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Wenn Gründer loslassen müssen - Marokkos nächste Bewährungsprobe

Vor vierzig Jahren standen viele marokkanische Unternehmer mit wenig mehr als einer Idee, handwerklichem Können und unerschütterlichem Vertrauen in die eigene Zukunft am Anfang ihres Weges. 

Unternehmensübergabe an die nächste Generation. Foto mit Hilfe von ChatGPT zusammengestellt

Aus kleinen Werkstätten wurden Industriebetriebe, aus regionalen Handelsfirmen international tätige Unternehmen. Jeder Auftrag war hart erkämpft, jede Investition ein Wagnis. Wer Erfolg hatte, verdankte ihn weniger einem ausgefeilten Geschäftsmodell als Mut, Beharrlichkeit und persönlicher Verantwortung.

Heute stehen viele dieser Unternehmer vor einer Entscheidung, die größer ist als jene, mit der einst alles begann. Nicht die Gründung ihres Unternehmens wird über ihr Vermächtnis entscheiden, sondern dessen Zukunft. Man stelle sich einen Unternehmer aus Casablanca vor, der Mitte der 1980er-Jahre mit einer kleinen Metallwerkstatt begann: drei Maschinen, ein Dutzend Mitarbeiter, der feste Wille, etwas Eigenes aufzubauen.

Vier Jahrzehnte später fertigt sein Unternehmen hochpräzise Bauteile für die Automobil- und Luftfahrtindustrie, seine Kunden sitzen in den Produktionsstätten internationaler Konzerne in Tanger, Kénitra oder Nouaceur. Aus dem Familienbetrieb ist ein Glied globaler Lieferketten geworden. Seine Tochter hat in Kanada studiert und spricht über künstliche Intelligenz, Digitalisierung und neue Märkte südlich der Sahara. Der Vater dagegen kennt noch jeden Produktionsleiter persönlich und verlässt sich auf Erfahrung, Intuition, gewachsene Beziehungen. Keiner von beiden irrt - doch beide blicken auf zwei völlig unterschiedliche Wirtschaftswelten.

Solche Familienunternehmen bilden das Fundament der marokkanischen Wirtschaft: den Großteil aller Betriebe, Millionen Arbeitsplätze, einen erheblichen Teil der nationalen Wertschöpfung. Gelingen die anstehenden Generationenwechsel, gewinnt das ganze Land. Misslingen sie, drohen Erfahrung, Innovationskraft und gewachsene Netzwerke verloren zu gehen.

Dabei geht es längst nicht mehr nur um die Übergabe von Eigentum. Internationale Auftraggeber erwarten heute digitale Produktionsprozesse, transparente Lieferketten, Nachhaltigkeitsberichte, höchste Qualitätsstandards. Was früher vor allem durch persönliches Vertrauen funktionierte, verlangt nun zusätzlich Technologie, Organisation, globale Wettbewerbsfähigkeit. Unternehmer müssen lernen, Verantwortung zu teilen, Führung neu zu organisieren und Wissen in Strukturen zu überführen, die unabhängig von einzelnen Persönlichkeiten Bestand haben.

Deutschland kennt diesen Wandel seit Jahrzehnten. Zahlreiche mittelständische Familienunternehmen standen vor derselben Weggabelung: Manche verschwanden mit dem Rückzug ihrer Gründer, andere wurden Weltmarktführer, weil sie rechtzeitig den Übergang zu professionellen Führungsstrukturen vollzogen. Nicht die Familie allein entschied über den Erfolg, sondern ihre Bereitschaft, Tradition mit Erneuerung zu verbinden.

Marokko bewegt sich heute in diese Richtung - ein leiser Wandel, der kaum Schlagzeilen macht und dennoch von enormer Bedeutung ist. Immer mehr Unternehmen holen externe Führungskräfte ins Haus, richten Beiräte ein, trennen Eigentum und operative Verantwortung. Denn eine moderne Volkswirtschaft lebt nicht allein von Investitionen in Fabriken, Häfen oder Hochgeschwindigkeitszüge. Sie braucht Unternehmen, die Generationen überdauern und sich immer wieder neu erfinden können.

Hier beginnt die zweite wirtschaftliche Revolution Marokkos. Die erste bestand darin, Unternehmen aufzubauen. Die zweite besteht darin, sie in dauerhafte Institutionen zu verwandeln.

Auch der Unternehmer aus Casablanca wird diese Entscheidung irgendwann treffen müssen. Eines Tages sitzt er mit seiner Tochter am selben Tisch, an dem einst seine erste Maschine stand - Erfahrung auf der einen, neue Wege auf der anderen Seite. Wenn beide zusammenfinden, wächst nicht nur ein Unternehmen weiter. Ein ganzes Land gewinnt jene Stabilität, auf der seine nächste Entwicklungsstufe aufbauen kann.