Und von Tanger fahren die Boote nach irgendwo

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Und in Tanger kommen die Schiffe an und von Tanger fahren die Boote nach irgendwo von Jalid Sehouli (siehe Biographie)

Tanger, Jalid Sehouli (Link führt auf YouTube zum Buchtrailer)Der Wandervogel

Es ist der erste Freitag im neuen Jahr. Sie ist die letzte Patientin in meiner Sprechstunde. Ihr Ehemann begleitet sie wieder. Seit vielen Jahren ist sie Patientin unserer Klinik. Sie ist blasser als sonst und hustet nahezu ohne Pause.

Ihr Mann humpelt und bleibt beim Betreten des Raumes hinter ihr zurück, schafft es dann aber doch mit letzter Kraft, sich fast synchron mit seiner Frau zu setzen.

Der Patientin geht es schlecht, es ist zu einem Rückfall ihrer Krebserkrankung gekommen. Auch dem Ehemann scheint es nicht gut zu gehen. Doch er wartet mit einer akribisch zusammengestellten Mappe auf.

Ich lasse sie mir zeigen und finde dort nach Datum und alphabetisch nach der Untersuchungsart geordnet die jeweiligen Blut- und Röntgenbefunde sowie einige im Internet und in Zeitungen publizierte Therapiemöglichkeiten.

Als ich mit dem Lesen der Befunde fertig bin, legt der Mann neben anderen Dokumenten eine Klarsichtfolie auf den Tisch, in der sich einige lose Blätter befinden. Ich kann auf einem Bogen einen kleinen Ausschnitt eines Bildes erkennen, das wohl einen gemalten Oberarm zeigt.

Ich bin unter Zeitdruck, sodass ich lieber nicht nachfragen möchte, untersuche die Patientin und empfehle die stationäre Aufnahme, da ich eine schwere Lungenentzündung vermute. Das seltsame Bild mit dem kräftigen Oberarm lässt mich aber nicht mehr los. Ich frage nach. Der alte Herr freut sich darüber, als ob er von Anfang an gewusst hätte, dass ich es tun würde, und geduldig auf meine Reaktion wartete.

Er nimmt geschickt die Klarsichtfolie aus dem Dokumentenstapel und zieht vier leicht verblasste, schwarz-weiß gedruckte Fotos heraus: Auf einem Foto seine Frau, die mit melancholischem Blick in einem Zimmer mit orientalischen Fliesen sitzt; ein anderes Foto mit einem Ausblick durch ein Fenster auf einen Hafen mit Schiffen und voll beladenen Lastwagen; ein anderes Foto mit einem Blick auf eine Müllhalde mit wilden Möwen und ein Bild mit drei europäisch wirkenden Knaben mit kurzem Haarschnitt, kurzen Hosen und gefüllten Rucksäcken auf einer lebhaft befahrenen, sandigen Straße. Zwei der Jungen sind nahezu identisch gekleidet, der dritte schaut gewitzt in das Bild. Er trägt einen viel zu großen Sombrero, auf dem Rücken eine Gitarre und wirkt wie ein Tourist am Anreisetag in Mexico City. Ich lese den Untertitel des Bildes: „Schwerbepackt trampten die beiden Jungen, Hans Wilhelm Gieler (Mitte) und Jürgen Plüm (rechts) durch Spanisch-Marokko. Vor ihnen öffnete sich die bunte Welt Nordafrikas.“

Ich frage weiter. Als er zu erzählen beginnt, hört auch der quälende Husten seiner Frau auf. Seine Augen leuchten vor Begeisterung. “Wir hatten uns damals mit 120 Mark nach Tanger auf den Weg gemacht. Wir waren eben echte Wandervögel!“ „Was meinen Sie mit Wandervögel?“, hake ich nach“.

Als Wandervögel wurde bereits 1896 im Berliner Steglitz eine Gemeinschaft von Schülern und Studenten bürgerlicher Herkunft bezeichnet“, erklärt er mir. „Wie haben Sie das als Siebzehnjähriger damals mit so wenig Geld geschafft?“, frage ich ihn auf dem Weg zur Station, in die seine Frau aufgenommen wird. „Das Leben war nicht teuer und wir sind als Tramper überallhin mitgenommen worden.“ „Und warum haben Sie sich Tanger ausgesucht? Und wer von den dreien sind Sie?“. Er erzählt mir, dass er die Wandervogelgruppe in Moers leitete und sie damals beschlossen hatten, nach Spanien zu reisen. Seine Gitarre hatte er stets dabei, da er das Wandern und Singen gleichermaßen liebte und das eine ohne das andere nicht genießen konnte. Außerdem konnte er sich mit der Musik unterwegs noch etwas Geld dazuverdienen.

In einer spanischen Kleinstadt angekommen, sang er auf einer Straße das Lied „Viva la Quinta Brigada“. Nach der dritten Strophe rissen ihm zwei kräftige Soldaten die Gitarre weg und sperrten ihn für eine Nacht in eine uringetränkte Gefängniszelle. Er war in dieser Nacht der einzige Gefangene. Er war tieftraurig, von der Welt, die er entdecken wollte, enttäuscht. Er war doch völlig unpolitisch, hatte doch nur die Fremden zu Freunden machen wollen und sein Lieblingslied „Viva la Quinta Brigada“ gesungen – ein Lied, das von einem Iren handelt, der im Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco kämpft. Das Lied war verboten, deshalb wurde er trotz seiner Unkenntnis über die politische Brisanz von den Soldaten abgeführt.

Nach der Nacht im Gefängnis wollte er einfach nur weg aus Spanien. Er haderte mit sich, ob er seine Reise vorzeitig beenden oder nach schöneren Erfahrungen suchen sollte, und schlenderte durch die leeren Straßen, als er plötzlich zwei Priester traf. Obwohl er weder fröhlich noch freundlich aufgelegt war, lächelte er den beiden entgegen. Auch sie lächelten ihn an und sie kamen schnell ins Gespräch. Er erzählte von seinem Erlebnis mit der spanischen Gefängniszelle, dass er sich auf die Reise gemacht hatte, um Neues, Unbekanntes zu entdecken, er aber Spanien nun verlassen wollte.

Die beiden Priester hörten ihm zu und meinten, er solle nicht seine Reise beenden, sondern nur das Ziel ändern. Nicht Spanien sei sein Ziel, sondern die Reise selbst. Er solle einfach nach Afrika fahren. „Afrika? Wie soll ich das denn bewerkstelligen, das ist doch unmöglich!“, erwiderte er. „Fahr einfach nach Süden weiter, nach Algeciras, und nimm die Fähre zum Tor Afrikas. Erst dann wirst du vielleicht erfahren, warum du das eine Lied ausgewählt hast und ins Gefängnis musstest, und welche Bedeutung es hat, dass wir uns getroffen haben. Nimm deinen Weg auf.“

Am Tag seiner Ankunft im Jahr 1954, so erzählt er weiter, wurde am Hafen von Tanger scharf geschossen. Spanische Soldaten in enger Uniform schossen auf fliehende Marokkaner in luftigen Djellabas. Ein junger Mann aus Tanger sah die fremden Ankömmlinge, wusste aber nicht, woher sie kamen. Also vermischte er Wörter verschiedener europäischer Sprachen: »Bonjour, meine boys, am Poerto von Tanger!« Er wollte, dass mindestens ein heimisches Wort die Ankömmlinge willkommen hieß.

Sie freuten sich, trotz der gefährlichen Situation, in die sie geraten waren. Er war stolz auf seine guten Deutschkenntnisse. Die Schüsse wurden lauter, alle rannten kreuz und quer und in gebückter Haltung davon.

Jedes weitere Verbleiben wurde zum unkalkulierbaren Risiko, dennoch bot der Tangaui den Jungen aus Deutschland an, sie mit in die Kasbah zu nehmen. »Oben auf dem Hügel seid ihr sicher.« Jürgen imponierte diese Hilfe so sehr, dass er sich von diesem Tag an vornahm, zurückzukommen und dieser Stadt und ihren Menschen zu helfen.

Kurioserweise heißt eine Strophe in dem von ihm damals so geliebten, aber verbotenen Lied: »Luchamos contra los Moros«, was übersetzt heißt: „Auf in den Kampf gegen die Mauren“, womit hier die spanischen Faschisten um Franco gemeint waren, die Marokko als Hinterland für ihren Bürgerkrieg nutzten. Was hatten die Priester dem jungen Wandervogel gesagt? „Fahre nach Afrika, erst dann wirst du vielleicht erfahren, warum du dieses Lied gesungen hast und ins Gefängnis musstest, und welche Bedeutung es hat, dass wir uns getroffen haben. Geh nach Tanger und nimm deinen Weg auf.“

Tanger, Herkules GrottenMehr als fünfzig Jahre später konnte er sein Versprechen endlich einlösen. 2007 kam er über das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik nach Tanger zurück und arbeitete an der Mülldeponie im Ostteil der Stadt. Er beginnt seine Erinnerungen aber nicht mit Berichten über die Kinder und Mütter, die tagtäglich die feuchten und übel riechenden Müllberge nach etwas Essbarem und für sie Wertvollem durchsuchen, sondern erzählt mir von den vielen wunderschönen Störchen an diesem dreckigen Ort. Auch Störche sind Wandervögel, so wie er, auch sie kommen immer wieder an den ihnen bestimmten Ort zurück.

Unterwegs unter der sengenden Sonne, trafen sie damals einen jungen Globetrotter aus Kamp-Lintfort. Zu dritt wanderten sie ein Stück ihres Weges gemeinsam. Und das gemalte Bild mit dem kräftigen Oberarm? Es zeigt eine Person, der ich nur wenige Tage zuvor begegnet war: Herkules aus der Herkulesgrotte in Tanger.

Ich freue mich sehr, meine Augen verweilen noch ein wenig auf dem Bild. Dann muss ich zum nächsten Termin.

„Ich vermisse Tanger so sehr“, sagt der Mann mit dem vollen grauen Haar. „Und Sie sind so zu beneiden.“ „Wieso?“, frage ich. „Na, weil Sie ein Sohn des Herkules sind.“ Wir schmunzeln und schweigen in einträchtiger Stille. Dann muss ich ihm widersprechen. „Tanger macht uns alle zu Kindern des Herkules, wir müssen es nur zulassen.“

Mutter ist von uns gegangen
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