Die sieben Farben der Nacht

Kaum schlage ich das Buch von Andreas Kirchgäßner auf, folge ich ihm auf seiner Reise durch Marokko. Er nimmt mich mit in das Land, das mir zweite Heimat ist.

 

Gnaoua-Festival, Foto: Andreas KirschgäßnerSeine wunderbaren, sensiblen Erzählungen erinnern mich an meine ersten Reisen – es ist, als habe er aus meinem Tagebuch abgeschrieben. Und dann merke ich: Nicht meine Erinnerungen sind es, sondern die eines Menschen, der offen und doch auch zumindest anfangs vorsichtig durch dieses Land reist, das irgendwann für ihn „neu“ war und nun so vertraut wie mir. Wir alle, die wir offenen Auges und offenen Herzens nach Marokko reisen, erleben das Land beim ersten Mal auf die ein oder andere Art ganz ähnlich. Das nun aus fremder Hand zu lesen ist wie ein Déjà-vu.

Wer zum xten Mal in Marokko ist, staunt darüber, was am Anfang fremd schien. Doch Andreas Kirchgäßner nimmt den Leser an die Hand und beschreibt, mit stiller Stimme, die direkt das Herz berührt, wie es ist, nach Marokko zu reisen, zum ersten Mal, aber auch zum zigsten Mal. Nicht schwarz, nicht weiß, nicht rosarot. Und das macht die Erzählungen, denn letzten Ende ist es genau das, ein Reisebericht in 14 Erzählungen, zu einem wunderbar lesenswerten Buch. Es nimmt mit, lässt den Leser eintauchen in diese vertraute und doch so fremde Welt und zeigt die ganze Vielfalt dieses schönen Landes.

Andreas ist auf der Suche nach der Musik, die ihn vom ersten Moment an berührte

Ein Freund hatte sie ihm empfohlen: „Gnawa-Musik, so nah am Jazz, am Blues, zart, gebrochen, melancholisch und zugleich archaisch, dann wieder laut, rasselnd und wild“ – und ich spoilere mal: Er findet sie. Nur eine einzige Reise nach Marokko reicht hierfür nicht aus. Angefixt von seiner ersten Reise kommt er immer wieder nach Marokko und auf jeder Reise taucht er ein wenig tiefer ein in das Land, dringt vor zu seinen Menschen, nimmt deren Kultur und deren Traditionen auf. Doch die Gnawa-Musik, das ist und bleibt seine große Liebe.

In den sieben Farben der Nacht nimmt Andreas uns mit. Zusammen reisen wir in den Süden des Landes, zunächst an einen Stausee, später dann in ein Dorf im nördlichen Draatal, das, so will es der Zufall, das Dorf ist, in dem ich vor gut 20 Jahren lebte. So begegne ich genau hier meiner eigenen Vergangenheit so intensiv, dass ich mich schütteln muss. Bin ich das oder bist das du?

Schlangenbeschwörer, Foto: Andreas KirchgäßnerWeiter reisen wir gemeinsam nach Marrakech, lernen dort Schlangenbeschwörer kennen, dürfen Andreas begleiten, der sich aufmacht ins Schlangenhaus und davon träumt, eines Tages mit dem Oberhaupt des Sufi-Schlangen-Ordens im Süden auf Jagd zu gehen. Ein Unterfangen, das bis zum Ende des Buches nicht gelingen wird - trotz vieler Versuche. Dafür erlebt Andreas anderes, Dinge, die er nicht geplant hatte, Mystik, die er zwar erwartet hatte, aber von der er nicht wusste, ob er sich wirklich darauf einlassen könnte. Aber er konnte es. Eine Kunst, die Neugierde braucht und das Vertrauen, dass man da, wo man ist, auch aufgefangen wird. Andreas hat beides. Manchmal mit leicht ängstlichem Bauchkribbeln, manchmal mit dem Wissen, über den Tisch gezogen worden zu sein, doch immer in der Zuversicht, dass alles gut gehen wird. Und natürlich: Es geht alles gut.

Auf der Suche nach der Musik reisen wir gemeinsam nach Essaouira. Denn hier, in Essaouira, ist sie lebendiger als irgendwo sonst im Land. Nicht nur, weil hier das legendäre Gnawa-Festival stattfindet, einmal im Jahr, sondern auch, weil der Stadt etwas Mystisches anheim wohnt. Wir dürfen dabeisein, als Andreas den Sohn des in Marokko legendären Musikers Abderrahmane Pacco trifft, Youness. Er erzählt uns von dessen Vater, der die Musik der Gnawa in Marokko bekannt gemacht hatte und von der marokkanischen Band Nass el Ghiwane, die seit den 1970er Jahren aufrührerische Texte zu archaischer Musik verbreitete und salonfähig machte. Er nimmt mich mit auf das Gnawa-Festival, das er in all seinen Facetten beschreibt, die Musiker, die Marokkaner, die Tanzenden, Musizierenden, Zuschauenden und so bin ich mittendrin, auch ganz ohne Reise.

Nacht der Geister, Foto: Andreas KirchgäßnerAuch bei der Lila, der „Nacht“ der Geister, bin ich dabei. Andreas setzt sie ans Ende seines Buches, sie ist der Höhepunkt von allem und doch, das spürt er an deren Ende, auch erst der Anfang. Der Anfang von etwas viel Tieferem. Die Nacht ist voller Musik. Die Menschen um ihn herumtanzen, fallen in Trance, und geben sich den Geistern hin. Klänge und Rhythmen werden so bildreich beschrieben, dass man sie durch die Buchstaben hindurch hören kann. Auch Andreas fällt in Trance, weiß nicht, ob er seinem Geist begegnet oder ob dies nur Fantasie ist. Und ich? Habe Gänsehaut beim Lesen, erwache aber schlagartig, als in der letzten Erzählung das Licht wieder angeht. Bin sofort wieder da in der Realität. Auch das hat er gekonnt hingekriegt.

Andreas KirchgäßnerDie sieben Farben der Nacht sind ein wunderbares Buch. Ein einfühlsames, lebendiges Portrait eines Landes und dessen Musik. Selbst, wer bis zur Lektüre keinen Bezug zu Marokko hatte, wird spätestens beim Lesen mit eintauchen und verstehen, was die Magie dieses Landes ausmacht. Die Farben, die Musik und den Reiz. Ohne rosarot, ohne schwarz und ohne weiß. Einfach so wie es ist.

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