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Fès: Warum diese Stadt zu den außergewöhnlichsten der Welt gehört

Das internationale Reisemagazin Condé Nast Traveler zählt Fès zu seinen „Best Places to Go in Africa in 2026“. Restaurierte Fondouks, alte Karawansereien und historische Lehrhäuser stehen für eine Stadt, die ihr kulturelles Erbe neu zur Geltung bringt. Doch wer Fès jetzt als Reiseziel wiederentdeckt, begegnet weit mehr als einer restaurierten Vergangenheit. Hinter den Mauern der Medina lebt eine Stadt, die seit Jahrhunderten ihren eigenen Rhythmus bewahrt. Denn:

Gerberei Choura. Foto Eberhard Hahne

Es gibt Städte, die man besucht, und Städte, in die man eintritt. Fès gehört zur zweiten Art. Hinter den Toren der Medina verändert sich nicht nur das Straßenbild; der Rhythmus wird ein anderer. Gassen ersetzen Straßen, Werkstätten öffnen sich zum öffentlichen Raum, Händler tragen ihre Waren durch ein Geflecht, das vor Jahrhunderten entstanden ist. Wissen, Religion, Handel und Handwerk liegen nur wenige Schritte voneinander entfernt.

Durch die Tore in eine andere Welt

Wer die Stadt betrat, musste ihre Tore passieren. Diese Tore waren weit mehr als Öffnungen in einer Mauer. Sie verbanden Fès mit Handelswegen und Landschaften, regelten Bewegungen, schützten Viertel und waren Ausdruck von Herrschaft und städtischer Ordnung. Idriss Al-Jay hat ihnen einen eigenen ausführlichen Beitrag gewidmet. An ihnen lässt sich ablesen, dass die Medina nicht ungeplant aus einem Gewirr von Gassen entstand. Ihre Zugänge, Wege, Märkte und Quartiere folgten einer über Jahrhunderte gewachsenen Ordnung.

Die UNESCO, die die Medina 1981 zum Welterbe erklärte, beschreibt sie als eine der ausgedehntesten und am besten erhaltenen historischen Städte der arabisch-islamischen Welt. Bemerkenswert ist dabei nicht allein ihre Architektur. Große Teile haben ihre ursprünglichen Funktionen bewahrt; Lebensformen, Kenntnisse und Fertigkeiten wurden von Generation zu Generation weitergetragen.

Eine Wissensstadt, lange bevor Europa Universitäten kannte

Im Herzen der Medina liegt einer der Gründe, weshalb Fès weit über Marokko hinaus Bedeutung erlangte: al-Qarawiyyin. Der Überlieferung zufolge gründete Fatima al-Fihri, die Tochter eines aus Kairouan zugewanderten Kaufmanns, die Moschee im Jahr 859. Mit ihren Lehrstätten entwickelte sie sich über Jahrhunderte zu einem der bedeutenden Zentren des Wissens in der islamischen Welt. Al-Qarawiyyin wird heute zu den ältesten noch bestehenden Bildungsinstitutionen der Welt gezählt und häufig als eine der ältesten Universitäten bezeichnet. Als sie entstand, lagen noch mehr als zwei Jahrhunderte vor dem traditionellen Gründungsjahr der Universität Bologna 1088, die als älteste Universität der westlichen Welt gilt, die als älteste Universität der westlichen Welt gilt.

Bibliothek al Qarawiyyine in Fes

Doch al-Qarawiyyin war keine abgeschlossene Insel des Wissens. Gelehrte und Studenten bewegten sich durch dieselben Viertel wie Händler und Handwerker. Lehrstätten und Bibliotheken lagen neben Märkten und Werkstätten. Wissen gehörte zur Stadt. Ein eigener Beitrag führt tiefer in diese Welt: zur Bibliothek der Qarawiyyin, ihren Handschriften und zur Verbindung von Gelehrsamkeit und städtischem Leben.

Eine Stadt, die noch arbeitet

Dass die Medina ihre Funktionen bewahrt hat, unterscheidet Fès von vielen anderen historischen Städten: Sie ist nicht nur Kulisse. In den Gerbereien wird Leder verarbeitet. In Werkstätten entstehen Metallarbeiten, Holzarbeiten, Keramik und Zellige, die typischen Mosaike aus glasierten Tonfliesen. Die alten Märkte folgen noch immer einer Ordnung, in der Gewerbe und Waren bestimmte Räume der Stadt prägen. Gemeinschaftsöfen erzählen von der Organisation der Viertel, Brunnen und Wasserwege von einer Infrastruktur, ohne die Hammams, Moscheen, Werkstätten und Haushalte nicht funktionieren konnten.

Färbergasse, Hassan Glaoui ist stolz auf seine ArbeitSuq Ssebbat

Diesen Orten widmet sich ein großer Teil der Arbeiten von Idriss Al-Jay. Seine Beiträge führen in die Gerbereien und Töpfereien, zum Suq al-Attarin, dem Markt der Gewürz- und Duftstoffhändler, und zum Suq Ssebbat, dem Markt der Schuhmacher, zu den Färbern, den Gemeinschaftsöfen und zum Wasser als Grundlage der städtischen Ordnung. Dabei entsteht aus scheinbar kleinen Dingen ein großes Bild. Ein Backofen erzählt vom Zusammenleben eines Viertels. Eine Werkstatt führt zu alten Produktionsketten. Ein Markt öffnet den Blick auf Fernhandel und Karawanenwege. Eine Gerberei erzählt nicht allein von Leder, sondern von Wasser, Arbeit, Handel und gesellschaftlicher Organisation. Das Handwerk steht in Fès nicht neben der Geschichte. Es ist ein Teil von ihr.

Viele Geschichten in einer Stadt

Mellah Hauptstrasse. Foto Eberhard Hahne

Fès ist selbst innerhalb seiner Mauern keine Einheit. Die Altstadt Fès el-Bali wuchs aus zwei Vierteln zu beiden Seiten des Flusses zusammen: dem Viertel der Andalusier, die 818 aus Córdoba kamen und ihre Kultur mitbrachten, und dem Viertel der Zuwanderer aus Kairouan, dem die Qarawiyyin ihren Namen verdankt. Fès el-Jdid errichteten die Meriniden ab 1276 westlich der alten Stadt, mit Palast, Befestigungen und einer anderen urbanen Ordnung. Dort liegt auch das Mellah, das jüdische Viertel. Es erinnert daran, dass Fès über Jahrhunderte von unterschiedlichen religiösen, kulturellen und gesellschaftlichen Gemeinschaften geprägt wurde.

Andalusische, orientalische und afrikanische Einflüsse trafen hier aufeinander. Fès nahm sie nicht nur auf. Die Stadt strahlte ihrerseits weit über ihre Mauern hinaus und beeinflusste Architektur, Handwerk, Gelehrsamkeit und städtische Kultur in anderen Regionen.

Das Fès der Menschen

Es gibt jedoch ein Fès, das sich weder durch Jahreszahlen noch durch Baudenkmäler erklären lässt. Der Fotograf und Autor Eberhard Hahne begann bereits in den 1980er-Jahren, den Alltag von Fès zu dokumentieren. 1983 verbrachte er mehrere Wochen in der Medina und fotografierte für seine Diplomarbeit „Alltag in Fes el Bali“ noch analog in Schwarz-Weiß. Aus dieser frühen Begegnung entwickelte sich eine jahrzehntelange Beschäftigung mit der Stadt. Sein Blick richtet sich auf Menschen, Gassen und kleine Geschäfte, auf Handwerker und Händler und auf jene Augenblicke, die in keinem Architekturführer vorkommen.

Fes, Mutter aller Städte. Foto Der Neugierige von Eberhard Hahne

Besonders deutlich wird diese Perspektive in „Fes, Labyrinth der Sinnlichkeit“. Hahne nähert sich der Stadt nicht über eine Liste von Sehenswürdigkeiten. Er führt den Leser durch Geräusche, Gerüche, Begegnungen und das Gedränge der Medina. Seine Fotografien zeigen die historische Stadt nicht als Museum, sondern als Lebensraum. Hinzu kommen seine zahlreichen Bildergalerien und sein umfangreicher Bildband „Fes – Die Mutter aller Städte“. Al-Jay erklärt die Stadt, Hahne zeigt ihr Gesicht. Erst beide Perspektiven zusammen ergeben das Bild, das der Fès-Bestand von marokko.com zeichnet.

Eine Stadt, die man lesen kann

Restaurierte Fondouks, Riads und neue Hotels können Besucher nach Fès bringen. Die Faszination der Stadt erklären sie nicht. Sie liegt in einer außergewöhnlichen Dichte an Geschichte, die noch lesbar ist. So betrachtet entdeckt die internationale Reisewelt Fès im Jahr 2026 nicht neu. Sie richtet ihren Blick erneut auf eine Stadt, die seit mehr als zwölf Jahrhunderten Wissen, Handwerk, Handel, Religion und Alltag miteinander verbindet. Fès hat seine Vergangenheit nicht einfach bewahrt. Die Stadt lebt mit ihr.

Quellen: Condé Nast Traveler: The Best Places to Go in Africa in 2026 · UNESCO World Heritage Centre: Medina of Fez (Welterbe seit 1981) · UNESCO: Veröffentlichungen zur Geschichte von Fès und al-Qarawiyyin · Universität Bologna: Geschichte der Universität und Gründungsjahr 1088

Weiterführende Links auf marokko.com

 

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