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Marokkos Stahl wächst – doch EU-Regeln könnten Rohstoffe verteuern

Marokkos Stahlindustrie wächst – und mit ihr der Bedarf an Stahlschrott als Rohstoff. Allein im ersten Halbjahr 2026 lieferte die EU über 1 Million Tonnen nach Marokko. Neue europäische Regeln könnten diese Lieferungen ab Mai 2027 erschweren und die Beschaffung verteuern.

Marokkanische Stahlindustrie. Foto mit Hilfe von ChatGPT zusammengstellt

Für Marokkos Stahlindustrie ist Schrott längst kein Abfall mehr. Er ist ein Rohstoff. In Elektrostahlwerken wird alter Stahl eingeschmolzen und zu neuem Baustahl, Walzdraht und anderen Produkten verarbeitet. Mit dem Ausbau der marokkanischen Stahlproduktion wächst deshalb auch der Bedarf an verwertbarem Stahlschrott.

Genau an dieser Stelle könnte eine neue EU-Regel Folgen für Marokko haben. Ab Mai 2027 gelten strengere Bedingungen für die Ausfuhr bestimmter Abfälle aus der Europäischen Union in Staaten, die nicht der OECD angehören. Marokko hat beantragt, weiterhin europäischen Metall- und Stahlschrott importieren zu dürfen. Im derzeitigen Entwurf der Europäischen Kommission sind diese Lieferungen jedoch nicht zugelassen. Die endgültige Entscheidung steht noch aus.

Aus Abfall wird industrieller Rohstoff

Die Bedeutung dieser Entscheidung erschließt sich erst mit einem Blick auf die marokkanische Stahlindustrie. Einer ihrer größten Produzenten ist Sonasid. Das Unternehmen verfügt über eine Produktionskapazität von rund 1,1 Millionen Tonnen jährlich und setzt bei seiner Stahlerzeugung auf Recycling. Im Elektrostahlwerk von Jorf Lasfar wird Schrott in einem Lichtbogenofen eingeschmolzen und zu Knüppelstahl verarbeitet, aus dem anschließend unter anderem Betonstahl und Walzdraht entstehen.

Allein 2025 recycelte Sonasid nach eigenen Angaben mehr als 750.000 Tonnen Stahlschrott. Das Unternehmen bezeichnet sich inzwischen als größten Recycler von Eisenmetallen in Marokko. Zugleich stammt ein großer Teil des benötigten Stroms aus erneuerbaren Energien. Damit verbindet sich Recycling zunehmend mit dem Aufbau einer CO₂-ärmeren Stahlproduktion.

Mit Riva Industries ist in Jorf Lasfar ein weiterer großer Produzent hinzugekommen. Rund 2,9 Milliarden Dirham wurden in den integrierten Industriekomplex investiert. Dort entstehen unter anderem Betonstahl, Walzdraht, Knüppel und Spezialstähle, ergänzt um eigene Anlagen zur Sortierung und Aufbereitung von Eisenschrott.

Dieser Rohstoffbedarf trifft auf einen wachsenden heimischen Markt: Marokko braucht große Mengen Stahl für Wohnungs- und Industriebau, Bahnstrecken, Häfen, Straßen, Energieanlagen und andere Infrastrukturprojekte. Sonasid erschließt zudem höherwertige Anwendungen und produziert inzwischen auch Stahlprodukte für die Automobilindustrie. Allein im ersten Halbjahr 2026 lieferte die EU mehr als eine Million Tonnen Eisen- und Stahlschrott nach Marokko – knapp 45 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Die EU hatte ihre Verordnung über Abfallverbringungen bereits 2024 verabschiedet. Dahinter steht keine gegen Marokko gerichtete handelspolitische Maßnahme. Die Europäische Union will verhindern, dass europäische Abfälle in Staaten exportiert werden, in denen eine umweltgerechte Verarbeitung nicht ausreichend gewährleistet werden kann. Für Nicht-OECD-Staaten ändert sich deshalb ab dem 21. Mai 2027 das Verfahren grundlegend: Sie dürfen bestimmte nicht gefährliche Abfälle aus der EU nur noch beziehen, wenn sie dies beantragen und gegenüber der Kommission nachweisen, dass diese Materialien nach entsprechenden Umweltstandards verarbeitet werden.

Marokko hat den weiteren Import beantragt

Die Europäische Kommission prüfte den marokkanischen Antrag und forderte zusätzliche Informationen an. Im aktuellen Entwurf für die künftige Liste zugelassener Staaten sind bestimmte Abfallströme für Marokko vorgesehen, Metallabfälle jedoch bislang nicht. Das bedeutet noch kein endgültiges Aus. Der Entwurf wurde am 18. September zur Konsultation veröffentlicht. Die erste endgültige Liste soll bis Ende 2026 feststehen und anschließend regelmäßig aktualisiert werden. Staaten können zudem mit zusätzlichen Nachweisen eine erneute Prüfung beantragen.

Für Marokko geht es damit nicht um ein vollständiges Ende seiner Schrottversorgung. Das Land importiert Metallabfälle auch aus Staaten außerhalb der Europäischen Union, darunter in erheblichem Umfang aus Großbritannien. Die europäischen Lieferungen haben inzwischen jedoch eine Größenordnung erreicht, bei der ihr Wegfall die Beschaffung deutlich verändern würde.

 

  Quellen:

Europäische Kommission | marokkanisches Ministerium für Industrie und Handel | SONASID | OECD | World Integrated Trade Solution

   

Marokkanische Stahlhersteller müssten dann entweder einen größeren Teil ihres Rohstoffbedarfs im Inland decken oder zusätzliche Mengen auf anderen internationalen Märkten beschaffen. Gerade dort nimmt der Wettbewerb um hochwertigen Stahlschrott zu, weil immer mehr Stahlhersteller weltweit auf Elektrolichtbogenöfen und Recycling setzen, um ihre CO₂-Emissionen zu senken.

Wachstum schafft neue Abhängigkeiten

Damit zeigt die europäische Regelung zugleich eine weniger sichtbare Seite der marokkanischen Industrialisierung: Je mehr eigene Wertschöpfung entsteht, desto wichtiger wird eine verlässliche Versorgung mit den dafür benötigten Rohstoffen. Marokko verfügt über eigene Werke, verarbeitet Schrott im Land und entwickelt zunehmend höherwertige Produkte. Die Abhängigkeit von importiertem Fertigstahl kann dadurch sinken, während die Bedeutung der Rohstoffversorgung wächst.

Die neue EU-Regel bedroht Marokkos Stahlindustrie nicht. Sie könnte jedoch verändern, woher ein wichtiger Teil ihres Rohstoffs kommt und zu welchen Kosten er verfügbar ist. Für die wachsende Recyclingstahlproduktion wird Stahlschrott damit zunehmend selbst zu einem strategischen Rohstoff.

 

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