Marathon Vert d’Agadir

Irgendwann waren die Plakate mit der Ankündigung einer Laufveranstaltung in Agadir im Stadtbereich nicht mehr zu übersehen… Und da ich es aus Deutschland gewohnt war, die eigene Trainingsmoral durch regelmäßige Teilnahme an offiziellen Läufen etwas anzukurbeln, war ich Feuer und Flamme.

Marathon Vert d’Agadir, Kartenausschnitt aus dem Stadtplan Agadir - Inezgane, ISBN: 9783931099299, Foto: marokko-erfahren

Marathon, Halbmarathon und Mini-Marathon waren zum „Marathon Vert d’Agadir“ ausgeschrieben, wie die Recherche im Internet schnell ergab.

Die Anmeldeformalitäten waren für mich trotz geringer Französischkenntnisse leicht zu bewältigen, ich entschied mich für den Halbmarathon. Nach der Einschreibung bekam ich eine Mail mit den notwendigen Informationen: Startzeit 9.00 Uhr auf dem Place Al Amal, Startnummer und Shirt konnten noch am Tag des Wettkampfes abgeholt werden. So bestand für uns kein Anlass zu einer Extra-Fahrt nach Agadir.

Am Lauftag waren wir (Andreas und ich) um 7 Uhr abfahrbereit, hatten eine gute Stunde Fahrzeit vor uns. Das Müslifrühstück für die erforderliche Energie gab es im Auto. Pünktlich um 8.15 Uhr stand ich vor dem Meldezelt, mit der auf einem Zettel notierten Startnummer in der Hand. Das Zelt war leer, weit und breit niemand zu sehen! Auf meine Nachfrage erklärten mir mehrere Leute, dass alles bereits geschlossen sei!

Wie ich später in Erfahrung brachte, mussten selbst die, die sich online angemeldet hatten, ihren Meldebogen erneut ausfüllen und als den Veranstaltern die T-Shirts, die es zur Anmeldung dazu gab, ausgegangen waren, schlossen sie kurzerhand das Meldebüro!

Marathon Vert d’Agadir, Foto: marokko-erfahren

Ratlosigkeit machte sich in mir breit, während überall auf dem großen Platz um mich herum Läufer mit grellgrünen Hemden standen, warteten oder sich aufwärmten. Laufen wollte ich nun auf jeden Fall – entschied ich, jetzt auch ohne Startnummer, die Zeitnahme konnte mit meiner Uhr erfolgen und ein eigenes T-Shirt trug ich ja bereits, wenn es auch nicht so schön grün war…! Von einem Erscheinen meines Namens in der Ergebnisliste musste ich mich jedoch ohne offizielle Anmeldung verabschieden!

Es war wenige Minuten vor halb neun, ich zog ruhig meinen Pullover aus und besprach gerade mit Andreas, wo wir uns hinterher treffen wollten, als sich die Läufermenge plötzlich aus mir unerfindlichen Gründen eilig in die Startzone begab, vorneweg eine sprintende Gruppe. Schmunzelnd erklärte ich Andreas, dass man nun wohl um die beste Startposition kämpfen würde. So verabschiedeten wir uns und ich begab mich auch in diesen Bereich, mit dem Wissen, dem Start nun - eingepfercht zwischen vielen Gleichgesinnten - eine halbe Stunde entgegenfiebern zu müssen.

Marathon Vert d’Agadir, Foto: marokko-erfahren

Doch die Masse kam nicht zum Stillstand! Gelassen trabte ich mit, in der Annahme, eine gemeinsame Erwärmungsrunde um den Patz zu drehen, dachte mir selbst unter dem Startbogen noch nichts. Schließlich war außer dem Aufsteigen einer riesigen Luftballontraube noch kein offizielles Signal ertönt und um mich herum spazierten verschleierte Frauen mit kleinen Kindern an der Hand oder im Buggy. Erstaunlicherweise liefen alle aber immer geradeaus, eine Straße entlang und als am Straßenrand das erste Schild: km1 auftauchte, drückte ich hektisch auf meine Uhr, brauchte aber immer noch eine ganze Weile, um zu realisieren, dass ich mich bereits auf der Strecke befand! Offensichtlich gehörte ich zu den Wenigen, die nicht darüber informiert waren, dass der Start auf 8.30 Uhr vorverlegt worden war. Warum, weiß ich bis heute noch nicht! Später entdeckte ich während des Laufens in der Stadt weitere große Ankündigungsplakate für den Marathon, einige mit der Startzeit 9.00 Uhr, einige mit 8.30 Uhr. Ob der Veranstalter das so gewollt hat?

Marathon Vert d’Agadir, Foto: marokko-erfahren

Tempo erhöhen, überholen und einen Laufrhythmus finden war jetzt dran. Die „Spaziergänger” verließen nach ca. 4 km die große Runde, um ihren Mini-Marathon (7 km) zu beenden. Auf der Strecke wurde es ruhiger und sportlicher! Immer wieder gab es unterwegs kleine Wasserflaschen zum Mitnehmen, eine praktische Lösung, um jederzeit etwas zum Trinken oder zum Gesicht nass machen zur Verfügung zu haben. Unterwegs war in Abständen für gute musikalische Untermalung gesorgt. Verschiedene Bands, gekleidet in bunte Gewänder, sorgten mit Berbermusik oder Trommelrhythmen für Abwechslung und motivierten einige Läufer sogar zum Tanzen oder mischten sich selbst tanzend und klatschend unter die Läufer! Vom Straßenrand aus wurde angefeuert und geklatscht, besonders für die wenigen mitlaufenden Frauen. Insgesamt eine gute Stimmung, Sonnenschein, ca. 20°C, also perfekte Laufbedingungen!

Marathon Vert d’Agadir, Foto: marokko-erfahrenAuffällig war eine große Zahl von Mülltonnen, die am Rand der Laufstrecke standen. Zusätzlich hielt sich neben jeder bunten Tonne auch ein Straßenreiniger mit Besen auf, der jedes noch so kleine Papierfetzchen umgehend in einer Tonne versenkte! Schließlich liefen wir ja den „Marathon vert”, den grünen Marathon! Wünschenswert wäre eine Fortsetzung dieser „grünen“ Aktion auch an normalen Tagen und nicht nur auf einer Strecke von 21 km, begrenzt auf einen Tag! Agadir würde viel an Attraktivität gewinnen!

Bei Kilometer 17 heftete ich mich an die Fersen eines marokkanischen Studenten, der mehrfach versuchte, mich abzuschütteln. Als er merkte, dass ich dranblieb, haben wir uns nett in einer Mischung aus Englisch und Französisch unterhalten, bis er auf den letzten 200 Metern davonsprintete. Meine Uhr blieb im Ziel nach Aufrechnung des fehlenden Anfangskilometers bei 1:59h stehen, eine Zeit, mit der ich nach dem „verpassten“ Start mehr als zufrieden war!

Marathon Vert d’Agadir, Foto: marokko-erfahren

Im Ziel bekam ich immerhin eine Finishermedaille und einen Verpflegungsbeutel mit Obst, Süßigkeiten und Wasser. Und da hatte ich noch Glück, denn später eintreffende Läufer erhielten nicht einmal eine Medaille - auch die hatte der Veranstalter zu knapp bemessen!

Eine Hürde galt es zum Schluss noch zu überwinden: wo konnte man sich umziehen? Schließlich wollte ich in den nassen Sachen nicht die einstündige Heimfahrt antreten. Da es weder eine Gepäckabgabe noch Zelte zum Umziehen gab, war das nicht einfach zu meistern. Schließlich fand ich im verlassenen Meldezelt ein verstecktes Plätzchen um in trockene Sachen zu steigen, während vor dem Zelt ein Platzreiniger alle anwies, dem Zelt nicht zu nahe zu kommen, damit ich meine Ruhe beim Umkleiden hatte! Zufrieden verließen wir später den Start- und Zielplatz mit dem sicheren Gefühl: in Marokko sind selbst die Laufveranstaltungen anders, aber deswegen nicht weniger schön! Ich möchte diese Erfahrung um keinen Preis missen, bedauerlich nur, dass sich der Veranstalter im Vorfeld nicht auf eine so große Zahl begeisterter Läufer eingestellt hat!

Siehe YouTube-Videos: "Marathonlauf 2018" oder "Marathonlauf 2016"

Erinnerung an den „Marathon Vert d’Agadir, April 2018“

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