Amazigh-Neujahr: Marokkos immaterielles Erbe als gelebte Tradition
Mit Yennayer 2976 rückt Marokko sein amazighisches Erbe ins Zentrum der Gegenwart. Eine Kulturkarawane von Rabat nach Fes macht sichtbar, wie Rituale, Frauenbilder und agrarische Zeitvorstellungen bis heute Identität stiften - nicht als Folklore, sondern als lebendiger kultureller Kompass.
Vom 13. bis 18. Januar organisiert die Internationale Akademie für Immaterielles Kulturerbe die 11. Ausgabe der Kulturkarawane „Massa N’Tmazirt“. Die Route führt von Rabat nach Fes und steht im Zeichen des Amazigh-Neujahrs 2976 - einem Datum, das sich am traditionellen agrarischen Kalender Nordafrikas orientiert.
Die Karawane ist Teil der landesweiten Feierlichkeiten zu Yennayer und setzt einen klaren kulturpolitischen Akzent. Sie folgt der königlichen Entscheidung vom 3. Mai 2023, mit der das Amazigh-Neujahr offiziell als nationaler Feiertag und arbeitsfreier Tag anerkannt wurde. Diese Entscheidung markiert einen weiteren Schritt in der institutionellen Anerkennung der amazighischen Sprache und Kultur als integralen Bestandteil der marokkanischen Identität.
Im Mittelpunkt der Initiative steht das immaterielle Kulturerbe - also jene überlieferten Praktiken, Rituale und sozialen Ausdrucksformen, die nicht in Monumenten, sondern im kollektiven Gedächtnis verankert sind. Die Akademie verfolgt das Ziel, amazighische Traditionen, die eng mit dem landwirtschaftlichen Jahreslauf verbunden sind, zu dokumentieren, zu bewahren und zeitgemäß zu vermitteln. Dazu gehört etwa der Brauch der „Haggouza“: Eine symbolische Figur oder Person, der für das kommende Jahr besonderes Glück zugeschrieben wird und die stellvertretend beschenkt wird. Solche Rituale spiegeln eine Weltsicht wider, in der Natur, Gemeinschaft und Zeit in einem zyklischen Zusammenhang stehen.
Ein besonderer Akzent der diesjährigen Karawane liegt auf der Würdigung der Rolle der Frau in der amazighischen Kultur. Mit der symbolischen Figur „Massa N’Tmazirt“ ehrt die Akademie die amazighische Frau als Trägerin von Werten wie Fürsorge, Großzügigkeit und Fruchtbarkeit. Diese Figur steht sinnbildlich für die tiefe Verbindung zwischen Frau und Erde - eine Beziehung, die in vielen amazighischen Überlieferungen spirituell, sozial und ökonomisch verankert ist. Die Frau erscheint hier nicht nur als Bewahrerin von Tradition, sondern als aktives Bindeglied zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Insgesamt versteht sich die Karawane als kultureller Dialograum. Sie will nicht nostalgisch verklären, sondern zeigen, wie sich amazighisches Erbe im Spannungsfeld zwischen Authentizität und Moderne weiterentwickeln kann - als lebendige Ressource einer pluralen, offenen und historisch gewachsenen marokkanischen Identität.