fülle ergoss und das unter dem Motto „Wenn die Heimat mir erzählt“ stand. Aus allen Himmelsrichtungen waren die Geschichtenerzähler herbeigekommen, aus fernen Gegenden und weit entfernten Ländern, um an ihrer alljährlichen Begegnung teilzunehmen, dem „Internationalen Festival Marokko der Geschichten“.
Sie kamen aus fernen Ländern und von weit entfernten Kontinenten, um wie in jedem Jahr dieses Fest des Erzählens zu feiern. Sie trugen die schönsten Gewänder ihrer Heimatländer und die Farben jener Gestalten, von denen ihre Geschichten erzählen - Geschichten, die das Gedächtnis aus der Fantasie geformt und in Worte gefasst hatte. Und diese Worte waren wie der Wind: Sie nahmen die Zuhörer mit auf eine Reise durch weite Landschaften und ferne Länder, führten sie hinab in die Tiefen der Meere und hinauf auf hohe Berge. Sie ließen ihre Fantasie über die Gipfel schweben und trugen sie, erfüllt vom Streben nach Größe und Tatkraft, immer höher - inspiriert von den großen Erzählungen der Heimat.
Die Erzähler waren gekommen, getragen von Sehnsucht und Vorfreude auf die Atmosphäre des Wiedersehens und auf die Gemeinschaft von Menschen, deren Zeichen Liebe und Brüderlichkeit sind. Was sie miteinander verband, war die Freude an dieser Begegnung, die Aufrichtigkeit und vor allem das Wort - gesprochen und weitergegeben von Mensch zu Mensch. Denn das Erzählen gehört nicht erst unserer Zeit an. Es begleitet den Menschen seit seinen Anfängen und darf wohl als die älteste aller Künste gelten. Am Anfang war das Erzählen. Es entstand mit dem Menschen selbst: in Wort und Geste, in Bildern und Skulpturen - und manchmal sogar im Schweigen und im Widerhall.
„Seit den Anfängen der Menschheit begleitet das Erzählen den Menschen. Es wurde zu seinem Mittel gegen das Vergessen und gab seinem Dasein Bedeutung und Sinn. Durch Geschichten hielt er fest, was er erlebt und beobachtet hatte, welche Erfahrungen ihm das Leben schenkte, und bewahrte all dies davor, verloren zu gehen. Aus diesen Erinnerungen entstanden Legenden und Geschichten. Sie wurden zu einem Gedächtnis, in dem die Geschichte der Völker aufgehoben blieb. So wurde das Erzählen zur ältesten kulturellen Ausdrucksform des Menschen und begleitete ihn durch die Geschichte.“ So beschreibt es Najima Thaythay Ghazali, Präsidentin des Festivals und Präsidentin der Internationalen Akademie für immaterielles Kulturerbe in Marokko.
Und die Tore erzählen von der Heimat
Das Festival „Marokko der Geschichten“ blickt inzwischen auf drei Jahrzehnte zurück. Seit seinen Anfängen im Jahr 1996 ist es gewachsen und gereift. Seine 23. Ausgabe im Jahr 2026 stellte ein Thema in den Mittelpunkt, das Heimat und Identität miteinander verbindet - getragen von der Überzeugung, dass Geschichten die Erinnerung bewahren und Brücken zwischen Kulturen und Völkern schlagen können.
Zu dieser Begegnung kommen Erzählerinnen und Erzähler aus vielen Teilen der Welt zusammen. Sie begegnen einander, tauschen sich aus, knüpfen menschliche und künstlerische Beziehungen und lernen voneinander. Neue Formen und Entwicklungen der Erzählkunst finden hier ebenso ihren Platz wie die Begegnung unterschiedlicher Kulturen.
Es ist ein Fest mit vielen Gesichtern und ebenso vielen Geschichten.
Eine ganze Woche lang verwandelte das Festival Rabat in eine große, offene Bühne. Geschichtenerzähler, Tänzer und Sänger zogen in den traditionellen Gewändern ihrer Länder durch die Straßen. Mit ihren Farben und ihrer kulturellen Vielfalt verliehen sie der Stadt ein besonderes Bild der Harmonie. Rabat wurde in diesen Tagen zu einem Ort, an dem sich die Kleidung, die Traditionen und die Geschichten unterschiedlichster Länder begegneten.

Den Auftakt bildete die Karawane des Baba Achour, die durch Gassen und Straßen zog, den Kindern Freude brachte und ihnen Hände voller Süßigkeiten schenkte. Baba Achour selbst erschien in festlicher Pracht, begleitet von den Klängen und Rhythmen des Festes, die an den historischen Toren der Stadt widerhallten - am Bab El Had und am Bab El Oudaya ebenso wie am Bab Lamrissa in Salé. Im Mittelpunkt aber standen das erzählte Wort und der kreisende Tanz der Tanoura, der mit seinen Farben und seinen unablässigen Drehungen an die tanzenden Derwische der sufischen Mevlevi-Tradition in Konya erinnert.
Die Geschichten, die aus den Erinnerungen der Vergangenheit schöpften und von Generation zu Generation weitergegeben worden waren, erzählten von der Heimat, vom Widerstand und von der Liebe zu ihr. Von einer Heimat, die ihre Menschen prägt und von ihnen wiederum in Geschichten und Gedichten weitergetragen wird. Aus ihrer Vergangenheit lassen sie eine lebendige Gegenwart entstehen, errichten ihr in ihrer Fantasie Paläste und Türme, Städte und weite Landschaften und geben der Vorstellungskraft freien Lauf. Sie nehmen die Zuhörer mit in diese Welt und lassen sie sehen, was das Auge gesehen hat, und hören, was dem Ohr verborgen blieb.
Mit ihren Geschichten zogen die Erzähler auch in die benachbarten Städte und an die Orte, an denen die Menschen ihre Sommertage verbringen. Sie besuchten Altenheime, Waisenhäuser und Krankenhäuser und schenkten den Menschen dort Augenblicke der Unterhaltung und Freude, des Vergnügens und der Ablenkung - und beflügelten ihre Fantasie.
So sprach Aicha Qandicha
Diese Ausgabe gab jener Frau eine Stimme, die längst selbst zur Legende geworden ist. Im kollektiven Gedächtnis bewegt sich ihre Gestalt zwischen Mensch und Dschinn, zwischen Legende und mündlicher Überlieferung, zwischen Heiligkeit und Verruchtheit, zwischen Gut und Böse. Es ist eine Frauengestalt, geschaffen aus der Macht des Wortes und der grenzenlosen Fantasie: Aicha Qandicha.
In diesem Jahr blieb sie nicht länger nur eine sagenumwobene Frau aus vergangenen Zeiten. Sie wurde wieder lebendig - in den Geschichten, in den Bildern und in den Darbietungen des Festivals.
Um Aicha Qandicha ranken sich zahlreiche Legenden. Manche von ihnen machten sie zu einem Symbol des Widerstands gegen die fremden Eroberer und erzählen davon, wie sie sich im 15. Jahrhundert an den Eindringlingen vom Meer rächte. Einige Überlieferungen beschreiben sie als eine schöne Frau mit den Beinen eines Tieres.
Die Legende erzählt, dass Aicha eines Tages vom Besuch bei ihrer Familie zurückkehrte und ihre Heimat verwüstet vorfand. Die portugiesischen Eroberer hatten alles vernichtet und die Menschen, die dort lebten, getötet. Da schwor sie, die Bewohner ihrer Heimat zu rächen. Fortan setzte sie die ganze Kraft ihrer Schönheit ein, lockte die Soldaten der Besatzungsmacht zu sich und führte sie in den Tod. So wurde Aicha Qandicha zu einer Gestalt mit zwei Gesichtern: Für die einen war sie eine Heilige, für die anderen eine unheilvolle Gestalt.
Aicha Qandicha zwischen Überlieferung, Literatur und Erinnerung
Aicha Qandicha blieb jedoch nicht nur eine Gestalt der Legenden, um deren geheimnisvolle Kräfte und verborgenen Segnungen sich alte spirituelle Gemeinschaften wie die Gnawa, die Issawa und die Hmadscha ranken. Jede von ihnen nahm sie in ihre Gesänge auf, die während ihrer Trancerituale erklingen.
Bei diesem Festival wurde Aicha Qandicha zugleich zum Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung und zur Quelle der Inspiration. Die Suche galt auch verwandten Gestalten in der arabischen Welt und darüber hinaus in den Vorstellungswelten anderer Kulturen.
Am Universitätsinstitut für Afrika-, Europa-Mittelmeer- und Asien-Amerika-Studien widmete sich ein zweitägiges wissenschaftliches Symposium unter dem Titel „Wenn die Legende von der Heimat erzählt“ Aicha Qandicha und verwandten Gestalten als Trägern des kollektiven Gedächtnisses. Wissenschaftler aus mehreren arabischen Ländern beleuchteten dabei die Verbindung von Erzählung, Heimat und Widerstand ebenso wie die Frage, welche Rolle neue Technologien und künstliche Intelligenz bei der Bewahrung des mündlichen Kulturerbes spielen können.
Die geheimnisvolle Gestalt der Aicha Qandicha hat bereits zahlreiche literarische Werke inspiriert. Zu ihnen gehören der Roman „Aicha, die Heilige“ von Mustapha Laghtiri und „Die Dschinnia“ des saudi-arabischen Schriftstellers Ghazi al-Qusaibi. Auch die marokkanische Kulturzeitschrift „Lamalif“, die zwischen 1966 und 1988 in französischer Sprache erschien, griff das Thema früh auf und machte es zum Gegenstand der Diskussion. 1976 widmete der Theaterautor Ahmed Tessouli Al-Azizri der Figur sein Stück „Qandicha, das alte Spiel der Verwandlung“. Ausführlich beschäftigte sich auch Frank Maurice Welte in seiner Dissertation über die Gnawa mit ihr.
Doch Aicha Qandicha ist kein allein auf Marokko beschränktes Phänomen. Verwandte Gestalten begegnen uns in zahlreichen mündlichen Überlieferungen rund um die Welt - von Japan bis zum Arabischen Golf, in Ägypten und selbst in Lateinamerika, wo eine ähnliche Gestalt ebenfalls unter dem Namen Aicha bekannt ist.
Begegnung der Völker

Die geladenen Gäste warteten auf die offizielle Eröffnungsfeier dieser Ausgabe des Festivals „Marokko der Geschichten“. Doch in diesem Jahr war manches anders als gewohnt: Die feierliche Eröffnung fand nicht am ersten, sondern erst am dritten Festivaltag im Jardin d’Essais statt.
Zu den besonderen Momenten des Abends gehörte die Ehrung der mexikanischen Botschafterin. In einem prächtigen Bild, das selbst einer Legende entsprungen schien, wurde sie nach Art einer moriskisch-andalusischen Braut auf einer Sänfte auf den Schultern von Männern getragen und von Musik begleitet. Die Szene wurde damit selbst zu einer Erzählung über nationale Identität.
Zugleich wurde sie zum Sinnbild einer Begegnung zwischen der marokkanischen Kultur und dem mexikanischen Volk, verkörpert durch die Botschafterin Mexikos in Marokko. Die Ehrung galt als Geste des Dankes und der Anerkennung für die Herzlichkeit und Wertschätzung, die den Marokkanern in Mexiko entgegengebracht worden waren, nachdem die mexikanische Regierungschefin die marokkanische Fußballnationalmannschaft während der Weltmeisterschaft so herzlich empfangen hatte.
Wie in jedem Jahr zeichnete das Festival auch diesmal teilnehmende Geschichtenerzählerinnen und Geschichtenerzähler aus. Der erste Preis ging an den jungen tunesischen Erzähler Mountassir El Amiri. Den zweiten Preis erhielt der als „Meister des Wortes“ bekannte Ba Allal aus Oujda. Darüber hinaus wurden ein Preis für die beste junge Geschichtenerzählerin sowie ein Armband für die älteste erzählende Großmutter vergeben.
Ein Abschied, der ein Wiedersehen verspricht

Jede Veranstaltung findet irgendwann ihren Abschluss. Doch auch das Ende dieser Ausgabe war kein Abschied, sondern bereits die Verabredung zu einer neuen Begegnung. Die Abschlussfeier fand im Saal Ba Hnini in Rabat statt. Auch die künstliche Intelligenz hielt an diesem Abend Einzug in die Welt des Erzählens. In visuellen Darbietungen verband sie sich mit der überlieferten Geschichte. So wurde „Aicha Qandicha“, nach einer Idee von Najima Thaythay Ghazali, in einer Inszenierung präsentiert, in der Bilder, Erzählung und schauspielerische Darstellung miteinander verschmolzen.
Doch nicht allein die marokkanische Überlieferung fand an diesem Abend zu neuen Formen des Erzählens. Auch in den Geschichten der Gäste wurde das Gedächtnis ihrer Heimat lebendig. Die tunesische Delegation beispielsweise brachte die Geschichte der „Hajjouja“ auf die Bühne. Im tunesischen Gedächtnis lebt sie auch in einem gleichnamigen Gericht aus Grieß und Bohnen fort. Dieses volkstümliche Zeugnis bewahrt die Erinnerung an den Widerstand der Bevölkerung von Sfax gegen die normannische Invasion im Jahr 1148, zu einer Zeit, als Tunesien ein politisches Machtvakuum ohne zentrale Herrschaft erlebte. Die Darbietung verband die Kunst des Erzählens mit computergenerierten Filmbildern. Zuvor war dieses Epos bereits Gegenstand eines wissenschaftlichen Vortrags von Dr. Siham El Kallal Ben Omar gewesen, die im Rahmen des Symposiums über „Hajjouja und das Gedächtnis des Widerstands“ gesprochen hatte. Zum Abschluss wurde das Gericht unter den Anwesenden verteilt. Damit fiel der Vorhang über die 23. Ausgabe von „Marokko der Geschichten“.
Und nun, verehrter Leser von feinem Geschmack, verstumme ich - doch nicht für immer. Nur bis zu unserem nächsten Wiedersehen bei der 24. Ausgabe. Siehe dieses YouTube-Video zu einer Ausgabe des "Maroc des Contes".