Warum chinesische Autohersteller massiv auf Marokko setzen
Marokko rückt ins Zentrum der globalen Neuordnung industrieller Wertschöpfungsketten. Angesichts wachsender Handelsbarrieren in Europa und Nordamerika setzen chinesische Automobilhersteller zunehmend auf das Königreich - als Produktionsstandort, Batteriehub und strategische Brücke zwischen Europa, Afrika und dem globalen Süden.
Wie aus einer Analyse von BMI-Fitch Solutions hervorgeht, hat sich Marokko in den vergangenen Jahren zu einem der zentralen Profiteure der internationalen Expansion chinesischer Automobilhersteller entwickelt. Vor dem Hintergrund zunehmender Handelskonflikte zwischen China, der Europäischen Union und Nordamerika gewinnt das Königreich als industrielle Plattform deutlich an strategischer Bedeutung - insbesondere im Bereich der Elektromobilität.
Zwischen 2023 und 2025 entfiel nahezu die Hälfte aller chinesischen Automobilinvestitionen in der MENA-Region auf Marokko. Von insgesamt 183 in diesem Zeitraum erfassten Projekten wurde rund ein Viertel von chinesischen Unternehmen oder in Partnerschaft mit ihnen umgesetzt. Dass ein so großer Anteil dieser Investitionen im Königreich konzentriert ist, unterstreicht dessen Sonderstellung innerhalb der Region.
Nach Einschätzung von BMI-Fitch Solutions beruht diese Attraktivität auf einer Kombination mehrerer struktureller Faktoren: einer seit Jahren etablierten Automobilindustrie, leistungsfähiger logistischer Infrastrukturen, qualifizierter Arbeitskräfte sowie einer stetig wachsenden lokalen Wertschöpfung - insbesondere bei Komponenten für Elektrofahrzeuge.
Marokko als industrieller Brückenkopf nach Europa
Ein zentraler Vorteil bleibt das Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union. In einer Phase verschärfter europäischer Zölle auf aus China importierte Elektrofahrzeuge bietet Marokko chinesischen Herstellern einen wettbewerbsfähigen und rechtssicheren Zugang zum EU-Markt. Die geografische Nähe zu Europa, kurze Lieferketten und planbare regulatorische Rahmenbedingungen machen das Königreich damit zu einem bevorzugten Standort für sogenannte Nearshoring-Strategien.
Zusätzlich stärkt Marokko seine Position durch die gezielte Öffnung in Richtung Afrika - insbesondere über die Afrikanische Kontinentale Freihandelszone (Zlecaf) - sowie durch das bilaterale Freihandelsabkommen mit dem Vereinigten Königreich. Für chinesische Konzerne entsteht so ein Produktionsstandort mit mehrfacher strategischer Anbindung. Vor diesem Hintergrund sprach der chinesische Botschafter von Marokko als „einem Hotspot für chinesische Unternehmen, insbesondere in den Bereichen Elektromobilität, neue Energien und industrielle Wertschöpfung“.
Batterien als Schlüssel der Zusammenarbeit
Besonders dynamisch entwickelt sich laut der Online Zeitung Le Matin die Batterie-Wertschöpfungskette. Marokko verfügt über bedeutende Phosphatreserven, die für Lithium-Eisenphosphat-Batterien (LFP) eine zentrale Rolle spielen - eine Technologie, die sich zunehmend als Standard für kostengünstige Elektrofahrzeuge etabliert.
Chinesische Hersteller, die traditionell stark auf LFP-Technologie setzen, finden im Königreich ideale Voraussetzungen, um ihre Produktionsmodelle zu skalieren. Diese Entwicklung fügt sich nahtlos in die industrielle Gesamtstrategie Marokkos ein. Industrieminister Ryad Mezzour betonte in diesem Zusammenhang wiederholt, „Marokko wolle nicht nur montieren, sondern vollständige Wertschöpfungsketten aufbauen - von Batteriematerialien über Energiespeicher bis zur Fahrzeugproduktion“.
Mehrere Großinvestitionen belegen diese Dynamik. CNGR Advanced Materials hat gemeinsam mit dem marokkanischen Partner Al Mada eine Produktionsstätte für Batteriematerialien in Betrieb genommen. Gotion High-Tech investiert rund 1,3 Milliarden US-Dollar in den Aufbau einer Gigafactory mit einer geplanten Jahreskapazität von 20 GWh. Weitere Unternehmen wie BTR New Material Group, Huayou Group oder Tinci Materials sind ebenfalls im Land aktiv.
Industriepolitik jenseits des Automobils
Die chinesisch-marokkanische Industriekooperation beschränkt sich dabei nicht auf Fahrzeuge und Batterien. Mit dem Bau des größten Reifenwerks Afrikas in der Industriezone von Betoya durch Shandong Yongsheng Rubber - ein Projekt mit einem Investitionsvolumen von rund 650 Millionen Dollar - weitet sich die Zusammenarbeit auf vorgelagerte und ergänzende Industriezweige aus. Diese Vorhaben fügen sich in eine langfristige industriepolitische Strategie ein, die Marokko als voll integrierten Industriehub positioniert - nicht nur als Montageplattform, sondern als Standort mit technologischer Substanz und regionaler Ausstrahlung. Diese Entwicklung ist zweifelsohne eine direkte Folge der westlichen Handelspolitik. Die USA und Kanada haben 2024 Zölle von bis zu 100% auf chinesische Elektrofahrzeuge eingeführt, während die EU Aufschläge zwischen 7,8% und 35,3% erhebt.
Vor diesem Hintergrund setzen chinesische Hersteller zunehmend auf Produktionsverlagerungen in geografischer Nähe zu ihren Zielmärkten. Nordafrika - und Marokko im Besonderen - wird damit zu einem zentralen Baustein einer neuen globalen Industriearchitektur: als Produktionsstandort, Logistikdrehscheibe und Exportplattform zugleich.
Ein strukturell gefestigtes Partnerschaftsmodell
Was sich hier abzeichnet, geht deutlich über einen kurzfristigen Investitionstrend hinaus. Die marokkanisch-chinesische Zusammenarbeit im Automobilsektor beruht auf klar komplementären Interessen: auf der industriellen Skalierungsstrategie Chinas und auf Marokkos gezielter Positionierung zwischen Europa, Afrika und dem globalen Süden.
In diesem Sinne bestätigt die Analyse von BMI-Fitch Solutions eine Entwicklung, die sich seit Jahren abzeichnet: Marokko ist für China längst nicht mehr nur ein Absatzmarkt, sondern ein strategischer Partner im Umbau globaler Wertschöpfungsketten - mit wachsender Bedeutung für die Elektromobilität der kommenden Jahrzehnte.