Zwischen Fès und Berlin - Marokkos Musik auf Europas Bühnen
Marokkanische Musik hat längst den Weg über das Mittelmeer gefunden. Von der andalusischen Tradition bis zu den tranceartigen Rhythmen der Gnawa entstehen musikalische Brücken zwischen Marokko und Europa. Festivals und Konzertbühnen von Berlin bis Wien werden so zu Orten eines kulturellen Dialogs, der tief in der Geschichte verwurzelt ist.

Wenn Ende Juni in Essaouira die ersten Klänge der Guembri über die Plätze der Altstadt tragen, beginnt eines der ungewöhnlichsten Musikereignisse des Mittelmeerraums. Beim Gnaoua and World Music Festival, das seit 1998 jährlich stattfindet und inzwischen Hunderttausende Besucher anzieht, treffen Gnawa-Maâlems - die traditionellen Meister dieser Musik - auf Jazzmusiker, Sängerinnen, Percussionisten und Instrumentalisten aus aller Welt. Dann verwandelt sich die Atlantikstadt für einige Tage in eine offene Klanglandschaft. Auf Bühnen zwischen Stadtmauern, Hafen und Medina entstehen musikalische Begegnungen, die kaum planbar sind: Gnawa-Rhythmen verbinden sich mit Jazz, mit Soul oder mit elektronischen Klängen. Musiker improvisieren gemeinsam, als hätten ihre Traditionen schon immer zusammengehört.
Wenn etwa ein Gnawa-Meister den tiefen Rhythmus der Guembri anstimmt und sich darüber ein Saxophon erhebt, entsteht eine musikalische Sprache, die Grenzen mühelos überwindet. Genau solche Begegnungen haben dem Festival internationale Aufmerksamkeit verschafft - und sie zeigen exemplarisch, wie marokkanische Musik heute in einen globalen Dialog eingebunden ist.
Die Erinnerung an al-Andalus
Die Verbindung zwischen den musikalischen Welten beider Seiten des Mittelmeers entstand jedoch lange vor den heutigen Festivals. Sie reicht bis in die Zeit von al-Andalus zurück. Als im späten Mittelalter das muslimische Spanien unterging, fanden viele Musiker, Dichter und Gelehrte Zuflucht in den Städten Nordafrikas. Mit ihnen gelangte eine hochentwickelte musikalische Tradition nach Marokko: die andalusische Musik, hier als al-Ala (das musikinstrument) bekannt.
In Städten wie Fès, Tétouan und Rabat wurde diese Kunst über Generationen hinweg bewahrt. Ihre fein strukturierten Melodien, ihre subtilen Modulationen und ihre komplexen rhythmischen Zyklen zählen heute zu den bedeutendsten musikalischen Traditionen des westlichen Mittelmeerraums. Ensembles wie das Orchestre Arabo-Andalou de Fès führen diese Tradition bis heute fort. Wenn sie auf europäischen Bühnen auftreten, erklingen Melodien, deren Ursprünge in den Höfen von Granada und Córdoba liegen - und die zugleich lebendiger Teil der marokkanischen Kultur geblieben sind.
Die Kraft der Gnawa

Neben dieser höfischen Tradition entwickelte sich eine andere musikalische Sprache, deren Ausdruck unmittelbarer und rhythmischer ist: die Gnawa-Musik. Ihre Ursprünge liegen in spirituellen Ritualen, in denen Musik, Gesang und Bewegung zu einer Form kollektiver Trance verschmelzen. Im Zentrum steht die Guembri, deren tiefer Klang den musikalischen Boden bildet, während die metallischen Qraqeb den pulsierenden Rhythmus erzeugen. 2019 wurde Gnawa von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt. Doch ihre internationale Ausstrahlung begann schon lange zuvor.
Der amerikanische Jazzpianist Randy Weston, der viele Jahre in Marokko lebte, erkannte früh die Nähe zwischen Jazz und Gnawa-Rhythmen. In seiner Komposition „Blue Moses“ verschmelzen nordafrikanische Rhythmen mit der Freiheit des Jazz zu einer Musik, die beide Traditionen miteinander verbindet. Auch marokkanische Musiker selbst führen diesen Dialog weiter. Der Gnawa-Meister Majid Bekkas verbindet traditionelle Rhythmen mit Blues und Jazz. In Stücken wie „Daymallah“, „Mrahba“ oder „Soudani Manayou“ entfaltet sich eine Musik, die zugleich archaisch und modern wirkt.
Neue Stimmen zwischen Kontinenten
Heute erklingen marokkanische Klänge auf vielen europäischen Bühnen. Festivals wie das Rudolstadt Festival in Deutschland oder die internationale Musikmesse WOMEX gehören zu den wichtigsten Treffpunkten der Weltmusikszene. Dabei entstehen immer neue musikalische Begegnungen. Die Sängerin Oum verbindet in ihren Liedern Jazz, Soul und nordafrikanische Tradition. Ihr Stück „Taragalte“, inspiriert von der Weite der Sahara, entfaltet eine ruhige, fast meditative Klanglandschaft. Auch Titel wie „Hna“ (Hier: Hier sind Wir) zeigen, wie sich marokkanische Klangfarben mit modernen Arrangements verbinden lassen.
Eine andere, sehr persönliche Klangsprache hat Hindi Zahra entwickelt. Ihr international bekanntes Lied „Beautiful Tango“ verbindet Folk, Blues und nordafrikanische Einflüsse zu einem unverwechselbaren Stil. Auch Songs wie „Stand Up“ zeigen, wie selbstverständlich sich verschiedene musikalische Welten miteinander verweben lassen. Solche Künstler tragen dazu bei, dass marokkanische Musik in Europa längst nicht mehr nur als folkloristische Tradition wahrgenommen wird. Sie erscheint vielmehr als eine lebendige und sich ständig wandelnde Kunstform.
Ein besonders sichtbares Symbol dieses kulturellen Austauschs bleibt das Festival Gnaoua et Musiques du Monde in Essaouira. Seit seiner Gründung 1998 bringt es Musiker aus Marokko, Europa, Afrika und Amerika zusammen. Internationale Künstler arbeiten dort mit Gnawa-Maâlems - den traditionellen Meistern dieser Musik - und entwickeln neue musikalische Begegnungen.
Klangräume, in denen sich Geschichte und Gegenwart begegnen
Die Musik Marokkos trägt Erinnerungen an al-Andalus, an alte Karawanenwege durch die Sahara und an spirituelle Rituale, deren Rhythmen über Generationen hinweg weitergegeben wurden. Doch zugleich öffnet sie sich immer wieder neuen Einflüssen.
Wenn heute in Berlin, Wien oder Zürich die tiefen Töne der Guembri erklingen oder eine marokkanische Stimme über Jazzharmonien schwebt, entsteht ein Moment, in dem sich zwei kulturelle Räume berühren.
Die Wege dieser Musik verlaufen längst nicht mehr nur entlang geografischer Grenzen. Sie folgen den Bewegungen von Künstlern, den Begegnungen auf Festivals und der Neugier eines Publikums, das bereit ist zuzuhören. Vielleicht liegt gerade darin ihr größter Reiz: Marokkanische Musik bewahrt ihre Herkunft - und bleibt doch offen für die Welt.