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Wirtschaftliche Herausforderungen im globalen Wettbewerb

Marokko steht vor einer doppelten Herausforderung: Die Integration in die globalen Wertschöpfungsketten zu vertiefen und gleichzeitig sicherzustellen, dass die wirtschaftlichen Fortschritte sich positiv auf das Leben seiner Bürger auswirken. Der Weg zur wirtschaftlichen Transformation und Wettbewerbsfähigkeit ist lang, aber mit einem nachhaltigen und integrativen Ansatz könnte Marokko diesen Herausforderungen erfolgreich begegnen.

 

Baeta Javorcik im Interview, Foto: barlamantoday.comMarokko hat in den letzten Jahren bemerkenswerte Fortschritte im Bildungssektor erzielt, doch darf das Land sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen. "Die Welt steht nicht still, und der internationale Wettbewerb ist hart," warnte Baeta Javorcik, Chefökonomin der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE), bei der Konferenz des Policy Center for the New South (PCNS). Die Veranstaltung fand am Donnerstag an der Mohammed VI Polytechnischen Universität (UM6P) statt und trug den Titel: „Transition Report Dissemination: A Changing Global Economic Landscape, Challenges and Opportunities for Morocco“.

In ihrem Vortrag stellte Javorcik den neuen Bericht der EBWE „Transition Report 2023-2024: Große und kleine Übergänge“ vor und hob insbesondere die Fortschritte Marokkos bei der Ausbildung von Frauen in den Ingenieurwissenschaften hervor. Diese Entwicklungen seien lobenswert, jedoch müsse das Land weiterhin bestrebt sein, sein Bildungssystem zu verbessern, betonte sie.

„Die großen Veränderungen in der Weltwirtschaft bieten Marokko viele Chancen: Die globalen Wertschöpfungsketten werden umgestaltet, was eine Gelegenheit ist, mehr Geschäfte zu machen“, sagte Javorcik. Politische Spannungen und wirtschaftliche Neuordnungen könnten Marokko zugutekommen, insbesondere dank der zahlreichen Freihandelsabkommen, die das Land mit Partnern wie europäischen Ländern, den USA und der Afrikanischen Kontinentalen Freihandelszone (AfCFTA) geschlossen hat. Marokko müsse jedoch seine Investitionen in erneuerbare Energien, digitale Kompetenzen und die Verbesserung des Geschäftsklimas „schneller vorantreiben“, fügte Javorcik hinzu. Diese Maßnahmen seien entscheidend, um im globalen Wettbewerb mithalten zu können und die sich bietenden Chancen optimal zu nutzen.

Die Worte der Chefökonomin verdeutlichen, dass trotz der erzielten Fortschritte noch viele Herausforderungen bestehen. Marokko steht am Scheideweg: Die Möglichkeit, sich als wirtschaftlicher Vorreiter zu etablieren, ist greifbar, doch bedarf es eines kontinuierlichen und intensiven Engagements, um diese Vision zu verwirklichen.

Auf der jüngsten Konferenz des Policy Center for the New South (PCNS) an der Mohammed VI Polytechnischen Universität (UM6P) gewährte Javorcik tiefgehende Einblicke in die Auswirkungen des Klimawandels und die notwendigen Schritte zur Umstellung auf eine grüne Wirtschaft. Im Rahmen des Themas „Transition Report Dissemination: A Changing Global Economic Landscape, Challenges and Opportunities for Morocco“ sprach sie über die „großen Übergänge“, die vor allem nachhaltige Wirtschaft und den Umgang mit Rohstoffen betreffen.

Baeta Javorcik erläuterte, dass die „großen Übergänge“ eine zentrale Rolle bei der Umstellung auf nachhaltige Wirtschaftssysteme spielen. Diese beinhalten umfassende Veränderungen in der Industrie und im Ressourcenmanagement. Neben diesen großangelegten Transformationen betonte sie auch die Bedeutung der „kleinen Übergänge“. Diese umfassen berufliche Veränderungen, Wohnsituation sowie die Auswirkungen auf Leben und Gesundheit der Menschen.

Die EBWE habe Umfragen unter Unternehmen durchgeführt und festgestellt, dass die Hauptstrategien der Firmen zur Bewältigung des globalen Wandels in der Diversifizierung ihrer Partner und der Nutzung der Sektoren des grünen Übergangs bestehen. Nordafrikanische Unternehmen sehen vor allem in den Bereichen Lebensmittel, Hotels und Restaurants, Biotechnologie, erneuerbare Energien, Landwirtschaft, Fahrzeuge und Transport sowie digitale Dienstleistungen die besten Investitionsmöglichkeiten im Vergleich zu anderen Regionen.

Laut der Studie der EBWE sind sich die Marokkaner der negativen Auswirkungen des Klimawandels auf Umwelt und Menschen bewusst. Dennoch zeigt sich eine gewisse Zurückhaltung, wenn es darum geht, höhere Steuern zur Bekämpfung der globalen Erwärmung zu zahlen oder der Umwelt Vorrang vor Arbeitsplätzen einzuräumen.

Die Erkenntnisse von Javorcik unterstreichen, dass der Übergang zu einer grünen Wirtschaft sowohl auf großer als auch auf kleiner Ebene angegangen werden muss. Es bedarf eines breiten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Engagements, um die Herausforderungen des Klimawandels zu meistern und gleichzeitig die wirtschaftlichen Chancen optimal zu nutzen. Marokko steht hierbei vor der Aufgabe, innovative Strategien zu entwickeln, um den grünen Wandel voranzutreiben und gleichzeitig die Lebensqualität seiner Bürger zu sichern.

Inmitten globaler Veränderungen befindet sich Marokko in einer „grünen Zone“ steigender Lebenszufriedenheit, so Javorcik. Über 60% der Marokkaner geben an, mit ihrem Leben zufrieden zu sein - ein positiver Indikator in Zeiten des Wandels. Jedoch gibt es auch Herausforderungen, insbesondere im Gesundheitsbereich. Laut Javorcik erhielt Marokko 2,6 von 5 Punkten in der Bewertung der Gesundheitssituation seiner Bürger. Auffällig ist, dass sich die Gesundheit marokkanischer Frauen im Vergleich zu Männern schneller verschlechtert, besonders ab dem 30. bis 39. Lebensjahr.

Assia Bensaad, Direktorin für Zusammenarbeit und Partnerschaft bei der marokkanischen Agentur für Investitionen, betonte die Bemühungen Marokkos, Investoren in Schlüsselsektoren zu gewinnen. Sie unterstrich, dass Marokko über einen „starken Mehrwert“ in den Bereichen grüne Energie und Elektronik verfüge. Dies spiegelt sich in der Positionierung Marokkos innerhalb der internationalen Wertschöpfungskette wider.

Marokko hat intensiv daran gearbeitet, seine Wirtschaft zu stabilisieren und zu stärken, um makroökonomische Stabilität zu gewährleisten. Dies zeigt sich eindrucksvoll in den marokkanischen Exporten, die sich auf 42 Milliarden Dollar belaufen – zweieinhalb Mal mehr als 2012. Diese Entwicklung wird durch eine Infrastruktur unterstützt, die internationalen Standards entspricht, sowie durch Freihandelsabkommen wie das AfCFTA, die Marokkos Stellung in der globalen Wertschöpfungskette festigen. Das Königreich sieht sich somit nicht nur als Teil der globalen wirtschaftlichen Veränderungen, sondern als aktiver Mitgestalter. Die Investitionen in grüne Energie und Elektronik sowie die strategische Positionierung in internationalen Märkten zeigen das Potenzial und die Ambitionen des Landes. Trotz den Herausforderungen im Gesundheitssektor und notwendiger Verbesserungen im Bildungssystem geht Marokko mit Zuversicht in die Zukunft.

Larabi Jaïdi, Senior Fellow am Policy Center for the New South und Affiliate-Professor an der Mohammed VI Polytechnic University, äußert sich kritisch zu den Fortschritten Marokkos. Während die Anziehung ausländischer Investoren in Schlüsselindustrien wie der Automobil- und Luftfahrtbranche anerkannt wird, betont Jaïdi, dass noch viel zu tun bleibt, um mit den großen Industrieländern konkurrieren zu können. Jaïdi wies darauf hin, dass Marokko einen umfassenden Ansatz verfolgt, der die sozialen Auswirkungen und Lebensbedingungen der Menschen in den Vordergrund stellt. „Wir müssen die Auswirkungen auf das soziale Leben und die Lebensbedingungen der Menschen sehen, und das ist der Ansatz, den Marokko verfolgt,“ sagte er und betont, dass eine wirtschaftliche Transformation vor allem das Leben der Menschen verbessern muss und dass der produzierte Reichtum gerecht verteilt werden sollte.

Zwar habe es seit 2017 gewisse Entwicklungen gegeben, dennoch nimmt Marokko laut Jaïdi nur mäßig an globalen Wertschöpfungsketten teil. „Wir befinden uns immer noch in einem nachgelagerten Stadium der Kette, und der Weg zur Verbesserung ist sehr lang,“ erklärte er. Dies deutet darauf hin, dass Marokko trotz seiner Fortschritte weiterhin Herausforderungen in der Integration und dem Aufstieg in den globalen Wertschöpfungsketten zu bewältigen hat.

* Das Policy Center for the New South, eine marokkanische Denkfabrik, setzt sich für die Verbesserung der Wirtschafts- und Sozialpolitik ein und zielt darauf ab, Marokko und Afrika als bedeutende Bestandteile des globalen Südens zu positionieren. Diese Institution spielt eine entscheidende Rolle in der Analyse und Förderung von Strategien, die darauf abzielen, das wirtschaftliche und soziale Gefüge Marokkos zu stärken und seine Position im internationalen Wettbewerb zu festigen.

Siehe das YouTube-Video "Frauen als Ingenieurinnen: Schlüssel zum Wachstum"