Lebenskünstler Brahim brennt für seine Kultur

Lebenskünstler Brahim brennt für seine Kultur, Foto: Brahim Oubaha In der Sächsischen Schweiz, im Hintergrund Basteibrücke und Lilienstein 2021Brahim Oubaha, 1990 in Biougra am Rande des Anti Atlas geboren, hat sich seine Liebe und Verbundenheit zu seiner Heimat stets erhalten. Das Studium trieb ihn zwar nach Casablanca, Rabat und Tanger, seine Wurzeln sind aber fest im Anti Atlas und in der Kultur der Imazighen verankert.

 

Lebenskünstler Brahim brennt für seine Kultur, Foto: Brahim Oubaha an der Fähre Niederlommatzsch im Sommer 2021Seit meiner Kindheit habe ich bemerkt, dass meine Kultur ausgegrenzt und marginalisiert ist, und dass es einen fanatischen politischen Diskurs gibt, der darauf zielt, ein altes Kulturerbe sterben zu lassen. So habe ich früh ein politisches kulturelles Bewusstsein entwickelt, um für meine Kultur staatliche Anerkennung zu bekommen. …

Ganz freiwillig führte Brahims Weg nicht zur deutschen Sprache. Mit großer Begeisterung begann er im Jahr 2005 in der Schule in Biougra Englisch zu lernen. Aber die Schulverwaltung legte einen Wechsel der Schüler in einen Deutschkurs fest. Obwohl viele Schüler dagegen protestierten, einige sogar ihre Eltern zur Unterstützung mitbrachten, stand die Entscheidung der Verwaltung fest. Als Amazigh-Kind schon im Kindergarten mit Arabisch konfrontiert, lernt Brahim nun mühelos deutsch und öffnet sich damit - was er zum damaligen Zeitpunkt natürlich noch nicht weiß - zahlreiche Türen für eine abwechslungsreiche Zukunftsperspektive.

Brahim ist kein Theoretiker. Er will seine Kenntnisse anwenden und Wissen weitergeben. Bereits 2013 nimmt er an einem vierwöchigen IPS Programm (Internationale Parlaments-Stipendium für Arabische Staaten) teil, kommt zum ersten Mal mit deutscher Politik, insbesondere der Vorbereitung zur Bundestagswahl in Kontakt. Eng arbeitet er in dieser Zeit mit Kai Gehring, seit 2021 Vorsitzender des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung zusammen. Die damals entstandene Freundschaft halten beide bis heute aufrecht.

In den Folgejahren nimmt er an zahlreichen internationalen Programmen teil, findet Plattformen, um seine guten kommunikativen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.

Lebenskünstler Brahim brennt für seine Kultur, Foto: Brahim Oubaha im Park von Schloss Moritzburg im Sommer 2021Im Rahmen seines Masterstudiums als Übersetzer hat Brahim sich weiter intensiv mit der deutschen Außenpolitik, und insbesondere der deutschen auswärtigen Kulturpolitik, auseinandergesetzt. Was liegt da näher, als sich den Wunsch nach weiteren Auslandserfahrungen im Rahmen eines neuen Praktikums in Deutschland zu erfüllen?

Unterstützt wird er dabei durch ein Empfehlungsschreiben seiner Professorin aus Rabat, Frau Rachida Zoubid, die ihn als pflichtbewusst und engagiert charakterisiert, sowie sein großes Interesse an deutscher Kultur und Außenpolitik hervorhebt. Auf Grund dieser Fähigkeiten sieht Frau Zoubid in Brahim den besten Botschafter der marokkanischen, arabischen und amazighischen Kultur in Deutschland.

Nach erfolgreicher Bewerbung für ein Internationales Parlaments-Stipendiums reist Brahim 2021 wieder einmal nach Berlin, diesmal für sechs Monate. Seine Absichten fasst er zusammen: Der Aufenthalt bietet mir Gelegenheit, mich über Themen wie Kultur, Menschenrechte, Religion, Integration, Migration, Klimawandel, Umwelt und Frieden auszutauschen. Ich bin der Meinung, dass der Dialog zur Verständigung zwischen den Menschen sehr stark beitragen kann. Wir Marokkaner können von Deutschland viel lernen, und aber auch Deutschland von uns Marokkanern.

Der weltoffene Brahim saugt neue Eindrücke auf, bewegt sich bald wie selbstverständlich in einer für ihn bisher fremden Welt. Rückblickend äußert er sich: Außerdem konnte ich viele neue Kontakte knüpfen, bestehende auffrischen und meine Erfahrungen und Meinungen mit anderen Stipendiaten aus verschieden Kulturen austauschen.

Um seine beruflichen Qualifikationen zu vertiefen und die in Deutschland geknüpften Kontakte zu festigen, arbeitet Brahim phasenweise mit verschiedenen Institutionen zusammen. Das Reiseprogramm „Taz-Reise in die Zivilgesellschaft“ begleitet er als Dolmetscher und Übersetzer in den Jahren 2016 - 2018. Die freie Journalistin Tini von Poser begleitet Brahim 2016 bei ihrer Journalistenreise durch Marokko. Er engagiert sich als Dolmetscher bei Reportagen für den Deutschen Rundfunk u. a. über Energiepolitik, Klimawandel und Frauenkooperativen. Auch bei der ergreifenden Filmproduktion: Fatima – ein kurzes Leben 2017/2018 ist ein Übersetzer notwendig. Dieser Dokumentarfilm des Porträts eines Landes mit großen Gegensätzen ist selbstredend Brahims Thema.

Lebenskünstler Brahim brennt für seine Kultur, Foto: Brahim Oubaha als Reisebetreuer des Jugendorchesters Wismar im Januar 2018Mit großem Engagement organisiert Brahim im Jahr 2018 eine Tournee im Anti Atlas für ein Jugendorchester der evangelischen Musikschule Wismar. Gekonnt schlägt Brahim Brücken zwischen europäischer Musikkultur und den einheimischen Klängen. Spontan entstandene Sessions werden wohl bei allen Teilnehmern einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.

Der engagierte Brahim gründet mit Freunden im Jahr 2010 das TIMA Magazin mit dem Ziel, einen Beitrag zum interkulturellen Dialog leisten. Inhaltliche Intention ist es, den deutschsprachigen Raum auf zahlreiche Fragen in Nordafrika aufmerksam zu machen, beidseitige Erfahrungsberichte zu veröffentlichen, politische Themen zu diskutieren, kulturelle oder touristische Projekte vorzustellen und die Zusammenarbeit zwischen Forschern beider Kulturen zu unterstützen.

Parallel dazu gründet Brahim das 2014 das Deutsch-Marokkanischen Kulturforum und äußert sich zu den Zielen: Zwischen Deutschland und Marokko gibt es eine Zusammenarbeit in vielen Bereichen und somit auch einen kulturellen Dialog. Diesen möchte das deutsch-marokkanische kulturelle Forum fördern und vertiefen.

Wir - eine Gruppe junger, engagierter Marokkaner*innen mit Studienabschlüssen in verschiedenen Fachrichtungen und der gemeinsamen Leidenschaft für die deutsche Kultur, haben uns die Aufgabe gestellt, kulturelle Vielfalt zu bewahren und zu fördern. Seit nun mehr als 10 Jahren arbeiten wir schrittweise am Aufbau des Deutsch- Marokkanischen Kulturforums. Besonders die Bereiche Kultur, Bildung, und interkulturelle Kommunikation zwischen der marokkanischen Zivilgesellschaft und Deutschland liegen uns am Herzen.

Lebenskünstler Brahim brennt für seine Kultur, Foto: Brahim Oubaha in Agadir Inoummar im Herbst 2022 von marokko-erfahren.deSeine Eltern hatten ganz andere berufliche Pläne für ihren ältesten Sohn. Gern hätten sie ihn als Beamten in der lokalen Verwaltung gesehen. Schmunzelnd ergänzt er, dass sie sich damit vermutlich Unterstützung, möglicherweise „Vitamin B“ bei eigenen Angelegenheiten erhofften… Er selber sieht seine Zukunft als Vermittler zwischen Deutschland und Marokko - als Dolmetscher und Experte.

Auf die Frage, was die beste Entscheidung in seinem bisherigen Leben war, antwortet Brahim ganz spontan: Meine beste Entscheidung war, dass ich bis jetzt nie einen festen Job wollte.

Und damit hat er vermutlich nicht unrecht. Der Lebenskünstler Brahim wird vielleicht nie einem einzigen Beruf treu bleiben, so wie es in Europa Sitte ist. Vielmehr wird er sich von den Geschicken und Bedürfnissen seines Landes treiben lassen, wird hoffentlich immer neugierig bleiben.

Lebenskünstler Brahim brennt für seine Kultur, Foto: Brahim Oubaha und Barbara Conrad zu Besuch bei Ali Faiq in Ait Milk -Herbst 2022 von marokko-erfahren.deDerzeit  setzt er sich in Rabat im Rahmen eines befristeten Arbeitsvertrages  für die Verstärkung der deutsch-marokkanischen Zusammenarbeit ein. Dafür nutzt er seine in Deutschland gesammelten Erfahrungen, um einfühlsam zwischen zwei Welten zu vermitteln. 

Und danach - eines wird sicher sein, dem Wunsch seiner Eltern wird er nicht nachkommen, dazu ist Brahim viel zu umtriebig, interessiert und weltoffen. Bleiben wir gespannt, in welche Richtungen es ihn noch treiben wird!

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