Der Ziegenbock und das Basilikum

Meine Tante sammelte alles notwendige Material, um entsprechende „Lilas“ (=Nächte, bedeutet in dem Zusammenhang "Feier mit rituellen Klängen und Tänzen) zu organisieren.

Die Nachricht verbreitete sich schnell in der Stadt und das Datum des 25. des Mond-Monats Chaâbane, der dem heiligen Monat Ramadan vorausgeht, wurde beibehalten. Lila sollte, wie es die Tradition vorschreibt, jedes Jahr zu diesem Datum stattfinden. Während dieser Nacht der Trance kamen die Schüler meiner Tante zum Klang der Lieder und Musik der Gnaoua, um ihre Seelen von den bösen Geistern zu reinigen, bevor sie dem heiligen Monat Ramadan entgegentraten.

Der Ziegenbock und das Basilikum: Feier mit Gnaoua-Musik und -Tanz, Foto: Eberhard Hahne

Wortbedeutung:
Baraka: Eine Art Segenskraft
Chaâbane: 8ter Monat nach islamischer Zeitrechnung
Chorfa: Nachkommen des Propheten Mohammed
Gnaoua: Ethnische Minderheit und Nachfahren von Sklaven südlich der Sahara
Moqqadem: Medium mit Heilkraft und hellseherischen Fähigkeiten
Zaouia: Heiliger Ort, Mausoleum eines Heiligen

Meine Tante, die oft krank und anfällig für epileptische Anfälle war, wurde eines Tages nach mehreren Versuchen der modernen Medizin nach Tamaslouht zum Grab des Heiligen Sidi Abdellah Ben Houssein, eines Schülers von Sidi Ben Sliman Al Jazouli, Sufi-Meister des 16. Jahrhunderts, Gründer von Zaouia Jazoulia in Marrakesch und Autor des Gebetbuchs Dala'il Al-Khayrat, was in etwa „Wegeweiser der guten Taten“ heißt.

Sidi Abdellah Ben Houssein war in der gesamten Region Marrakesch für seine Baraka (Segenskraft) bekannt. Viele Pilger strömen auch heute noch zum Mausoleum des Heiligen und bitten um Schutz, Heilung, Wohlstand und Fruchtbarkeit.

Als meine Tante das Grab des Heiligen erreichte, fiel sie in einen Trance-Zustand. Sie schrie und stöhnte und sprach Wörter aus, deren Bedeutung niemand verstand. Sie schien mit dem Heiligen zu sprechen und Dinge zu hören, die aus dem Jenseits kamen. Als sie wieder bei Bewusstsein war, war sie fast geheilt. Ihr Gesicht strahlte und ich bekam den Eindruck, dass sie von dem Bösen, das sie so viele Jahre geplagt hatte, vollkommen befreit war.

Diese wundersame Heilung entging dem „Moqqadem der Zaouia“ (Hüter des heiligen Ortes), dem Nachkommen von Sidi Abdellah Ben Houssein nicht. Er hatte die Trance meiner Tante und die verschiedenen Phasen des Rituals, die sie durchlebt hatte, mitverfolgt.

Von nun an band ein Pakt meine Tante an den Heiligen. Sie würde ihm ihr ganzes Leben lang zu Dank verpflichtet sein und die Regeln und Pflichten des ihr übertragenen neuen Amtes und der mystischen Verbindung mit dem Heiligen einhalten.

Der Moqqadem befahl, Weihrauch anzuzünden und ihn nach Hause zu begleiten. Das Haus der Chorfa (direkte Nachkommen des Propheten Mohammad) in Tamaslouh öffnet seine Türen nur für verdiente Menschen. Damit war meine Tante ab sofort Teil des geschlossenen Kreises des Hauses der Nachkommen des Heiligen. Dieses seltene Privileg verlieh ihr und ihrer Familie eine mystische und magisch-religiöse Dimension, die ihren Eindruck auf mich nicht verfehlte.

Meine Tante wurde infolgedessen vom Haus der Chorfa kooptiert (hier: In die Bruderschaft als Nachfolge des Verstorbenen aufgenommen). Sie wurde vom Heiligen auserwählt, dessen Baraka sie soeben erhalten und sie von ihrer langen Krankheit befreit hatte. Sie hatte nun den Status einer Moqqadema und musste ihrerseits die Botschaft des Heiligen verbreiten und die Baraka an die Kranken, die sie brauchten, weitergeben. Kurz gesagt, meine Tante war ein Medium mit Heilkraft und hellseherischen Fähigkeiten geworden und hatte damit auch Verpflichtungen gegenüber ihrer neuen Bruderschaft bzw. ihrem Schutzpatron eingegangen.

Die mystische Beförderung meiner Tante war eigentlich kein Zufall. Ihr Vater war ein bekannter Meister der Gnaoua-Bruderschaft in Marrakesch. An seinem Todestag, verbot sein Sohn jedes magisch-religiöse Ritual im väterlichen Haus. Der Klang von Klapperschlangen und die Schritte ritueller Tänze sollten verbannt werden und der Moderne weichen. Alles, was für die von meinem Großvater organisierten rituellen Trance-Sitzungen notwendig war (Weihrauch, Pilgerstöcke, Tabletts ...), wurde in einer Nische neben Souvenirs und Familiendokumente aufbewahrt. Das mystische Erbe der Familie samt Tradition wurde somit beendet.

Die Abstammung allein reicht jedoch nicht aus, um Zugang zu einem solchen Erbe zu bekommen. Die Person muss zudem von den Geistern auserwählt und den Schutz der Heiligen und ihrer Baraka empfangen.

Nach der Episode in Tamaslouht, wurde meine Tante die legitime Erbin des spirituellen und magisch-religiösen Erbes ihres Vaters und musste die Tradition der Bruderschaft bzw. der Familie fortsetzen. Meine Tante sammelte alles notwendige Material, um entsprechende „Lilas“ (=Nächte, bedeutet in dem Zusammenhang "Nächte mit rituellen Klängen und Tänzen zu feiern“) zu organisieren. Die Nachricht verbreitete sich schnell in der Stadt und das Datum des 25. des Mond-Monats Chaâbane, der dem heiligen Monat Ramadan vorausgeht, wurde beibehalten. Lila sollte, wie es die Tradition vorschreibt, jedes Jahr zu diesem Datum stattfinden. Während dieser Nacht der Trance kamen die Schüler meiner Tante zum Klang der Lieder und Musik der Gnaoua, um ihre Seelen von den bösen Geistern zu reinigen, bevor sie dem heiligen Monat Ramadan entgegentraten.

Meine Tante wurde die Hüterin des immateriellen Erbes ihres Vaters und seiner geistigen und magisch-religiösen Kraft. Meine Mutter half ihrem Bruder das materielle Erbe der Familie zu verwalten, damit es weiter gedeiht und floriert. Sie versorgte kranke Menschen mit Heil- und Aromapflanzen. Diese Praxis erlernte sie von ihrer Mutter berberischer Herkunft.


Der Ziegenbock und das Basilikum: Feier mit Gnaoua-Musik und -Tanz mit Weihrauch, Foto: Eberhard Hahne

Die mündliche Überlieferung in Marokko berichtet, wenn eine Frau Zwillinge zur Welt bringt, erkennt sie, wie sich ihr Lebensweg ändert. Sie bekommt die Gabe, Menschen zu heilen. Meine Mutter und meine Tante waren Zwillinge. Meine Großmutter hatte die Gabe zu heilen; Sie erreichte den Status einer Heilerin. Meine Mutter hatte auch Zwillinge: Sie erbte die Gabe meiner Großmutter, wurde von ihr in die traditionelle Medizin eingeweiht und behandelte u.a. körperliche Wunden. Meine Tante erbte die Kraft von ihrem Vater, Seelen zu heilen. Unsere Familie verfügte so über beide Fähigkeiten, die sich bestens ergänzten.

Als Kind sah ich bestimmte Menschen zu meiner Tante kommen, um ihre Seelen zu heilen und andere zu meiner Mutter, um ihren Körper zu heilen. Gebete, Parfums, zerstoßene Heilpflanzen und pflanzliche Öle bildeten das medizinische Arsenal meiner Mutter, die sie aus der Natur holte oder von den Kräuterkennern in der Stadt Marrakesch bezog.

Im Haus meiner Tante schienen die Rituale der Heilung aus einer anderen Welt zu stammen. Die Lieder, die Düfte von verbranntem Weihrauch, die Musik der Gnaoua drangen bis zur Verzauberung in die Menschen ein. Die Wege zur Wiederherstellung des seelischen Gleichgewichtes gehen manchmal seltsame Wege und übersteigen jede Logik.

Bei meiner Mutter war die Behandlung kostenlos. Gebete der Patienten als Dankeschön erfüllten ihr Herz mit großer Freude.

Die Patienten meiner Tante und ihre Besucher brachten Opfergaben dar in Form von Geldbeträgen oder Sachleistungen, um das Wohlwollen der Geister zu gewinnen. Hähne, Milch, Zucker, Datteln, Schafe oder Ziegen. Köstlichkeiten, die die Geister des Hauses liebten. Diese übernatürlichen Schutzgeister, die für uns Kinder unsichtbar waren, lebten im Haus, in einem Raum namens „Bit Lajouad“ (bedeutet in etwa Raum der Gütigen), der für sie reserviert war. Zutritt zu diesem Raum hatte außer meiner Tante und den Eingeweihten niemand.

Besuche bei den Geistern folgen einem bestimmten Zeitplan und Ritual. Meine Tante war die einzige Person, die ihnen regelmäßig Essen, Blut, Milch, Datteln und eine ganz besondere Spezialität namens „Lahlo“, eine Art Hühnereintopf ohne Salz, bringen durfte. Lahlo wurde in einer süßen Sauce mit Rosinen gekocht. Man muss wissen, dass Geister, besonders die bösen darunter, Salz fürchten - es zerstört ihre Kräfte.

Für meine Tante war der Ziegenbock das ultimative Geschenk. Die Anhänger der Bruderschaft und die Patienten, die solche Geschenke mitbrachten, wollten damit der Heilerin und ihren Schutzgeistern besonders näherkommen.

Der Ziegenbock, der meiner Tante als Dankeschön gebracht wurde, wurde weder weiterverkauft noch geschlachtet. Dieses Geschenk war für die Geister bestimmt. Der Ziegenbock sollte zu gegebener Zeit Gegenstand eines rituellen Opfers werden. In der Zwischenzeit lebte er im Hof des Hauses meiner Tante. Er wurde sehr großzügig gefüttert. Er sollte am Tag seiner Opferung anlässlich einer Lila für ein köstliches Festmahl sorgen.

Die Lilas meiner Tante wurden immer berühmter und die Zahl ihrer Anhänger begann zu wachsen. Besucher kamen von Nah und Fern. Der Ruhm der Baraka im Haus meiner Tante wuchs schnell über die Mauern der Stadt Marrakesch hinaus.

Der Ehemann meiner Tante war Gerber. Wie man sich gut vorstellen kann, verbrachte er seine Tage in dem Gestank der Gerberei, in kleinen Becken (Bäder halb mit Wasser und verschiedenen Zusätzen gefüllt) in denen die Lederhäute mit blanken Füßen über lange Zeit zerstampft werden, damit sie eine glatte Struktur erhalten, bevor sie in weiteren Prozessen verschiedenen Behandlungen unterzogen werden. Am Abend, wenn die Arbeit beendet war, fand er Ruhe im Hof seines Hauses in der Nähe eines Basilikum-Beets und entkam so für einige Stunden den Gerüchen der Zersetzung von Fetten und Häuten. Das Kohlendioxid, das aus dem Kalk freigesetzt wird, soll Bakterien abtöten und so den Effekt der Zersetzung der Häute in den Becken der Gerbereien verringern.

Das Basilikum schien meinem Onkel ein duftender Garten zu sein, der ihm half, die unangenehmen Düfte des Ortes, wo er arbeitete, auszulöschen. Es war sein einziges Pflanzenuniversum, das er mit all seiner Zuneigung und Fürsorge umgab. Jeden Morgen goss er es und entfernte die verwelkten Blätter, bevor er sich rasierte. Das Basilikum hatte Vorrang vor allem anderen.

Die Eigenschaften des Basilikums sind zahlreich. Viele Werke der arabischen Botanik beschreiben seine therapeutischen Wirkungen, siehe Ibn-Baytar oder das große Werk der arabischen Medizin „Umdat At-Tatbib, das Wissen über Pflanzen“. Hier wird insbesondere seine Verwendung bei Sinusitis (Nasennebenhöhlenentzündung), Tachykardie (Herzrasen), Kopfschmerzen und Aerophagie (Luftschlucken). Es lindert Fieber und behandelt Entzündungen der Augen. Sein Duft hat den Ruf, Mücken abzuwehren.

Hinter dem Duft von Basilikum verbirgt sich eine ganze Reihe von Düften. Für eine trainierte Nase ist eine Schale Basilikum ein duftender Garten. Es verbreitet sowohl den Duft von Eukalyptus dank seines Reichtums an Eukalyptol als auch den von Nelken aufgrund seiner hohen Konzentration an Eugenol mit Noten von Gewürzen; und Thymol, eine chemische Komponente, die im Thymian reichlich vorhanden ist, die dem Basilikum einen herzhaften Duft verleiht.

Der Ziegenbock und das Basilikum besetzten die Mitte des Hauses und lebten in perfekter Harmonie. Die Regeln der guten Nachbarschaft wurden vom Ziegenbock, der seinen Mist als Gülle an das Basilikum lieferte, und vom Basilikum, das dem Ziegenbock in den heißen Stunden des Tages großzügig Schatten schenkte, perfekt eingehalten.

Eines Tages pilgerte meine Tante zum Grab des Heiligen „Sidi Chamharouch“, des "Königs der Dschinn", der im Atlasgebirge begraben liegt. Sie hielt sich dort mehrere Tage auf. Unterdessen wurde der Ziegenbock vom Haushaltspersonal vernachlässigt und drohte zu verhungern. Er begann, sich von den Blättern des Basilikums zu ernähren und bald fraß er alle Zweige samt Stamm auf.

Was für eine Tragödie für meinen armen Onkel, als er eines Tages aus der Gerberei zurückkam, fand er nicht mehr den angenehmen Geruch, den sein Basilikum ausstrahlte, um ihn willkommen zu heißen. Der süße, beruhigende, durchdringende Duft wehte nicht mehr im Hof. Mein Onkel war schockiert über das Verschwinden seines heiß geliebten Basilikums. Aus Rache beschloss er, das Tier zu schlachten und ihn als Fleischzulage für einen königlichen Couscous zuzubereiten. Damit sollte auch die Rückkehr meiner Tante gefeiert werden.

Meine Tante genoss den Couscous und gratulierte den Köchen zur Qualität des Hartweizengrießes und zur Wahl des Metzgers, dessen Fleisch zart und wohlschmeckend war. Sie erfuhr aber im Nachhinein, dass es das Fleisch des Ziegenbocks war, das den Couscous garnierte.

Ihr geliebter Ziegenbock war verschwunden. Alles, was von ihm übrigblieb, war seine Haut, die auf der Terrasse trocknete. Sie bat ihren Mann, sie zu bräunen. Gemäß der Tradition wird die Haut der geopferten Tiere in Gebetsteppichen verwandelt.

Mein Onkel entschuldigte sich bei meiner Tante, was eher ironisch. Was er nicht bedacht hatte, war die Tatsache, dass meine Tante hierbei absolut kein Verständnis aufbringen konnte. Von da an hieß es, getrennte Schlafzimmer. Damit ging dieser Vorfall als bedauerlicher dunkler Fleck in der Familiengeschichte ein.

Mein Onkel versuchte sich auf seine Weise zu trösten. Er verwandelte die Terrasse seines Hauses in eine Art hängender Garten, in dem nur Basilikum wuchs. Die kleinen weißen und lila Blüten standen dort an oberster Stelle und verbreiteten jeden Tag ihren würzigen Duft in der Nachbarschaft. Die Höhenlage im Garten begünstigte schnell das Wachstum dieses Lippenblütengewächses, dessen schwarze Samen ein nützliches Öl gegen Kopfschmerzen und Migräne enthält. Jeden Tag wuchs das Basilikum im hängenden Garten. Das Gras auf der Terrasse bekam reichlich Licht, was sein Wachstum ebenfalls förderte. Es herrschte daher eine bemerkenswerte Photosynthese-Aktivität. Der Garten wurde immer dichter und das Basilikum nahm langsam das Aussehen eines Busches an.

Abends wirkte das Basilikum so als wäre es lebendig. Ohne Sonnenlicht stoppt die Photosynthese. Das Basilikum nimmt den Sauerstoff aus der Luft auf und setzt Kohlendioxid frei. So absorbierte mein Onkel eines Sommerabends, überrascht im Schlaf, riesige Mengen CO. Dieses im Blut konzentrierte Gas wirkt wie eine Schlaftablette, verlangsamt die Atmung und kann zur Erstickung führen. Der Sauerstoffmangel im Gehirn führt dazu, dass das Opfer halluziniert, bevor das Herz endgültig aufhört zu schlagen. Der Gerber, der sich seit mehr als einem halben Jahrhundert dem giftigen Geruch der Gerbereien widersetzt hatte, erlag an diesem Abend dem Gift seines Basilikums. Und so geschah es, dass der Ehemann meiner Tante, berauscht von seinem geliebten Basilikum, sich von dieser Welt verabschiedete.

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