Märchen, eine Phantasiewelt voller Spannung und Liebe

Von Generation zu Generation werden Volksmärchen traditionell mündlich weitergegeben, um nicht nur das immaterielle kulturelle Erbe zu erhalten, sondern auch, um ästhetische Werte zu vermitteln.

Gespräch mit Frau Najima Thay Thay Rhozali anlässlich des anstehenden Märchenfestivals im Juli 2021.

Märchenfestival 2020, Foto: Najima Thay Thay RhozaliIn Marokko wurden im vergangenen Jahr während der Corona-Pandemie und der darauffolgenden Ausgangssperre mehrere Initiativen ergriffen, um deren Auswirkungen zu mildern. Dazu gehörten bemerkenswerterweise auch Märchen und Geschichten als lehrreiche und bildende geistige Nahrung.

Sie, Frau Thay Thay, gelten als Pionierin der Volkserzählkunst in Marokko. Wie sind Sie auf das Thema Märchen gekommen?

Bereits als kleines Kind haben mich die Märchen meiner Mutter und meiner Großmutter fasziniert. Als ich später in Paris an der Universität Sorbonne ein Thema für meine ethno-semiotische Abschlussarbeit bei Professor Greimas suchte und mich näher mit Märchen befasste, war es fast selbstverständlich, dass mein Professor, der mein Erzähltalent kannte, mir empfahl „Volksmärchen“ zum Thema meiner Promotion zu machen.

Es folgte eine intensive Suche nach unbekannten Märchen, die bis heute andauert. Es war eine Rückkehr zu meinen Wurzeln. Bisher habe ich hunderte von Märchen sammeln können, die überwiegend noch nicht veröffentlicht sind.

In der Tat, eine gigantische Arbeit. Woher kommt Ihre Motivation und worin sehen Sie den Sinn dieser Arbeit?

Die Verbreitung der Märchen, die wertvolle Botschaften vermitteln, die für Toleranz und Liebe weltweit eintreten, ermöglicht es den Eltern, diese Lehren an ihre Kinder weiterzugeben. Diese mündliche Tradition ist von einem unschätzbaren Wert für die Gesellschaft, weil es das immaterielle Erbe vieler Kulturen darstellt. Gleichzeitig wird durch die mündliche Überlieferung an die nachfolgenden Generationen die Bedeutung des Überlieferten bewahrt.

Haben Sie Vorbilder und welche Zielsetzung verfolgen Sie?

Meine großen Vorbilder sind, wie Sie sicherlich geahnt haben, die Brüder Grimm, die Märchen sammelten, aufschrieben und verbreiteten. Mein tiefster Wunsch ist es, dass jedes Kind in Marokko zuhause mehrere Märchenbücher zur Auswahl hat, um den pädagogischen Ansatz und die Phantasiebildung zu fördern.

Nun würde mich brennend interessieren, wie und wo Sie die Märchen gesammelt haben?

Nach dem Abschluss meiner Doktorarbeit mit dem Thema des immateriellen kulturellen Erbes (l´ogre dans le conte populaire du Maroc, entre le réel et l´imginaire) entdeckte ich die Märchen neu. Es war wie eine erneute Rückkehr in meine Kindheit, wo es zunächst meine Mutter Rhimou bent Khouja und insbesondere meine Großmutter väterlicherseits El Hajja Nounout bent Allal waren, die mir die Leidenschaft und Liebe zur Erzählkunst vermittelt haben. Später (ab 1986) besuchte ich, immer wenn ich die Gelegenheit dazu fand, viele Städte und Dörfer, sprach mit Männern und Frauen, die mir wohlwollend Geschichten erzählten, die ich mit einem Tonbandgerät aufnahm.

Bemerkenswert ist, dass jede dieser Geschichten, je nach Region, in einer anderen Variante erzählt wird. Beispielsweise trägt ein Märchen bei einer Variante den Titel „Der blaue Vogel“ und bei einer anderen Variante den Titel „Der Vogel des Wesirs“. Entsprechend sind die Abweichungen in der Erzählung.

Wie sind Sie nun von der Sammlung der vielen Märchen und deren Veröffentlichungen zu der Organisation eines Märchenfestivals gekommen?

Bereits zu meiner Studienzeit gründeten einige Kommilitonen und ich eine kleine Theatergruppe, die Märchen in Altenheimen und Jugendzentren aufführten.

Nach meiner Promotion 1991 an der Sorbonne, arbeitete ich an der Universität von Agadir. Das war die Zeit, während der ich mich auf Geschichten aus dem Süden Marokkos spezialisierte und ein Forschungsteam zu diesem Thema leitete.

Durch Öffentlichkeitsarbeit entstand der Gedanke an ein größeres Märchenfestival. Rabat wurde 2002 zum Veranstaltungsort des ersten Events ausgewählt.

Standardmäßig wird jedes Festival unter ein bestimmtes Motto gestellt. Das Märchenfestival 2020, das unter dem Einfluss der weltweiten Corona-Pandemie stand, trug beispielsweise das Motto „Märchen in der Pandemie“. Es wurde weitestgehend digital ausgerichtet.

 

Im Folgenden einige der Veröffentlichungen von Frau Najima Thay Thay Rhozali in Französicher Sprache:

2000 „Im Land der Ungeheuer und des Horrors“ (Original; Au pays des Ogres et des horreurs“ bei Harmattan erschienen.

2015 ,,La petite fourmi rouge“ auf Französisch und Arabisch bei Marsam erschienen.

 2016 ,,Contes et et légendes du Maroc“ im Verlag Flies France erschienen.

 

YouTube Kanal

Link zum YouTube-Kanal 2020

Hat sich das Festival 2020 aufgrund der Pandemie nachteilig verändert?

Ja, in der Tat. Allerdings nicht nur… Sie wissen ja: in jedem Negativen findet sich etwas Positives. Durch die Ausrichtung des Festivals im Internet befürchteten wir zunächst einen Teilnehmerrückgang. Aber das Gegenteil traf ein. Dadurch, dass wir uns größtenteils digital verabredet haben, stieg sogar die Zahl der teilnehmenden Länder weltweit. Beispielsweise kamen Teilnehmer aus dem Kongo und der Elfenbeinküste dazu. Ich wünsche mir sehr, dass dieses Jahr viele Erzählkünstler aus dem deutschsprachigen Raum zu uns finden.

Zum ersten Mal konnten wir auch ein Jurymitglied aus Deutschland in unseren Reihen begrüßen.

Sie sagen es! Jetzt muss ich wohl verraten, dass ich das Jury-Mitglied war… Ich sage Ihnen, es hat nicht nur Riesenspaß gemacht, sondern hat mir neue Einblicke in Märchen und Märchengestaltung anderer Nationen vermittelt. Ich weiß nun, dass Märchen anhand verschiedener Kriterien bewertet werden und entsprechend gibt es unterschiedliche Preise für unterschiedlichste Kategorien, wie beispielsweise Kinder als Märchenerzähler oder Großeltern als Erzähler.

Woran arbeiten Sie zurzeit?

Aktuell arbeiten wir an der Durchführung einer Reise durch das Königreich Marokko unter dem Motto "Caravane de l'Union et de la Paix" (Karawane der Einheit und des Friedens), um landesweit Märchenerzähler ausfindig zu machen, sie nach ihrem Wissen über Märchen und Geschichten zu befragen, um es für die Nachwelt zu erhalten.

Vielen Dank für das Gespräch

Das Festival 2021 findet im Juli statt! Der genaue Termin bzw. der Link zur Anmeldung wird noch bekannt gegeben.

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