Liebe und Kunst im Schatten der Kriegstrommeln
Wie lassen sich Krieg, Angst und gesellschaftliche Verhärtung jenseits militärischer Logiken verstehen? Der Essay von Mohamed Nabil untersucht die kulturellen und ethischen Voraussetzungen gegenwärtiger Gewalt und fragt nach der Rolle von Kunst, Denken und Verantwortung in einer zunehmend militarisierten Welt.

Aufrüstung, Abschreckung und sicherheitspolitische Kalküle dominieren derzeit die öffentlichen Debatten. Sie prägen Sprache, Wahrnehmung und politische Prioritäten - oft, ohne ihre kulturellen Voraussetzungen zu reflektieren. Genau hier setzt Mohamed Nabil an. Er verschiebt den Blick von der Ebene unmittelbarer Entscheidungen hin zu den tieferliegenden Deutungsmustern, die Gewalt legitimieren und normalisieren. Krieg erscheint in dieser Perspektive nicht als plötzlicher Bruch, sondern als Ergebnis historischer, sozialer und ökonomischer Entwicklungen. Die Analyse verbindet politische Fragestellungen mit philosophischer Reflexion und rückt die Frage nach Verantwortung ins Zentrum. Besonderes Gewicht erhält dabei die Rolle der Künste. Sie werden nicht als ästhetische Begleiterscheinung verstanden, sondern als eigenständiger Raum der Erkenntnis und des Widerstands.
Die Kriegstrommeln sind längst zu hören
Nicht an den Fronten allein, sondern im öffentlichen Diskurs, in politischen Reden, in medialen Routinen. Angst wird organisiert, Normalität verschoben, Sprache militarisiert. In Ost und West, Nord und Süd entsteht der Eindruck, als sei Krieg nicht mehr eine Möglichkeit unter vielen, sondern eine kommende Gewissheit. Besonders in Europa und in Deutschland wächst die Zustimmung zu immer höheren Rüstungsbudgets. Sicherheit wird dabei fast ausschließlich militärisch gedacht - und das Leben dem Kalkül des Todes untergeordnet.
Doch die eigentliche Gefahr liegt nicht zuerst in den Waffen. Sie liegt in der Kultur, die sie legitimiert. In einer Kultur der Angst, der Abschottung und der systematischen Entmenschlichung des Anderen. Dort, wo Denken durch Anpassung ersetzt wird, findet Gewalt ihren fruchtbarsten Boden.
Hannah Arendt hat diesen Mechanismus früh erkannt. Ihre Analyse der „Banalität des Bösen“ zeigt, dass Grausamkeit nicht zwingend aus Hass entsteht, sondern aus gedankenloser Unterordnung unter dominanten Systemen. Das Böse erscheint dann nicht als Ausnahme, sondern als administrierte Normalität. In diesem Sinne wird kritisches Denken selbst zu einer Form des Widerstands - leise, aber unerlässlich.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Die Welt braucht nicht mehr Waffen, sondern eine andere Vorstellung von Zusammenleben. Eine neue historische Imagination, die nicht auf Abschreckung, sondern auf Anerkennung beruht. Anerkennung des Anderen in seiner kulturellen, religiösen und existenziellen Verschiedenheit - ohne Diskriminierung, ohne Rassismus, ohne koloniale oder eurozentrische Hierarchien.
Der gegenwärtige globale Konflikt ist dabei nicht nur geopolitisch zu verstehen. Er ist auch Ausdruck eines ungelösten Klassenkampfes, der Gesellschaften spaltet, den Graben zwischen Nord und Süd vertieft und extreme Ungleichheiten in der Verteilung von Reichtum verfestigt. Gewalt ist unter diesen Bedingungen kein Betriebsunfall, sondern strukturell eingeschrieben.
Karl Marx analysierte den Krieg nicht als Schicksal, sondern als Konsequenz materieller Interessen und ökonomischer Machtverhältnisse. Solange Reichtum in den Händen weniger konzentriert bleibt, während Millionen in Armut, Prekarität und erzwungene Migration gedrängt werden, bleibt Frieden ohne soziale Gerechtigkeit eine Illusion.
Gerade in einer Welt, die zunehmend von umfassender Militarisierung geprägt ist, gewinnt die Frage nach der Rolle der Künste eine neue Dringlichkeit. Kunst ist kein ästhetischer Luxus. Sie ist eine ethische und erkenntnistheoretische Praxis. Sie stellt die Fähigkeit des Menschen wieder her, zu fühlen, mitzuleiden und jenseits von Angstlogiken zu denken.
Theater, Kino, Literatur, Musik und bildende Kunst besitzen die einzigartige Kraft, Realität neu zu humanisieren. Wo politische Sprache verarmt oder zur Manipulation wird, geben künstlerische Ausdrucksformen den Vergessenen und Unterdrückten eine Stimme. Sie liefern keine einfachen Antworten, aber sie stellen die entscheidenden Fragen neu: Wer sind wir? Wie begegnen wir dem Anderen? Wie leben wir mit dem Wissen um unsere Endlichkeit?
Der Tod bildet den Horizont unseres Daseins. Gerade deshalb entscheidet sich an ihm, ob eine Gesellschaft dem Leben verpflichtet bleibt - oder beginnt, das Töten zu normalisieren.
Theodor W. Adorno verstand Kunst als Ort negativer Erkenntnis. Als Widerstand gegen eine Welt, die alles dem Prinzip der Verwertbarkeit unterwirft. Kunst verweigert sich der totalen Instrumentalisierung, die auch dem Krieg zugrunde liegt. Sie hält das Leid sichtbar, ohne es zu versöhnen oder zu verherrlichen.
Walter Benjamin erinnerte daran, dass jede Geschichte des Fortschritts zugleich eine Geschichte der Gewalt ist. Kunst widersetzt sich der Geschichtsschreibung der Sieger. Sie besteht darauf, dass die Opfer nicht vergessen werden. In dieser Erinnerung liegt ihre politische Kraft.
Im Zentrum all dessen steht die Begegnung mit dem Anderen. Emmanuel Levinas beschrieb das Antlitz des Anderen als Ursprung jeder Ethik. Kunst konfrontiert uns mit diesem Antlitz. Sie zwingt uns hinzusehen, Verantwortung zu übernehmen und uns dem Leid nicht zu entziehen. In diesem Sinne ist Kunst selbst ein Akt der Liebe.
Diese Philosophie der Liebe ist auch tief in der arabisch-islamischen Tradition verankert. Bei Ibn Arabi erscheint Liebe als kosmisches Prinzip, das Vielfalt nicht negiert, sondern begründet. Unterschiedlichkeit ist hier kein Defizit, sondern Ausdruck einer gemeinsamen menschlichen Existenz. Kunst wird so zum Ort interkultureller Begegnung jenseits von Dominanz und Ausschluss.
Die Verteidigung der Künste ist heute untrennbar mit der Verteidigung des Lebens verbunden. Eine Zukunft, die auf Angst und Aufrüstung gründet, ist eine Zukunft ohne Hoffnung. Eine andere Welt entsteht nicht durch Waffen, sondern durch den Mut, sich der Logik der Gewalt zu verweigern und neue Formen des Zusammenlebens zu denken.
In einer Zeit, in der die Welt auf Krieg zusteuert, bleiben Liebe und Kunst zwei der letzten Räume des Widerstands. Sie erinnern uns daran, dass Menschlichkeit kein Luxus ist - sondern eine Notwendigkeit.