Skip to main content

Die große Freizügigkeit der sogenannten sozialen Netzwerke

In einer Ära, in der Kommunikation grenzenlos ist und jeder eine Plattform hat, gewinnt Umberto Ecos vorausschauende Aussage eine neue Dimension: "Die sozialen Medien haben einer Legion von Unwissenden eine Stimme verliehen, die zuvor nur in der Kneipe laut wurden und niemandem Schaden zufügten. Früher wurden sie zum Schweigen gebracht. Heute haben sie dasselbe Rederecht wie ein Nobelpreisträger." Doch während die Stimme des Nobelpreisträgers kaum zu hören ist, drängen sich im digitalen Raum Dummheiten und Lügen auf, die als Enthüllungen verkauft werden.

Die große Freizügigkeit der sogenannten sozialen Netzwerke, Foto: Jeremy Bishop auf unsplash.comEs ist bekannt, dass man lediglich eine Tastatur und ein Smartphone benötigt, um das Internet mit Unsinn zu fluten - einer Vielzahl von Dummheiten in verschiedensten Ausprägungen. Ob es sich um einen Staatsskandal handelt, einen Krieg, oder den Fall eines Drogenbarons wie jener, der von den Medien als "Escobar der Wüste *1" bezeichnet wird, dessen angeblicher Mordversuch Schlagzeilen macht. Die meisten Leser, Zuschauer und Kommentatoren solcher Nachrichten sind leichtgläubig und neigen dazu, Unsinn zu verbreiten.

Dies wird verstärkt, wenn sich jeder als "Journalist", "Influencer" oder "Whistleblower" ausgibt, ohne die Grundlagen des Journalismus zu beherrschen - sei es das Verständnis der Realitäten der Gesellschaft oder die elementaren Regeln einer seriösen Presse.

In einer Welt, in der grundlegende Standards fehlen, besteht die Offensichtlichkeit darin, dass jeder beliebig schreiben, posten und verbreiten kann. Wir haben unzählige Beispiele für falsche Informationen: von angeblichen Verstrickungen von Regierungsbeamten in erfundene Skandale, über erfundene Akten von Ministern, bis hin zu angeblichen Reiseverboten und Passentzügen seitens der Behörden. Geschichten über angebliche Mordanschläge, Scheidungen von Prominenten und Fluchten füllen die digitalen Kanäle. All dies wird von einer morbiden Neigung zum voyeuristischen Sensationsjournalismus begleitet, mit einer offenbarten Präferenz für das Abstoßende und Schurkische.

Die große Freizügigkeit der sogenannten sozialen Netzwerke, Foto: Kajetan Sumila auf unsplash.comEs ist bedauerlich, dass bestimmte Medien, die in sozialen Netzwerken aktiv sind, trotz der Bemühungen der Justizbehörden, die Auswirkungen dieser Plattformen zu mildern, weiterhin Klatschgeschichten und Gerüchte verbreiten, die dem Tratsch der Boulevardpresse entsprechen. Doch Desinformation und Fake News beeinflussen die breite Mehrheit der Marokkaner, die an ihre Handys gefesselt sind und eine Flut von Unwahrheiten verbreiten, die es schwer machen, Wahrheit von Fälschung zu unterscheiden. Jeder präsentiert seine eigene "Quelle", seinen "Scoop", um Aufmerksamkeit zu erregen und möglichst viele Follower zu gewinnen, in einem zunehmend absurden und hinterhältigen Spektakel. Ein einmaliges Gerücht wird aufgebauscht und der Schaden ist angerichtet, schwer zu korrigieren. Ähnlich verhält es sich mit Behauptungen, die als Tatsachen präsentiert werden, obwohl sie lediglich den Schein einer Wahrheit haben.

An diesem Punkt findet sich der echte Journalist, dem die Wahrhaftigkeit der Nachrichten wie eine heilige Reliquie am Herzen liegt, inmitten einer Menge von Lärm machenden "Schreihälsen" wieder. Sie verschmutzen die öffentliche Bühne mit einem Wirrwarr aus Tratsch und Abfall und vernebeln die klare Aufgabe der Medien, nämlich zu informieren und sicherzustellen, dass ihre Behauptungen auf Fakten beruhen. Heute haben die sozialen Netzwerke das Terrain erobert, das eigentlich der Presse und dem seriösen Journalismus vorbehalten sein sollte, und sie sind sich der tiefgreifenden und weitreichenden Auswirkungen ihrer Veröffentlichungen durchaus bewusst.

Mehr über den Autor Abdelhak Najib finden Sie hier

 

*1 „Escobar der Wüste“: In Marokko hat „El Hadj Ahmed Ben Ibrahim“, genannt "der Malier" und inzwischen als "Pablo Escobar der Sahara" bekannt, ein Drogenhandler in Afrika und seit 2019 in Marokko inhaftiert ist, beschloss, seine alten Komplizen anzuzeigen, um sie für ihren Verrat bezahlen zu lassen. Seine Enthüllungen lösten in der marokkanischen Öffentlichkeit eine wahre Schockwelle aus und lüfteten den Schleier über der endemischen Korruption, die im Land grassiert.