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Tanger: vom Produktionsstandort zum industriellen Kreislauf

Marokko hat sich in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Produktionsstandort entwickelt: Automobile, Flugzeugteile, Textilien, Lebensmittel und zunehmend Batteriekomponenten entstehen in Fabriken, deren Produkte weit über den heimischen Markt hinausgehen. Nun rückt eine zweite Frage in den Vordergrund: wie effizient diese wachsende Industrie mit Wasser, Rohstoffen und Abfällen umgeht.

Industrieunternehmen entwickeln Projekte für die Kreislaufwirtschaft. Foto mit Hilfe der KI erstellt

In Tanger arbeiten dreizehn Industrieunternehmen mit der Europäischen Investitionsbank (EIB), der Frankfurt School of Finance & Management und der Bank of Africa an konkreten Investitionsprojekten der Kreislaufwirtschaft – im Zentrum steht der Gedanke, dass der Abfall der einen Fabrik zum Rohstoff der anderen werden kann. Sie kommen aus unterschiedlichen Branchen, darunter Aluminium, Lebensmittelindustrie, Kunststoffverpackungen, Textilien, Möbelproduktion und Kompostierung; eine endgültige Projektliste oder ein Investitionsvolumen liegt bislang nicht vor.

Entscheidend ist dabei nicht allein der ökologische Nutzen: Die Vorhaben sollen so vorbereitet werden, dass aus einer Idee ein finanzierbares Investitionsprojekt wird – mit belegbaren Einsparungen bei Wasser und Material, sinkenden Kosten und neuem wirtschaftlichem Wert aus wiederverwerteten Stoffen. Den Rahmen dafür bildet das internationale Programm SWITCH2CE, kofinanziert von der EU und Finnland und umgesetzt von der UN-Organisation für industrielle Entwicklung UNIDO. In Marokko lag der Fokus zunächst auf Kunststoffverpackungen und recyceltem PET; inzwischen weitet sich der Ansatz auf weitere Industriebereiche aus.

Tanger als industrielles Labor

Dass diese Arbeit in Tanger stattfindet, ist folgerichtig: Rund um Tanger Med ist einer der dichtesten Industrie- und Logistikräume Marokkos entstanden, mit mehr als 3.000 Hektar Wirtschaftsflächen und über 1.500 angesiedelten Unternehmen (Quelle: Tanger Med). Diese Konzentration eröffnet Möglichkeiten, die einzelne Fabriken kaum besitzen: Wasser lässt sich aufbereiten und erneut nutzen, Metall- oder Kunststoffreste können in andere Produktionsprozesse gelangen, organische Nebenprodukte der Lebensmittelindustrie lassen sich verwerten. Unternehmen verbinden damit ihre Stoffströme, statt nur nebeneinander zu produzieren.

Dieser Ansatz reicht über Tanger hinaus: 2026 startete Marokko gemeinsam mit UNIDO und der Schweiz eine neue, bis 2028 laufende Phase des Global Eco-Industrial Parks Programme, um Kreislaufwirtschaft stärker in Industriegebieten zu verankern und deren Ressourcenverbrauch und Klima-Fußabdruck zu senken.

Europas Markt verändert Marokkos Fabriken

Ein erheblicher Teil der marokkanischen Industrie ist eng mit europäischen Lieferketten verbunden – neue Anforderungen an Recyclingfähigkeit und Nachhaltigkeit werden deshalb zunehmend zu Produktionsbedingungen. Besonders deutlich zeigt sich das in der Textilindustrie: Sie beschäftigt laut IFC rund 246.000 Menschen, 93 Prozent ihrer Exporte gehen in die EU. Dass Kreislaufwirtschaft nicht zwangsläufig nur zusätzliche Kosten bedeutet, zeigen IFC-Pilotprojekte: Bei den untersuchten Textilien senkte ein Anteil von 20 Prozent recycelter Baumwolle die Klimawirkung um 18 Prozent und den Wasserverbrauch um 61 Prozent.

Für einen exportorientierten Standort wird daraus ein Wettbewerbsvorteil: Wer Ressourcen effizienter nutzt, erfüllt nicht nur Umweltauflagen, sondern reduziert auch die Abhängigkeit von Rohstoffen und steigenden Kosten. Gerade angesichts der strukturellen Wasserknappheit im Land besitzt jeder wiederverwendete Kubikmeter Wasser und jedes nicht neu beschaffte Material einen wirtschaftlichen Wert.

Noch steht nicht fest, welche der Tanger-Projekte tatsächlich umgesetzt werden, und dreizehn Unternehmen werden Marokkos Industrie nicht allein verändern. Ihre Bedeutung liegt darin, dass sie zeigen, wie die nächste Phase der marokkanischen Industrialisierung aussehen könnte: nicht mehr nur Produktionskapazitäten und internationale Ansiedlungen, sondern eine tiefer vernetzte Industrie, die Wasser, Materialien und Nebenprodukte als gemeinsame Ressource begreift – Kreislaufwirtschaft als nächste Entwicklungsstufe, nicht als Ergänzung.

 

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