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Vom Zentrum des Wissens zur Hightech-Nation - warum Marokko kein Zufall ist

Es gibt Länder, die Investoren anziehen, weil sie billig sind. Und es gibt Länder, die sie anziehen, weil sie klug sind. Marokko war immer Letzteres - auch wenn die Welt das zwischenzeitlich vergessen hatte.

Das Königreich Marokko: vom Zentrum des Wissens zur Hightech Nation

Im 10. Jahrhundert war Córdoba die größte Stadt Europas. In ihren Bibliotheken lagerten Hunderttausende Manuskripte, während der Rest des Kontinents im Dunkeln tastete. Gelehrte aus dem gesamten Mittelmeerraum pilgerten in die Städte von Al-Andalus und Marokko - nach Fès, nach Marrakesch, nach Córdoba und Granada - um Mathematik, Medizin, Astronomie und Philosophie zu studieren. Die Universität Al-Qarawiyyin in Fès, gegründet im Jahr 859, gilt bis heute als die älteste kontinuierlich betriebene Hochschule der Welt. Was wir heute als westliche Wissenschaft bezeichnen, hat erhebliche Teile seiner Grundlagen in dieser Welt zwischen Atlas und Guadalquivir.

Dann verschob sich das Zentrum. Die Reconquista, die Entdeckung Amerikas, die atlantische Handelsroute - und plötzlich lag Marokko nicht mehr im Zentrum, sondern am Rand. Jahrhunderte vergingen…. Doch Geschichte ist kein gerader Strich. Sie ist eine Kurve.

Was Safran wirklich sagt

Die jüngste Entscheidung des französischen Luftfahrt- und Technologiekonzerns Safran, seine industrielle Präsenz im Königreich erneut auszubauen, ist für sich genommen eine Unternehmensmeldung. Interessant wird sie erst im Kontext: Renault und Stellantis gehören zu den größten Automobilproduzenten Afrikas - mit Standort Marokko. Airbus- und Boeing-Zulieferer fertigen ihre Komponenten zwischen Casablanca und Tanger. Hyundai Rotem baut Schienenfahrzeuge. Und täglich kommen neue Namen hinzu, aus der Medizintechnik, der Batterietechnologie, den erneuerbaren Energien.

Wer die Standortentscheidungen dieser Unternehmen analysiert, stößt auf bemerkenswerte Parallelen. Eine davon ist die Lage: Marokko liegt dort, wo Europa, Afrika und der Atlantik aufeinandertreffen. Der Hafen Tanger Med hat sich zu einem der bedeutendsten Logistikzentren der Region entwickelt - nicht trotz dieser Zwischenposition, sondern wegen ihr. Kreuzungspunkte waren schon immer Orte der Macht. Doch die Geografie allein erklärt wenig. Entscheidender ist etwas, das sich schwerer messen lässt.

Ingenieure statt Almosen

Das Königreich Marokko: vom Zentrum des Wissens zur Hightech Nation

Moderne Industrie braucht keine günstigen Arbeitskräfte. Sie braucht Menschen, die Technologien beherrschen, weiterentwickeln und an neue Anforderungen anpassen können. Marokko hat das verstanden - und investiert seit Jahren entsprechend. Die Mohammed VI Polytechnic University ist nicht nur ein Gebäude; sie ist ein Programm. Spezialisierte Ausbildungszentren entstehen dort, wo neue Industrien Fuß fassen. Wo ein großer Hersteller kommt, folgen Zulieferer, Wartungsbetriebe, Logistikunternehmen - und mit ihnen der Bedarf an immer spezifischeren Qualifikationen, der wiederum neue Ausbildungseinrichtungen hervorbringt.

Dieses Muster ist nicht neu in der Wirtschaftsgeschichte. Neu ist, dass Marokko es heute systematisch anwendet. Was zunächst mit Tanger Med als Infrastrukturprojekt begann, ist heute eines der größten Industrie- und Logistikzentren Afrikas. Was mit einzelnen Automobilinvestitionen anfing, wurde zu einem eng vernetzten Produktionsstandort. Was heute in der Luftfahrt- und Bahnindustrie entsteht, dürfte in zehn Jahren ähnlich aussehen.

Eine Logik, die tiefer reicht

König Mohammed VI.Es wäre zu einfach, diese Entwicklung als geglücktes Standortmarketing zu beschreiben. Was in Marokko entsteht, folgt einer älteren Logik - der Logik eines Landes, das an Schnittstellen denkt, weil es an Schnittstellen entstanden ist. Arabisch und Amazighisch, afrikanisch und mediterran, islamisch und andalusisch: Marokko hat nie an einer einzigen Identität festgehalten, weil es immer mehrere gleichzeitig trug. Genau diese Fähigkeit - Einflüsse aufzunehmen, zu verarbeiten und produktiv zu machen - ist auch industriell ein Vorteil.

Internationale Unternehmen verlagern heute nicht mehr nur Produktion nach Marokko. Sie verlagern Wartung, Qualitätssicherung, technische Dienstleistungen, Teile ihrer Entwicklungsarbeit. Die lokale Wertschöpfung wächst. Die Kompetenzen wachsen. Und damit wächst auch die Anziehungskraft für den nächsten Investor.

Heute müssen wir die Zukunft vorbereiten, statt lediglich auf die Herausforderungen der Gegenwart zu reagieren." König Mohammed VI.

In Fès, wo vor mehr als tausend Jahren Gelehrte aus der ganzen Welt zusammenkamen, um Wissen zu sammeln und weiterzugeben, hat dieser Satz eine besondere Resonanz. Das Zentrum des Wissens war einmal hier. Es kehrt nicht zurück - es entsteht neu. In anderer Form, mit anderen Werkzeugen, unter anderen Bedingungen. Aber mit derselben Grundüberzeugung: dass ein Land, das in seine Menschen investiert, am Ende mehr gewinnt als eines, das nur in seine Gebäude investiert.

Safran hat das offenbar verstanden. Und es wird nicht das letzte Unternehmen gewesen sein. Siehe auch diesen Artikel.