Kultur als Wirtschaftskraft: Marokko und die EU fördern Kreativbranchen
Wer an die wirtschaftliche Entwicklung Marokkos denkt, verbindet sie meist mit Häfen, Automobilwerken, Luftfahrt, erneuerbaren Energien oder dem Hochgeschwindigkeitsnetz. Weniger sichtbar ist eine Branche, deren Bedeutung weltweit seit Jahren wächst: die Kultur- und Kreativwirtschaft.

Dazu gehören Film, Musik, Design, Mode, digitale Inhalte, Videospiele, Architektur, Kunsthandwerk, Verlagswesen, audiovisuelle Produktionen und zahlreiche weitere kreative Tätigkeiten. Längst gelten sie nicht mehr nur als kulturelle Ausdrucksformen, sondern als eigenständige Wirtschaftszweige mit erheblichem Beschäftigungs- und Innovationspotenzial.
Genau hier setzt die neue Zusammenarbeit zwischen Marokko und der Europäischen Union an. Die drei jüngst gestarteten Projekte sollen nicht nur einzelne Künstler oder Kulturinitiativen fördern. Ihr Ziel besteht darin, ein dauerhaftes Ökosystem zu schaffen, in dem kreative Ideen leichter zu Unternehmen, Arbeitsplätzen und internationalen Kooperationen werden können.
Dabei baut die Initiative auf einer Entwicklung auf, die bereits vor einigen Jahren begann. Seit 2023 unterstützt die Europäische Union den Aufbau der marokkanischen Kultur- und Kreativwirtschaft mit einem umfangreichen Förderprogramm. Neben finanzieller Unterstützung umfasst dieses Programm Ausbildung, Vernetzung, Beratung und die Stärkung der institutionellen Rahmenbedingungen.
Bemerkenswert ist dabei vor allem der Perspektivwechsel. Kultur wird nicht mehr ausschließlich als Bewahrung von Traditionen verstanden, sondern zunehmend als Quelle wirtschaftlicher Dynamik. Gerade junge Menschen finden hier Möglichkeiten, Kreativität, Unternehmertum und digitale Kompetenzen miteinander zu verbinden.
Die Zahlen zeigen, dass dieses Potenzial keineswegs theoretisch ist. Nach einer aktuellen Untersuchung der International Finance Corporation erwirtschafteten die marokkanischen Kultur- und Kreativbranchen bereits rund 43 Milliarden Dirham Umsatz und sichern mehr als 116.000 Arbeitsplätze. Damit gehören sie längst zu den bedeutenden aufstrebenden Wirtschaftssektoren des Landes.
Hinzu kommt ein Vorteil, über den nur wenige Länder in dieser Form verfügen. Marokko vereint arabische, amazighische, afrikanische, andalusische, mediterrane und europäische Einflüsse in einer außergewöhnlichen kulturellen Vielfalt. Was über Jahrhunderte gewachsen ist, kann heute zu einem wichtigen Standortvorteil werden - nicht nur für den Tourismus, sondern auch für Filmproduktionen, Design, Musik, digitale Inhalte und internationale Kulturprojekte.
Die Entwicklung erinnert in gewisser Weise an andere Erfolgsmodelle des Königreichs. Auch die Automobil- und Luftfahrtindustrie entstanden nicht über Nacht. Zunächst wurden Investitionen angezogen, anschließend Kompetenzen aufgebaut, Fachkräfte ausgebildet und Netzwerke geschaffen. Erst daraus entwickelten sich leistungsfähige industrielle Ökosysteme.
Ein ähnlicher Prozess könnte sich nun im kreativen Bereich vollziehen. Wenn Ausbildung, Finanzierung, internationale Partnerschaften und unternehmerische Strukturen zusammenfinden, entsteht weit mehr als kulturelle Förderung. Es entsteht ein Wirtschaftssektor, der Innovation hervorbringt, qualifizierte Beschäftigung schafft und die internationale Ausstrahlung des Landes stärkt.
Gerade deshalb verdienen die neuen Projekte Aufmerksamkeit. Sie stehen für eine Entwicklung, die über einzelne Förderprogramme hinausweist. Denn die eigentliche Frage lautet nicht, wie viele Projekte heute unterzeichnet werden, sondern welche kreativen Unternehmen, kulturellen Innovationen und internationalen Kooperationen daraus in den kommenden Jahren hervorgehen werden. „Der wahre Reichtum Marokkos liegt nicht in seinen natürlichen Ressourcen, sondern in seinen menschlichen Ressourcen.“, sagte König Mohammed VI. in einer seiner Reden 2025.
Vielleicht zeigt sich gerade in der Kultur- und Kreativwirtschaft besonders deutlich, wie aktuell diese Aussage geblieben ist. Denn dort entstehen die wichtigsten Ressourcen der Zukunft nicht in Fabriken oder Minen, sondern in Ideen, Talenten und der Fähigkeit, kulturellen Reichtum in nachhaltige Entwicklung zu verwandeln.