WM 2030: Mehr als Sport - ein Projekt mit geopolitischer Dimension
Die gemeinsame Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2030 durch Marokko, Spanien und Portugal soll weit über den Sport hinauswirken. Auf einem trilateralen Wirtschaftsforum in Salé betonte Fouzi Lekjaa die Bedeutung koordinierter Investitionen, unternehmerischer Zusammenarbeit und der Lehren aus der erfolgreich abgeschlossenen CAN 2025/26 (Afrikanische Fußballmeisterschaft).

Die gemeinsame Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2030 durch Marokko, Spanien und Portugal markiert einen strategischen Sonderfall in der Geschichte internationaler Sportgroßereignisse. Erstmals wird ein WM-Turnier dauerhaft über Europa und Afrika hinweg organisiert - und damit über unterschiedliche regulatorische, infrastrukturelle und politische Räume. Der sportliche Wettbewerb fungiert dabei weniger als Selbstzweck, sondern zunehmend als Katalysator für wirtschaftliche, logistische und institutionelle Kooperation im westlichen Mittelmeerraum.
Die Aussagen von Fouzi Lekjaa unterstreichen, dass die WM 2030 nicht primär als sportpolitisches Prestigeprojekt verstanden wird, sondern als komplexes Governance-Vorhaben. Die Notwendigkeit permanenter Abstimmung zwischen staatlichen Stellen, Verbänden und Unternehmen verweist auf strukturelle Herausforderungen, die weit über Stadionbau und Spielpläne hinausgehen. Grenzüberschreitende Mobilität, Sicherheitsarchitekturen, digitale Ticketing-Systeme und interoperable Verkehrskonzepte erfordern eine Koordination, wie sie bislang eher aus dem Bereich transnationaler Infrastrukturprojekte bekannt ist.
Für europäische Akteure ist dies von besonderem Interesse: Die WM 2030 dient faktisch als groß angelegtes Planspiel für multilaterale Steuerung zwischen EU-Mitgliedstaaten und einem zentralen Partnerland der südlichen Mittelmeerregion. Erfolgreiche Lösungen könnten Modellcharakter für andere Politikfelder haben - von Verkehrskorridoren über Energiesysteme bis hin zu zivil-sicherheitspolitischer Zusammenarbeit.
Wirtschaftliche Dimension und Rolle der Unternehmen
Bemerkenswert ist die starke Betonung der Rolle von Unternehmen aller Größenordnungen. Anders als frühere Großturniere, die stark staatlich geprägt waren, rückt hier ein öffentlich-privates Kooperationsmodell in den Vordergrund. Für europäische Unternehmen eröffnet dies Zugang zu Projekten in Bereichen wie Infrastruktur, Mobilität, digitale Dienstleistungen, Sicherheitstechnologie und Eventmanagement - insbesondere in einem Marktumfeld, das durch langfristige Investitionen geprägt ist.
Gleichzeitig positioniert sich Marokko sichtbar als verlässlicher Industrie- und Organisationsstandort an der Schnittstelle zwischen Europa und Afrika. Die Erfahrungen aus der CAN 2025, die im Januar 2026 abgeschlossen wurde, dienen dabei als glaubwürdige Referenz. Sie belegen, dass das Land nicht nur investiert, sondern operative Umsetzungsfähigkeit unter realen Belastungsbedingungen demonstriert hat - ein Aspekt, der für europäische Investoren und Projektpartner von zentraler Bedeutung ist.
Politische Signalwirkung im euro-afrikanischen Kontext
Über die wirtschaftliche Ebene hinaus entfaltet das Projekt eine klare politische Signalwirkung. Die trilaterale Kooperation steht für eine pragmatische Form der Annäherung zwischen Europa und Afrika, die nicht primär über Entwicklungshilfe, sondern über gemeinsame Verantwortung, geteilte Standards und kooperative Wertschöpfung definiert wird.
In einer Phase, in der der westliche Mittelmeerraum mit Fragen der Migration, der wirtschaftlichen Resilienz und der geopolitischen Neuordnung konfrontiert ist, setzt die WM 2030 ein bewusst integratives Zeichen. Sport fungiert hier als politisch neutraler Rahmen, innerhalb dessen Vertrauen aufgebaut und institutionelle Zusammenarbeit vertieft werden kann - ohne die symbolische Überfrachtung klassischer Gipfeldiplomatie.
Fazit
Die Fußball-Weltmeisterschaft 2030 ist für Europa weniger ein Sportereignis als ein strategisches Kooperationsprojekt mit Modellcharakter. Sie verbindet wirtschaftliche Interessen, infrastrukturelle Modernisierung und politische Annäherung in einem bislang einzigartigen euro-afrikanischen Format. Ob dieses Experiment langfristige Wirkung entfaltet, wird weniger auf dem Spielfeld entschieden als in der Qualität der Zusammenarbeit zwischen Staaten, Unternehmen und Institutionen - und in der Fähigkeit, aus einem einmaligen Turnier nachhaltige Strukturen zu entwickeln.