Marokkos nächster Coup: Casablanca soll Werft Afrikas werden
Wer an Casablanca denkt, sieht meist die pulsierende Handelsmetropole vor sich: den größten Hafen des Landes, Banken, Industrie, einen der wichtigsten Umschlagplätze Afrikas. Schon bald könnte die Stadt eine weitere Rolle hinzugewinnen. An ihrer Küste entsteht ein Projekt, das über den Bau einer Werft weit hinausreicht - möglicherweise der Auftakt zu einem neuen Kapitel marokkanischer Industriegeschichte.

Die marokkanische Hafenbehörde ANP hat Bau und Betrieb eines modernen Werftkomplexes ausgeschrieben: eine Anlage auf rund 210.000 Quadratmetern, für 30 Jahre an einen internationalen Betreiber konzessioniert. Im Rennen sind mehrere Konsortien, darunter der südkoreanische Schiffbaukonzern HD Hyundai Heavy Industries sowie europäische Bewerber. Die Vergabe steht noch aus.
Schon die technischen Eckdaten zeigen den Ehrgeiz des Vorhabens: ein 244 Meter langes, 40 Meter breites Trockendock, ein Schiffslift mit 9.000 Tonnen Tragkraft, ein Reparaturbereich, 820 Meter Ausrüstungskais. Geplant sind 22 große Schiffsreparaturen im Trockendock pro Jahr, dazu 400 bis 470 weitere Wartungen an den Kaianlagen - der Schiffslift erlaubt zudem, mehrere mittelgroße Einheiten gleichzeitig zu bearbeiten. Casablanca würde damit auf einen Schlag zu einem der leistungsfähigsten Reparaturzentren des Kontinents.
Doch die eigentliche Bedeutung liegt nicht in Metern oder Tonnenzahlen, sondern in der Logik dahinter. Marokko baut seit Jahren keine einzelnen Fabriken, sondern ganze Wertschöpfungsketten auf: die Automobilindustrie als größter Exportsektor, das Luftfahrtcluster in Nouaceur, eine wachsende Eisenbahn- und Energieindustrie. Die Werft fügt sich in dieses Muster. Denn eine Werft repariert nicht nur Schiffe - sie zieht Maschinenbau, Metallverarbeitung, Automatisierungstechnik, Spezialbeschichtungen und Ingenieurdienstleistungen nach sich, dazu Ausbildungszentren und ein Netz mittelständischer Zulieferer. Aus einer Infrastruktur wird so ein industrielles Ökosystem.
Die geografische Lage verstärkt diese Logik. Zwischen Atlantik und Mittelmeer, an einer der meistbefahrenen Handelsrouten der Welt gelegen, könnte Marokko internationalen Reedereien künftig Wartung näher an ihren Routen anbieten - ohne den Umweg zu den etablierten Werften Europas oder Asiens.
Auch Europa blickt interessiert auf die Entwicklung. Deutsche Unternehmen bringen im Maschinen- und Anlagenbau, in der Hafenlogistik, der Automatisierung und Schiffsausrüstung international gefragtes Know-how mit - Potenzial für neue Kooperationen im Rahmen der wachsenden deutsch-marokkanischen Wirtschaftsbeziehungen. Hinzu kommt ein Ziel, das selten mitgedacht wird: Marokko will laut Fachberichten seine Handelsflotte bis 2040 deutlich ausbauen. Die neue Werft wäre dann nicht nur Dienstleister für internationale Kunden, sondern Baustein einer eigenen maritimen Strategie.
Die Konzession ist noch nicht vergeben, und erst der künftige Betreiber wird über Tempo und Umfang der Investitionen entscheiden. Die Richtung aber ist erkennbar: Casablanca baut nicht einfach eine Werft. Die Stadt könnte zum Ausgangspunkt eines neuen industriellen Ökosystems werden - so wie Tanger Med und Kénitra einst den Aufstieg der Automobilindustrie trugen.
Nach Automobilbau, Luftfahrt, Eisenbahn und erneuerbaren Energien könnte der maritime Sektor die nächste Erfolgsgeschichte eines Landes werden, das seine Lage zunehmend in wirtschaftliche Stärke verwandelt.