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Die offene Tür und die Frage, wer zu Deutschland gehört

Am 3. Oktober öffnen Moscheen in ganz Deutschland ihre Türen. Während das Land seine Einheit feiert, überschreiten Nachbarn eine andere Schwelle. Wer nie eine Moschee von innen gesehen hat, begegnet Menschen, für die sie Gebetsort, Treffpunkt und Alltag ist.

Fiktive Darstellung zum Tag der offenen Moschee. Foto von Mohammad Alabdolye auf unsplash und von ChatGPT ergänzt

Das Datum ist mit Bedacht gewählt. Die muslimischen Verbände wollten damit ihre Verbundenheit mit Deutschland bekunden. Und der Tag der Einheit erinnert nicht nur an eine gefallene Mauer zwischen Ost und West. Er stellt auch die Frage, wie Menschen zusammenleben, deren Herkunft, Glaube und Geschichte verschieden sind.

Seit 1997 gehört der Tag der offenen Moschee zum 3. Oktober, dieses Jahr findet er zum dreißigsten Mal statt. Getragen wird er vom Koordinationsrat der Muslime, dem Dachgremium der großen islamischen Verbände. Das diesjährige Motto „Moscheen als Träger der gesellschaftlichen Verfasstheit“ weist über den Gebetsraum hinaus. Moscheegemeinden bieten Bildung, Jugendarbeit und Nachbarschaftshilfe an. Sie leben vom Ehrenamt und sind damit Teil jener Zivilgesellschaft, aus der das Zusammenleben in Deutschland erwächst. Für Millionen Menschen ist muslimisches Leben selbstverständlicher Teil dieses Landes. Die Frage nach seiner Zugehörigkeit ist damit nicht erledigt.

Gehört der Islam zu Deutschland?

 

Quellen:

Koordinationsrat der Muslime.

Bundespräsidialamt: Rede von Bundespräsident Christian Wulff zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit.

Grundgesetz, Artikel 4.

Bundeswahlleiterin: Ergebnisse der Bundestagswahlen 2025 und 2021.

Alternative für Deutschland: Programm für Deutschland, Abschnitt 7.6.

Mounir Lougmani

   

Am 3. Oktober 2010 sprach Bundespräsident Christian Wulff in Bremen einen Satz, der ihn weit über seine Amtszeit hinausbegleiten sollte. In seiner Rede zum zwanzigsten Jahrestag der Deutschen Einheit nannte er Christentum und Judentum als Teil der deutschen Geschichte und fügte hinzu: „Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Das Gewicht des Satzes lag im Wort „inzwischen“. Es beschrieb keine Herkunft, sondern eine veränderte Wirklichkeit. Der Satz ist keine historische Fußnote geworden, weil offenblieb, was er berührte: Was bedeutet Zugehörigkeit in einem Land, in dem Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion Bürger, Kollegen, Nachbarn und Freunde sind?

Einen Teil der Antwort gibt das Grundgesetz. Artikel 4 schützt die Freiheit des Glaubens und der Religionsausübung. Dieser Schutz gilt unabhängig davon, ob eine Religion der Mehrheit vertraut ist oder ob ihre Zugehörigkeit zur deutschen Geschichte politisch bejaht wird. Anerkennung hingegen lässt sich nicht in einen Verfassungsartikel schreiben. Zwischen rechtlicher Gleichheit und gesellschaftlichem Empfinden liegt ein Raum, in dem Deutschland über sich selbst verhandelt. Dieser Raum ist politisch sichtbarer geworden. Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte die AfD 20,8 Prozent der Zweitstimmen, doppelt so viel wie vier Jahre zuvor. Ihr Grundsatzprogramm unterscheidet ausdrücklich zwischen Muslimen und dem Islam: Muslime, die rechtstreu und integriert leben, gelten dort als akzeptierte und geschätzte Mitglieder der Gesellschaft. Zugleich steht dort der Satz: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“

Für muslimische Deutsche entsteht daraus eine eigentümliche Lage: Die Person wird eingeschlossen, ihr Glaube bleibt draußen. Diese Spannung reicht über jede Parteipolitik hinaus. Sie berührt die Frage, ob ein Mensch ganz zu einem Land gehören kann, ohne dass alles, was ihn prägt, zur überlieferten Tradition dieses Landes zählen muss.

Der Rechtsstaat hat darauf in der Praxis eine Antwort gefunden. Niemand muss Familiengeschichte, Glauben oder kulturelle Herkunft ablegen, um Bürger zu sein. Zugleich gelten die Gesetze für alle. Religionsfreiheit schützt den Glauben, entzieht ihn aber weder der Kritik noch stellt sie religiöse Regeln über staatliches Recht. Erst diese gemeinsame Ordnung macht Verschiedenheit möglich.

Der Tag der offenen Moschee übersetzt dieses Prinzip ins Konkrete. Besucher fragen nach dem Gebet und dem Koran, nach der Rolle der Frau, nach der Finanzierung der Gemeinde oder danach, was Kinder dort lernen. Unbequeme Fragen verlieren ihr Recht nicht, nur weil sie über eine offene Schwelle getragen werden. Eine Gemeinde wiederum muss nicht jede Kritik als Ablehnung empfangen. Entscheidend ist, dass Menschen miteinander sprechen statt übereinander.

Wer eintritt, bringt ein Bild vom „Islam“ mit, geformt aus Nachrichten, Debatten und sozialen Medien. Wer hinausgeht, nimmt einen Namen, ein Gesicht, eine Geschichte mit. Auch der Gastgeber steht nicht länger einer abstrakten „deutschen Gesellschaft“ gegenüber, sondern einem Nachbarn, der fragt, widerspricht oder schlicht neugierig ist. Dieser Tag entscheidet nicht, ob der Islam zu Deutschland gehört. Er löst keine Integrationsprobleme und stiftet keine Einigkeit, wo Auffassungen auseinandergehen. Aber für einige Stunden ist die Moschee nicht mehr das Gebäude, über das draußen gesprochen wird. Sie ist der Ort, an dem gesprochen wird.

So wird aus einer großen politischen Frage eine kleine menschliche Begegnung. Darin liegt eine Antwort, die weder die Rede eines Bundespräsidenten noch ein Parteiprogramm abschließend geben kann. Zugehörigkeit zeigt sich nicht allein in dem, was ein Land über seine Bürger sagt. Sie zeigt sich in der Art, wie seine Bürger einander begegnen.

 

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