Marokko vor der Wahl: Wenn Information zur politischen Macht wird
Die Entscheidung eines Wählers beginnt lange vor dem Wahltag. Sie entsteht aus Nachrichten und Interviews, aus Bildern, Zahlen und den Aussagen der Kandidaten. Wer am 23. September in Marokko seine Stimme abgibt, entscheidet deshalb auch auf Grundlage dessen, was er in den Wochen zuvor gesehen, gehört und gelesen hat.

Wie unmittelbar der Wert einer Stimme beschädigt werden kann, wenn sie selbst zur Ware wird, haben wir bereits in unserem Beitrag „Eine Stimme, die verkauft wird – eine Stimme, die sich rächt“ beschrieben. Doch noch bevor eine Stimme abgegeben werden kann, entsteht das politische Urteil, das ihr vorausgeht.
Für die Parlamentswahl 2026 hat die marokkanische Medienaufsicht HACA deshalb besondere Regeln für die audiovisuelle Wahlberichterstattung beschlossen. Sie gelten für öffentliche und private Radio- und Fernsehanbieter während der Wahlperiode vom 15. August bis zum 22. September. Dabei geht es längst nicht mehr allein um die Frage, wie viel Sendezeit eine Partei erhält.
Wer spricht – und wer über wen spricht
Die Medienaufsicht HACA unterscheidet zwischen der tatsächlichen Redezeit von Kandidaten und Parteivertretern und der gesamten Sendezeit, in der über eine politische Kraft gesprochen wird. Denn politische Präsenz entsteht nicht erst dann, wenn ein Kandidat selbst vor der Kamera steht. Auch Berichte, Kommentare und Erwähnungen prägen seine öffentliche Wahrnehmung.
Für die Parteien gelten deshalb abgestufte Regeln entsprechend ihrer parlamentarischen Repräsentation. Auch innerhalb einzelner Wahlkreise soll die Berichterstattung ausgewogen bleiben. Gleichzeitig zieht die Medienaufsicht HACA Grenzen zwischen journalistischer Arbeit und politischem Engagement. Journalisten und Moderatoren, die selbst kandidieren oder öffentlich eine Partei oder Kandidatur unterstützen, dürfen während der entsprechenden Wahlphase nicht mehr im Programm auftreten. Bemerkenswert ist eine weitere Bestimmung: Treten Experten, Analysten, Wissenschaftler oder Influencer in Wahlsendungen auf, müssen bekannte politische Bindungen oder Interessenbeziehungen für das Publikum transparent gemacht werden. Ein vermeintlich unabhängiger Experte soll nicht zum verdeckten Wahlwerber werden.
Wenn ein Bild nicht mehr beweist, was geschehen ist
Neu ist 2026 vor allem der Umgang mit künstlicher Intelligenz. KI-generierte oder manipulierte Wahlkampfinhalte dürfen von audiovisuellen Medien nicht verbreitet werden, wenn sie geeignet sind, das Publikum zu täuschen oder die Wahldebatte zu beeinträchtigen. Werden solche Bilder, Stimmen oder Videos zu journalistischen oder erklärenden Zwecken gezeigt, müssen sie eindeutig als künstlich erzeugt oder verändert gekennzeichnet werden.
Damit erreicht die Frage nach glaubwürdiger politischer Information eine neue Ebene. Eine Aussage kann heute einer Person zugeschrieben werden, die sie nie gemacht hat. Gesichter lassen sich verändern, Stimmen nachbilden, Situationen erzeugen, die nie stattgefunden haben. Die Medienaufsicht HACA bezieht deshalb auch Desinformation ausdrücklich in ihre Regeln ein. Aussagen politischer Akteure dürfen nicht sinnentstellend aus ihrem Zusammenhang gerissen werden; Nachricht und Kommentar sollen unterscheidbar bleiben.
Die neue Macht der Vermittler
Damit verändert sich auch die Rolle derjenigen, die zwischen Politik und Bürger stehen. Früher richtete sich der Blick vor allem auf Journalisten, Radio und Fernsehen. Heute können Influencer, Kommentatoren und digitale Persönlichkeiten innerhalb weniger Stunden ein Publikum erreichen, für das klassische Medien früher Tage benötigten. Genau deshalb ist die Transparenz ihrer politischen oder wirtschaftlichen Interessen entscheidend. Nicht jede politische Botschaft kommt noch von einer Partei, und nicht jede Werbung sieht wie Werbung aus.
Für die Wahl 2026 hat Marokko darauf einen regulatorischen Rahmen gesetzt. Die HACA überwacht während der Wahlperiode die Einhaltung der Regeln; dafür wurde ein eigenes Begleit- und Beobachtungskomitee eingerichtet. Die Wahlurne bleibt der Ort, an dem die Stimme gezählt wird. Welche Informationen der Entscheidung vorausgehen und welche Interessen hinter ihnen stehen, entscheidet sich jedoch lange vorher.