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Der Duft der Zeit: Eine Reise ins Herz marokkanischer Erinnerung

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Manche Reisen beginnen mit einer Landschaft, andere mit einem Gespräch. Meine begann mit einem Wiedersehen: Sooft ich von Berlin nach Casablanca komme, treffe ich einen alten Freund, den Literaturwissenschaftler Chouaib Halifi.

Jedes Mal führt uns das Gespräch zurück zu einem Thema, das in Marokko viele bewegt, aber selten im Rampenlicht steht: die Lebensgeschichten großer religiöser und geistiger Persönlichkeiten des Landes, Sufi-Meister, Gelehrte, Heilige, deren Wirken oft nur mündlich weitergegeben wurde, nie schriftlich festgehalten. Bei Tee in einem Café in Casablanca ist daraus diesmal mehr geworden als ein beiläufiges Gespräch: Halifi hat mich zu einem wissenschaftlichen Symposium eingeladen, das genau diesem Thema gewidmet war - der Frage, wie Biografien zur marokkanischen Identität beitragen.

Der Weg zum Symposium hat durch ein historisches Gebäude geführt, dessen Architektur selbst schon eine Reise in die Vergangenheit war: kunstvolle Fliesenmuster, geschnitztes Zedernholz, bunte Fenster, die an die große Zeit maurischer Baukunst in Städten wie Córdoba oder Fès erinnerten. Hier haben sich die Referenten des Symposiums getroffen - Wissenschaftler, Schriftsteller, eine Dichterin -, bevor es zum eigentlichen Ort der Veranstaltung ging: ein Mausoleum an der Atlantikküste, kürzlich aufwendig restauriert. Aus einem einst vernachlässigten, von Wahrsagerei umgebenen Ort ist ein architektonisch beeindruckender Bau geworden, der auf einem Felsen im Meer liegt, verbunden mit dem Festland durch eine schmale Brücke, unter der bei Flut das Wasser hindurchströmt. Der Andrang zur Veranstaltung war so groß, dass die Türen geschlossen werden mussten. Dann haben die Vorträge begonnen, und jeder hat eine eigene, überraschende These mitgebracht.

Der erste Redner hat eine weitverbreitete Annahme widerlegt: dass das Schreiben über das eigene Leben - die Autobiografie - eine westliche Erfindung sei. Er hat gezeigt: Araber praktizierten diese Form des Schreibens schon Jahrhunderte, bevor sie sich im Westen durchsetzte - dort erst mit der Erfindung des Buchdrucks.

Die zweite Rednerin, eine Dichterin, hat alte Lebensbeschreibungen von Heiligen vorgestellt und deutlich gemacht: Solche Texte erzählen nicht einfach nur Wunder. Sie verleihen den beschriebenen Personen Autorität und machen sie zu Symbolen, mit denen sich eine ganze Gesellschaft identifizieren kann.

Der dritte Redner, mein Freund Halifi, hat dem Publikum eine unbequeme Frage gestellt: Wie viele bedeutende Marokkaner der Geschichte könnt ihr nennen? Seine These: Die Kolonialzeit hat gezielt versucht, den Marokkanern das Gefühl zu geben, ihre eigene Geschichte sei weniger bedeutend als die anderer Völker - und dieses Vergessen wirkt bis heute nach. Er hat vom Leben eines Rechtsgelehrten und Sufis aus dem 15. Jahrhundert erzählt, der - ungewöhnlich für seine Zeit - offen anerkannte, wie viele Frauen zu seiner Bildung beigetragen hatten.

Der letzte Redner schließlich hat ein kurioses literarisches Werk vorgestellt: eine sechzigbändige Biografie des Propheten Mohammed, die nicht chronologisch beginnt, sondern mit dessen legendärer Nachtreise in den Himmel. Der Grund: Der Autor wollte keine historische Chronik schreiben, sondern seine Leser zu einer spirituellen Erfahrung führen.

Am Ende des Abends, nach einer Preisverleihung an Schulabsolventen, haben wir gemeinsam den Saal verlassen. Am Bahnhof haben sich unsere Wege getrennt - beladen mit Büchern und mit dem Eindruck, einer Geschichte begegnet zu sein, die in Marokko lebendiger ist, als es von außen oft scheint.

 

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