Marrakesch, einzigartige Melodien der Sehnsüchte und Hoffnungen

Marrakesch, einzigartige Melodien der Sehnsüchte und Hoffnungen von Jalid Sehoul (siehe Biographie)

Marrakesch, Jalid im Gespräch auf Jamaa Elfna

In dem Märchen "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry sagt der Fuchs: "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."

Wir können nicht mehr mit dem Herzen sehen - das ist Saint-Exupérys Vorwurf an uns alle. Seinen Anfang gefunden hat dieses Buch wahrscheinlich mit der Bitte Marias, mein Herz berühren zu dürfen, damit sie fühle, welche Energie in ihm ist. Ich war so überrascht von dieser Bitte. Noch nie fragte mich ein Mensch nach meinem Herzen.

Mit diesem Buch möchte ich versuchen, verschiedene Geschichten zu erzählen: eine Geschichte über die Stadt Marrakesch, eine Geschichte über die Beziehung zu Menschen und eine Geschichte über mich und mein Herz und meine Seele. Jede dieser großen Geschichten besteht aus vielen kleineren Geschichten. Im Laufe meiner Erzählungen wird aber nach und nach deutlich, dass alle Geschichten miteinander in Verbindung stehen, und dies trotz oder vielleicht wegen der unterschiedlichen Orte und Menschen.

Ich erzähle Geschichten von Menschen, denen ich zuhören durfte und die mir, nachdem sie mir ihre Aufmerksamkeit geschenkt hatten, ihre Geschichten erzählten. Ich erzählte von mir und sie erzählten mir von sich und besonderen Dingen ihres Lebens - Dingen, die ihnen selbst vergessen schienen und deren Bedeutung den Erzählenden häufig unklar war. Marrakesch half mir, mein Herz für diese Geschichten zu öffnen, Marrakesch öffnete die Herzen der Erzählenden, Marrakesch erweckte diese wunderbaren Geschichten. Nicht alle Geschichten kann ich erzählen, da einige von ihnen ihre Bedeutung und ihre nachhaltige Kraft nur in der Intimität bewahren können. Manche Geschichten werden und sind Geheimnisse und müssen Geheimnisse bleiben. Ich erinnere mich an das Gedicht von Anna Ritter, die mit ihrem Vater damals aus Deutschland nach Amerika emigrierte:

Ich trag' ein glückselig Geheimnis
mit mir herum,
Ich möchts allen Leuten vertrauen.
und bleib' doch stumm!
Ach, jubeln möcht' ich und singen,
von früh bis spät -
und rege nur heimlich die Lippen,
wie zum Gebet!

Wie lang aber wird das Buch? Wann wird das Buch sein Ende erreicht haben? Ich denke, dass ich die "letzte Geschichte" dann erzählen werde, wenn der gefühlte Schleier, der mit großer Leidenschaft und Melancholie noch auf oder vielleicht in meinem Herzen liegt, verflogen ist - auch mit dem großen Risiko, dass dies nie passieren wird und so das Buch nie sein Ende finden wird. Eine Geschichte braucht stets einen Anfang - braucht aber nicht unbedingt ein Ende.

Es geht ja nicht um das Ende. Ich möchte die Geschichten erzählen, möchte Teil der besonderen Geschichte sein, möchte diese Geschichten erleben und sie weiter zu einer besonderen Geschichte machen.

Das Buch scheint mein größtes Abenteuer zu sein. Es ist voller Überraschungen, Entdeckungen, Euphorie und neuer Hoffnungen, und überragt die Zeiten der Zweifel, Ängste und der Trauer. Das Buch wird zu meinem besten Freund.

Es scheint mir leichter zu sein, vorerst über Städte zu schreiben und mit ihnen zu sprechen. Ich erkenne aber, dass es doch um die Beziehung zu Menschen geht, und um die Beziehung zu mir, zu meinem Verstand, zu meinem Herzen - zu meiner Seele.

Dies kann nur gelingen, wenn die Geschichten stets in Verbindung mit dem Vergangenen, mit dem aktuellen Augenblick und den Wünschen und Ängsten der Zukunft gebracht werden. Mit dem Geschichtenerzählen wird die Kraft, die eigene und die Geschichte anderer zu beeinflussen, bewusst und möglich.

Dieses Buch möchte ich vor allem mir selbst, aber auch meinen wunderbaren Kindern schenken und uns damit zeigen, wie wichtig es ist, das im Herzen empfundene Gefühl und Wort sich selbst bewusst zu machen und in das "wahrhafte" und eigene Leben zu holen. Somit erhalten diese Worte und Gefühle eine größere und respektvollere Beachtung und Bedeutung. Jeder dieser Gedanken erlangt dann die Kraft, sowohl die eigene Welt als auch die Welt der anderen positiv zu beeinflussen.

Das Buch ist nur ein Geschenk, eine Aufmerksamkeit, die keine Gegenleistung verlangt. Im antiken Rom, aber auch im Orient wurden während der Neujahrsfeiern kleine symbolische Geschenke übergeben, so etwa ein Zweig eines schönen Baumes oder erlesene Früchte des eigenen Gartens. Dieses Buch ist ein Geschenk von mir und entstammt wahrscheinlich meinem von mir noch nicht ganz verstandenen Seelengarten.

Wie beschrieb es doch Khalil Gibran in seinem wunderbaren Gedicht "Deine Kinder":

Deine Kinder sind nicht deine Kinder,
sie sind Söhne und Töchter der Sehnsucht
des Lebens nach sich selbst.

Sie kommen durch dich, aber nicht von dir,
und obwohl sie bei dir sind, gehören sie dir nicht.

Du kannst ihnen deine Liebe geben,
aber nicht deine Gedanken,
denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Du kannst ihrem Körper ein Heim geben,
aber nicht ihrer Seele,
denn ihre Seele wohnt im Haus von morgen,
das du nicht besuchen kannst,
nicht einmal in deinen Träumen.

Du kannst versuchen, ihnen gleich zu sein,
aber suche nicht, sie dir gleich zu machen,
denn das Leben geht nicht rückwärts
und verweilt nicht beim Gestern.

Du bist der Bogen, von dem deine Kinder
als lebende Pfeile ausgeschickt werden.

Lass deine Bogenrundung
in der Hand des Schützen Freude bedeuten.


Ich fühle mich nach Marrakesch hingerufen

Marrakech Jamaa El Fna, Der Gauklerplatz wird Abends zum "Restaurant" umgebaut (Foto: Eberhard Hahne)

Aus irgendeinem Grund fühle ich mich nach Marrakesch, der Stadt mitten in Marokko hingerufen, einer Stadt, die wahrscheinlich noch zu den letzten Orten der Welt gehört, die an die Zeit der Tausendundeinen Nacht erinnern.

Immer wieder habe ich Städte besucht, wo ich das Gefühl hatte, dass die dort lebenden Menschen nur zu Besuch in ihrer eigenen Stadt waren, sie sich nicht wirklich dort zu Hause fühlten. In Marrakesch habe ich das Gefühl, dass alle dort zu Hause sind - die Einheimischen, aber sogar auch die Besucher. Die Menschen von Marrakesch werden in Marokko auch "die Glücklichen" genannt“. Keine Frage, auch in Marrakesch gibt es Unglück und Trauer; dennoch scheint dieser Ort vielen ein besonderes Glücksgefühl zu schenken, welches auch Außenstehende und Kurzreisende erkennen können.

Marokko liegt an der nordwestlichen Küste Afrikas. Nach antiker Meinung bildet die nördlichste Landspitze des Kontinents zusammen mit Gibraltar die Säulen des Herakles, hinter denen, aus dem Mittelmeer kommend, die große Welt zu Ende ist und das blaue Meer am Rande der Erdscheibe in die Tiefe hinabstürzt. So die antike Überlieferung.

Marrakesch ist über tausend Jahre alt - 1062 wurde sie gegründet. Das wunderbare Gefühl in meinem Herzen, als ich es zum ersten Mal sah, liegt inzwischen fast zehn Jahre zurück: Ein Gefühl, das mir half, endlich mein Herz und vielleicht auch meine Seele wahrzunehmen und damit zu beginnen, mit beiden zu sprechen.

"Früher", so beschrieb es der Schriftsteller Tahir Shah, "war Marrakesch die Belohnung einer langen Reise." Vielleicht ist es aber die Belohnung einer Reise zu meinem mir geschenkten Herzen. "Auf den Karawanen", so Tahir Shah weiter, "erzählte man sich wochenlang geheimnisvolle Geschichten über die rote Stadt Marrakesch, lange bevor man sie erstmals zu Gesicht bekam." So sollte es bei allen Orten sein, so sollte es auch bei Menschen sein - dass man sich lange vor einem ersehnten Wiedersehen unzählige Geschichten ausmalt.

Was ist aber mit meinem Herz gemeint, was mit meiner Seele? Wo sind diese örtlich angesiedelt, oder haben sie beide den gleichen Ort? Oder sind sie eins?

Dieses besondere Gefühl, dass mein Herz berührt wurde von diesem geheimnisvollen Ort, ist viele Jahre alt. Es kam in mir auf, als ich zum ersten Mal gegen Abend in Marrakesch auf diesem vielleicht außergewöhnlichsten Platz der Welt stand: dem Platz Djemaa el Fna. Hier sollte man eintauchen, auch wenn der Grund wegen des unüberschaubaren Menschentreibens vorerst nicht erkennbar erscheint. Djemaa el Fna bildet das Zentrum der Stadt, vielleicht sogar - wie manche Marokkaner und vor allem die Menschen aus Marrakesch, die "Marrakschis", glauben - das Zentrum der ganzen Welt. Früher war dieser Platz eine der gefürchtetsten Hinrichtungsstätten überhaupt. Hier wurden die Schädel der Verurteilten und Geköpften mit Salz eingepökelt und monatelang zur Warnung für alle an den Toren der Stadt zur Schau gestellt. Übersetzt bedeutet Djemaa el Fna: Versammlungsort der Toten.

Elias Canetti beschrieb nach seiner Reise über Djemaa el Fna in seinem Buch "Die Stimmen von Marrakesch" sehr treffend dieses Gefühl, welches auch ich mehr und mehr in mir spürte: "Mir war zumute, als wäre ich nun wirklich woanders, am Ziel meiner Reise angelangt. Ich mochte nicht mehr weg von hier, vor Hunderten von Jahren war ich hier gewesen, aber ich hatte es vergessen und nun kam mir alles wieder. Ich fand jene Dichte und Wärme des Lebens ausgestellt, die ich in mir selber fühle. Ich war dieser Platz, als ich dort stand. Ich glaube, ich bin immer dieser Platz.“

An einem der zu wenigen Abende auf dem Platz sah ich an einem der unzähligen weißen Essstände auf einen Teller mit Merguez, maghrebinischen etwas scharfen Bratwürsten. Im Original wird die Merguez aus zartem Lammfleisch hergestellt und ist kräftig gewürzt. Ihre dunkle und rot schimmernde Farbe und den würzigen, zum Teil scharfen Geschmack verdankt sie der Harissa, einer scharfen Chilipaste mit einem Hauch von Koriander, Kreuzkümmel und Knoblauch. Seit mehr als 20 Jahren esse ich kein Rotfleisch, eigentlich ohne dass ich einen echten Grund dafür nennen könnte. Ich bestelle stets Fisch oder Geflügel. Es scheint, als ob ich mir eigene Regeln, eigene Gesetze geben muss, um mich zu ordnen, um eine Orientierung zu haben. Nur allzu oft habe ich das Gefühl, das Maß, die Dosis zu vergessen.

Beim Anblick der verführerischen Merguez fragte ich mich, ob es nicht an der Zeit sei, dieses Gelübde aufzuheben. Ich sagte mir, dass es wohl keinen schöneren Platz geben konnte, mit einer derartig alten Regel zu brechen. Marrakesch befreite mich von dieser Fessel. Die Merguez schmeckten hervorragend, zerflossen regelrecht an meinem Gaumen. Eine Stadt ist und wird dann wunderbar, wenn Sie einem hilft, nach dem Sinn alter und eingefahrener Dinge zu fragen, die unauffällig die Jahre überstanden haben. Wie kam ich zu dieser Gewohnheit? Hat es Sinn, sie weiter zu pflegen? Was passiert, wenn ich sie aufgebe? Ähnlich ist es mit vielen Dingen, auch in der Beziehung zwischen zwei Menschen.

Viele der Dinge, die zwischen zwei Menschen passiert sind und passieren, werden nicht hinterfragt, werden einfach weiterverlebt, nicht gelebt. Nur wenn es einen Ort, einen Menschen gibt, der einem hilft, diese Dinge wahrzunehmen, kann man sie verändern. Bei meiner persönlichen Geschichte mit der Merguez-Bratwurst in Marrakesch war die Lösung des alten "Schwurs" eine echte Befreiung, die weit mehr als die zusätzliche Fleischsorte auf meinem Speiseteller bedeutet. Marrakesch, dafür danke ich dir.


Nun fahre ich wieder nach Marrakesch

Marrakech, mit der Kutsche in die Medina

Ich denke, ich fahre wieder zu mir selbst hin, zu meiner Seele, zu meinem Herzen - beide Fahrten sind wohl noch nicht abgeschlossen. Und nun gilt es, die Zeichen auf der nächsten Reise zu erkennen und diese wie in einem großen Puzzle zusammenzusetzen.

Die Zeichen werden immer stärker. Noch vor einigen Tagen hatte ich wieder so ein Erlebnis.

Eine 63-jährige Patientin mit einer schweren und sehr seltenen Krebserkrankung kam zu mir in die Kliniksprechstunde. Sie wurde von Ihrem Mann begleitet, der ebenfalls Arzt war. Beide waren guter Dinge, und die Patientin, aber auch der Ehemann, waren sehr stolz darauf, mir sagen zu können, wie gut sie sich fühlte und wie aktiv sie wieder war, und das nach der letzten Chemotherapie vor gerade zwei Monaten. Leider musste ich ihr mitteilen, dass der Tumor wiedergekommen war und erneut klar sein musste, dass die Krebserkrankung sie nie wieder verlassen und sie daran sterben würde. Eine Behandlung war möglich, würde aber diese Gegebenheiten nicht entscheidend verändern können. Normalerweise antworten die Frauen und ihre Partner in dieser Situation, dass sie umgehend eine neue Behandlung beginnen wollen, und das trotz der "Unheilbarkeit". Diese Patientin bat aber, erst in Urlaub fahren zu können. Ich antwortete ihr, dass dies aus meiner Sicht absolut möglich wäre und die Prognose sicher nicht negativ beeinflussen würde. Wir verabredeten uns für nach dem Urlaub zur Festlegung der weiteren Behandlung. An der bereits geöffneten Tür fragte ich sie, wohin sie fahren wollte. Sie schaute ihren Mann kurz an, als ob sie ihm ein Geheimnis beichten müsste: "Das wissen wir noch nicht, aber ich würde so gerne nach Marrakesch fahren." Ich sagte zu ihrem Mann, dass er ihr das doch bitte ermöglichen solle. Große Tränen sammelten sich in den Augen der Patientin, aber irgendwie wirkte sie befreit.

Vor Kurzem traf ich sie wieder und fragte sie, wie es in Marrakesch gewesen sei. Ich war so traurig – sie war nicht nach Marrakesch gefahren, die 40 Grad waren ihr im Sommer zu heiß. Sie waren in Wien gewesen. Sie merkte mir meine Enttäuschung an. "Ich verspreche Ihnen, ich fahre Ostern hin", sagte sie zu mir.

Ich antwortete, dass sie das Versprechen nicht mir, sondern sich selbst geben sollte. Sie erzählte weiter, dass sie aber inzwischen noch mehr über Marrakesch und Marokko gelesen habe und dass ihre Sehnsucht dorthin noch stärker geworden sei. Ich freute mich sehr – sie war ja doch nach Marrakesch gereist, denn eine Reise beginnt nicht mit der körperlichen Präsenz eines Menschen an einem Ort oder bei einem Menschen, sondern mit dem ersten Gedanken, dem ersten Gefühl und mit dem ersten Kraftakt zu seinem Ziel. Sie las die Bücher und träumte von Marrakesch und machte damit die ersten und vielleicht wichtigsten Schritte ihrer Reise.

Wie sagt doch Mahi Binebine in seiner Geschichte "Hinter den Mauern von Marrakesch": "Ja, so ist Marrakesch nun mal, mein Herz. Eine alte Hexe, deren Seele sich mit den Zeitläufen wandelt. Weltoffen und doch verschlossen, betörend und beängstigend zugleich. Eine Stadt wie diese gibt es kein zweites Mal.“

Tage später erinnerte ich mich an eine Begebenheit von vor etwa 15 Jahren. Eine Psychologin, die an einer fortgeschrittenen Krebserkrankung litt, hatte trotz aktueller Fieberschübe und Fortschreiten der Erkrankung den Wunsch, nach Marrakesch zu reisen. Dass sie bald sterben würde, war ihr bewusst. Dennoch wollte sie sich den Wunsch, den sie schon lange in sich trug, endlich verwirklichen. Medizinische Gründe sprachen gegen die Reise; ihre Sehnsucht nach Marrakesch überzeugte mich aber davon, dass ihre Entscheidung für diese wahrscheinlich letzte Reise richtig war. Ich packte ihr einen Koffer mit Medikamenten zusammen, und sie fuhr in das Abenteuer, vor dessen Ausgang sie keine Angst hatte. Ich wusste nicht, ob sie wiederkommen würde. Etwa zwei Wochen später brachte sie mir eine große Tüte mit großen, sehr schmackhaften Datteln aus Marrakesch.

In Marrakesch findet man alle 38 Dattelsorten, von der schwarzbraunen Aywa über die rötliche Khenaizy bis zur gelben Rushodia und der klassisch braunen Wannana. Sie hatte es vollbracht. Wenige Tage später starb sie auf unserer Krankenstation. Wer weiß, wie lange sie sich hätte quälen müssen, wenn sie nicht nach Marrakesch gefahren wäre. Marrakesch half ihr loszulassen, Marrakesch half ihr Abschied zu nehmen. Auch sie musste erst nach Marrakesch, um ihren Frieden zu finden. Sie musste sich erst von Marrakesch verabschieden, erst dann konnte sie Abschied von ihrem eigenen Herzen nehmen.


Die besondere Geschichte von der Pastilla

Für den Jahreswechsel 2009 auf 2010 war geplant, dass ich mit Freunden und meiner gerade von mir getrennten damaligen Frau gemeinsam den Silvesterabend verbringen würde. Da sich aber zwei der Freunde am Tag vor Silvester wegen einer Nichtigkeit verstritten hatten, wurde diese Feier kurzfristig abgesagt. Eine Alternative ergab sich, als mich mein Doktorand Khalid anrief und meine damalige Frau und mich zum marokkanischen Silvester-Abendessen bei sich zu Hause einlud.

Ich freute mich sehr und fragte ihn: "Was wirst du denn kochen?" "Pastilla mit Fisch", antwortete er mit einer spielenden Stimme. "Pastilla mit Fisch?", fragte ich skeptisch, "das kenne ich gar nicht. Das macht man doch nur mit Hühnchen." "Nein, auch mit Fisch geht es", konterte Khalid sofort, "ich habe das bei meiner Mutter gesehen, und ich werde das morgen zum ersten Mal selber kochen.

"Die Pastilla gehört zu den beliebtesten und wahrhaft großartigsten Spezialitäten der marokkanischen Küche. Aufgrund der aufwendigen Zubereitung und des grandiosen Geschmacks wird sie meist für ganz besondere Feste – wie eine marokkanische Hochzeit – reserviert.

Der Ursprung der Pastilla ist unklar. Vielleicht kommt sie aus Persien, oder aber aus Andalusien, oder doch aus Schwarzafrika. Niemand scheint wirklich zu wissen, woher diese außergewöhnliche Pastete stammt. Driss, der Besitzer eines beliebten marokkanischen Restaurants in Berlin, des "Kasbah", meinte, dass die Süße der Pastilla aus der jüdischen Küche stammt. Ein anderer Bekannter bemerkte, dass früher Wanderköchinnen aus dem Sudan die Pastilla für die Wohlhabenden zubereiteten und daher die Ursprünge der Pastilla dort zu suchen seien. Bei wirklich wunderbaren Dingen sollte man aber nicht nach ihrem Ursprung oder ihrer Entstehung fragen; vielmehr gilt es, diese zu genießen und Dankbarkeit auszusprechen dafür, dass man sie erleben darf. Nur bei schlechten Dingen lohnt es sich, nach ihrem Ursprung zu fragen, um vielleicht einen Ansatz zu finden, diese beim nächsten Mal zu verhindern. Schöne Dinge will man nicht verhindern – man sollte vielmehr versuchen, alles zu tun, dass das Schöne möglich wird und so lange wie nur möglich lebendig bleiben kann.

Pastilla, auch Bastilla, Bstilla oder Bsteeya genannt, verbindet verschiedene Aromen und ist eine Komposition aus Fleisch und knuspriger, warmer Backware aus übergeschichteten dünnsten Teigblättern mit süßen Gewürzen. Das Huhn wird vorsichtig gekocht, die Knochen entfernt und zerkleinert und mit gerösteten und gemahlenen Mandeln verbunden. Puderzucker und Zimt runden das Gericht ab.

Mit Spannung erwartete ich den nächsten Tag. Mit großem Genuss aßen wir alle die Pastilla mit Fisch und Garnelen. Wunderbar! Ich kannte die marokkanische Küche nur vom Kochen meiner Mutter und den wenigen Aufenthalten in Marokko, hatte mir auch nie echte Gedanken darüber gemacht, was die marokkanische Küche außerhalb meines Erfahrungsbereichs zu bieten hat.

Während wir den Nachtisch vorbereiteten, erinnerte ich mich an einen Zeitungsartikel, den ich wenige Tage vorher während eines Flugs von Berlin nach Frankfurt gelesen hatte: "Marokkaner als bester deutscher Koch ausgezeichnet", lautete die Schlagzeile. Wahabi Nouri, ein Marokkaner, der im Alter von drei Jahren aus Casablanca mit seiner Familie nach Deutschland kam, wurde mit seinem Restaurant "Piment" in Hamburg als bester Koch des Jahres 2009 ausgezeichnet. Ich merkte, wie überrascht Khalid war, er aber sehr stolz auf die "Presse" im Internet über den marokkanischen Starkoch war.

Durch die Pastilla mit Fisch von Khalid angeregt, beschloss ich, das Restaurant im Hamburger Stadtteil Eppendorf einige Tage später zu besuchen, als ich nach Wedel, einem kleinen Ort zwanzig Kilometer von Hamburg, zum Vortrag eingeladen war.

Noch aus der Küche von Khalid bat ich die Einladende, einen Tisch zu reservieren. Einige Tage später erhielt ich einen Anruf aus Wedel mit der Nachricht, dass alle Tische ausgebucht seien. Ich bat darum, nochmals anzurufen und dabei zu bemerken, dass der einzige marokkanisch-stämmige Professor aus Deutschland extra aus Berlin zum Essen anreisen möchte. Zwar bin ich, wie ich inzwischen erfahren habe, nicht der einzige Professor mit marokkanischen Wurzeln in Deutschland, aber immerhin: einige Minuten später hatten wir einen Tisch.


Das Bild müsse ein Orientalisches Bild ersetzt werden

Marrakesch, einzigartige Melodien der Sehnsüchte und Hoffnungen (Foto: Jama El Fna, Eberhard Hahne)

Das "Piment" ist ein kleines, aber sehr elegantes und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnetes Restaurant. Nur einige dezent positionierte maurische Spiegel erinnern an den orientalischen Hintergrund; auch das Publikum an diesem Abend war alles andere als orientalisch.

An dem einen Nachbartisch saßen zwei französisch sprechende ältere Damen, an einem anderen zwei gutaussehende Herren in feinem Zwirn, die offenbar über die großen Angelegenheiten dieser Welt diskutierten.

Als ich die Speisekarte öffnete und begann die Speisen zu lesen, fielen meine Augen sofort auf eine Hauptspeise: "Pastilla Praline mit Ente". Nicht nur, dass ich erst vor Kurzem nicht im Entferntesten daran gedacht hätte, dass Pastilla auch mit Fisch wunderbar schmecken kann, nun auch das noch: Pastilla mit meiner Lieblingsfleischsorte: Ente.

Also bestellte ich diese und war beeindruckt von der Komposition des Tellers. Die Pastilla, die gewöhnlich in Form einer großen, runden Torte gebacken wird, war hier in eine kleine Rolle verwandelt worden, der eine klassische Bauernentenkeule mit Rotkohl beigegeben war. Diese Speise war wunderbar; meine Zunge tanzte regelrecht von Biss zu Biss.

Noch während der ganzen Rückreise mit der Bahn war ich von der Zusammenstellung der Speisen und Gerichte Nouris beeindruckt. Die Küche war nicht marokkanisch, nicht orientalisch; sie hatte vielmehr ihren Grundton in der globalen Ferne. Alle Kulturen und Küchen waren vereint, die beim ersten Blick nicht passen konnten, aber beim Geschmack einen sofort überzeugten. Die Küche war als "crossover" zu bezeichnen – dieser Terminus beschreibt, dass alle Kochkulturen berührt wurden. Ich spürte aber eine Sehnsucht nach seiner Heimat Marokko, die wohl auch er nie selber kennengelernt hatte und die er nun in seinen Gerichten zum Ausdruck brachte.

Auf dem mit Liebe angerichteten Teller kamen Speisen zusammen, die ursprünglich bestimmt waren, die einzige Hauptrolle eines Mahls zu spielen und auf den ersten Blick nicht zusammenpassten. Beim Kosten gewahrte man aber schnell, dass das "neue" Aufeinandertreffen neue Fantasien provozierte und eine neue Harmonie bildete. Dennoch gaben sie am Gaumen ihre geschmackliche Selbständigkeit nicht auf; der ihnen eigene Geschmack blieb stets erhalten.

Zu Hause spät angekommen, schaute ich auf die Wand meiner neuen, weiß und sehr modern eingerichteten Wohnung. Ein Bild von New York bildete das optische Zentrum über dem großen Sofa. Dieses Bild schenkte mir einer meiner besten Freunde – Sigma, der teils in New York, teils in Berlin lebt und der die Freiheit und Unverbindlichkeit in Amerika und die Geborgenheit in und um sein Haus im kleinbürgerlichen Stadtteil Hermsdorf im Norden Berlins so liebt.

Ich schaute etwas müde, aber wach genug auf das Bild und fühlte, dass das nicht das richtige Bild für mein Zimmer sei. So wie beim Pastilla-Ente-Gericht empfand ich, dass ich das Bild durch etwas Orientalisches zu ersetzen habe.

Am nächsten Tag erzählte ich Khalid von meiner kulinarischen Erfahrung in Hamburg und dass ich ein orientalisches Bild für meine Wohnung suchte. Khalid sagte, er würde mir ein Bild besorgen.

Etwa eine Woche später erhielt ich einen Anruf von Khalid: "Das Bild ist da!" Ich fuhr umgehend hin und konnte meinen Augen nicht trauen. Das Bild zeigte einen Blick auf den Markt Djemaa el Fna. Man schaut hindurch zwischen zwei Orangenverkäufer- Wagen, die an ältere englische Pferdekutschen erinnern und an denen frisch gepresster Orangensaft zu kaufen ist. Im Hintergrund erkennt man andere Verkaufsstände des Djemaa el Fna, zum Beispiel einen Dattel-und-Nuss-Verkäufer und weiter dahinter eine der Moscheen am Platz. Der Marktplatz ist nicht voll, es scheint Spätnachmittag zu sein, wenn die Vorbereitungen für das Abendfinale beginnen. Das Bild schien mir so vertraut, als ob ich diesen Blick auf den Markt schon seit Jahren in meinem Herzen getragen hätte.

Etwas Besonderes an dem Bild ist auch, dass es sich dem Licht in der Wohnung anzupassen scheint. Abends hat man das Gefühl, es sei neunzehn Uhr; morgens kommt es mir vor wie acht Uhr.

Ich war bereits einige Male, aber nicht oft genug in Marrakesch. Von Anfang an war ich von dieser Stadt berührt; die Liebe zu ihr scheint aber erst jetzt zu entstehen oder mir bewusst zu werden. Städte sind wahrscheinlich nicht anders als ihre Menschen; manchmal muss man sie mehrfach treffen, um sich wirklich zu verlieben und sich dieser Liebe bewusst zu werden.

So beschrieb es der arabische Philosoph Khalil Gibran:

Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr, sind ihre Wege auch schwer und steil.
Und wenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin,
auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann.
Und wenn sie zu dir spricht, glaube an sie,
auch wenn ihre Stimme deine Träume zerschmettern kann,
wie der Nordwind den Garten verwüstet.

Denn so, wie die Liebe dich krönt, kreuzigt sie dich.
So wie sie dich wachsen lässt, beschneidet sie dich.
So wie sie emporsteigt zu deinen Höhen
und die zartesten Zweige liebkost, die in der Sonne zittern,
steigt sie hinab zu deinen Wurzeln
und erschüttert sie in ihrer Erdgebundenheit.

Wie Korngarben sammelt sie dich um sich.
Sie drischt dich, um dich nackt zu machen.
Sie siebt dich, um dich von deiner Spreu zu befreien.
Sie mahlt dich, bis du weiß bist.
Sie knetet dich, bis du geschmeidig bist;
und dann weiht sie dich ihrem heiligen Feuer,
damit du heiliges Brot wirst für Gottes heiliges Mahl.

All dies wird die Liebe mit dir machen,
damit du die Geheimnisse deines Herzens kennenlernst
und in diesem Wissen ein Teil vom Herzen des Lebens wirst.
Aber wenn du in deiner Angst nur die Ruhe und die Lust der Liebe suchst,
dann ist es besser für dich, deine Nacktheit zu bedecken
und vom Dreschboden der Liebe zu gehen.
In die Welt ohne Jahreszeiten,
wo du lachen wirst, aber nicht dein ganzes Lachen,
und weinen, aber nicht all deine Tränen.

Liebe gibt nichts als sich selbst und nimmt nichts als von sich selbst.
Liebe besitzt nicht, noch lässt sie sich besitzen;
denn die Liebe genügt der Liebe.

Und glaube nicht, du kannst den Lauf der Liebe lenken,
denn die Liebe, wenn sie dich für würdig hält, lenkt deinen Lauf.

Liebe hat keinen anderen Wunsch, als sich zu erfüllen.
Aber wenn du liebst und Wünsche haben musst, sollst du dir dies wünschen:
zu schmelzen und wie ein plätschernder Bach zu sein,
der seine Melodie der Nacht singt.
Den Schmerz allzu vieler Zärtlichkeit zu kennen.
Vom eigenen Verstehen der Liebe verwundet zu sein;
und willig und freudig zu bluten.
Bei der Morgenröte
mit beflügeltem Herzen zu erwachen
und für einen weiteren Tag des Liebens dankzusagen;
Zur Mittagszeit zu ruhen
und über die Verzückung der Liebe nachzusinnen;
Am Abend mit Dankbarkeit heimzukehren;
und dann einzuschlafen
mit einem Gebet für den Geliebten im Herzen
und einem Lobgesang auf den Lippen.

 

Fortsetzung folgt

Siehe auch "Und von Tager fahren die Boote nach irgendwo ..."

 

 


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