Zum Hauptinhalt springen

Marokko gründet viele Unternehmen – wie werden daraus Arbeitgeber?

In Marokko wurden in den ersten sieben Monaten des Jahres 2026 insgesamt 60.908 Unternehmen gegründet, rund sieben Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Die Zahl bleibt dennoch hoch. Interessanter ist, was hinter ihr entsteht: Welche Unternehmen werden gegründet, und wie viele schaffen den Schritt vom eigenen Geschäft zu einem Betrieb, der wächst und Arbeitsplätze schafft?

 

Quellen

OMPIC: Baromètre de la création d'entreprises
OMPIC / MAP, 6. Mai 2026: DirectEntreprise
Ministerium für Investitionen
Ministerium für digitale Transformation und Verwaltungsreform
laverite.ma

   

Drei Viertel der Neugründungen sind Gesellschaften, ein Viertel Einzelunternehmen. Unter den Gesellschaften dominiert mit 65 Prozent die SARL mit nur einem Gesellschafter, vergleichbar mit einer Ein-Personen-GmbH. Fast alle übrigen sind klassische SARL. Mehr als ein Viertel der neuen Gesellschaften entsteht im Handel, ein weiteres Viertel in Bau und Immobilien, ein Fünftel bei sonstigen Dienstleistungen. Auf die Industrie entfallen gut sechs Prozent. Die Gründungswelle wird damit von Ein-Personen-Gesellschaften geprägt; Handel, Bau und Immobilien sowie Dienstleistungen dominieren die Tätigkeitsfelder.

Das entspricht der marokkanischen Wirtschaftslandschaft. Mikro-, sehr kleine und kleine Unternehmen stellen nach Angaben des Wirtschafts-, Sozial- und Umweltrates (CESE), eines in der Verfassung verankerten Beratungsgremiums, mehr als 98 Prozent der formellen Gesellschaften und bieten 56 Prozent der gemeldeten Arbeitsplätze in der Privatwirtschaft. Zur Wertschöpfung tragen sie jedoch nur rund ein Fünftel bei.

Leichter gründen, schwerer wachsen

Die formale Hürde ist niedriger geworden. Seit März 2025 steht die Plattform DirectEntreprise landesweit zur Verfügung. Sie verbindet unter anderem das Marokkanische Amt für gewerbliches und kommerzielles Eigentum (OMPIC), die Handelsgerichte, die Steuerverwaltung und die Nationale Sozialversicherungskasse (CNSS). Bei vollständigen Unterlagen dauert eine elektronische Gründung nach Angaben des OMPIC durchschnittlich drei Tage. 2026 wurden bereits 44 Prozent aller Unternehmen auf diesem Weg gegründet. Die schwierigere Phase beginnt ohnehin danach.

Zwischen 2017 und 2022 gelang nach Angaben des CESE lediglich 0,2 Prozent der Mikrounternehmen der Aufstieg in die nächsthöhere Größenklasse. Auch Unternehmensausfälle treffen dieses Segment besonders stark. 2024 wurden nach den vom CESE ausgewerteten Daten 15.658 Ausfälle bei Gesellschaften registriert; 99,3 Prozent betrafen sehr kleine Unternehmen, mehr als die Hälfte der betroffenen Firmen war jünger als fünf Jahre.

Als Gründe nennt der CESE den schwierigen Zugang zu Finanzierung, fehlende Managementkompetenz, die Konkurrenz der informellen Wirtschaft und lange Zahlungsfristen. Vor allem ist der Zugang kleiner Unternehmen zu größeren Auftraggebern, öffentlichen Aufträgen, Exportmärkten und den Wertschöpfungsketten großer Unternehmen begrenzt.

Vom Gründen zum Wachsen

Hier setzt die Wirtschaftspolitik inzwischen verstärkt an. Das Förderinstrument der Investitionscharta für sehr kleine, kleine und mittlere Unternehmen sieht drei kombinierbare Prämien vor, die zusammen bis zu 30 Prozent der förderfähigen Investitionssumme erreichen können. Hinzu kommen Instrumente für Finanzierung und Beratung sowie das 2026 gestartete Netzwerk DigiTPME, das die Digitalisierung kleiner Unternehmen fördern soll. Der CESE fordert darüber hinaus einen Small Business Act, ein eigenes Regelwerk für kleine Unternehmen.

Ebenso wichtig ist der Markt selbst. Marokkos Investitionen in Automobilindustrie, Luftfahrt, Batterietechnik, Eisenbahn, Energie und Häfen erzeugen Nachfrage weit über die großen Betriebe hinaus. Der geringe Industrieanteil unter den Neugründungen steht deshalb nur auf den ersten Blick im Widerspruch zur Industrialisierung des Landes.

Ein Ingenieurbüro muss keinen Hochgeschwindigkeitszug bauen, um am Ausbau des Bahnnetzes beteiligt zu sein. Ein kleiner Industriebetrieb muss kein Auto produzieren, um Komponenten zu liefern. Softwareunternehmen können Logistik, Beschaffung oder Wartung digitalisieren, Transportunternehmen Teil neuer industrieller Lieferketten werden.

An unternehmerischer Initiative fehlt es in Marokko nicht. Die nächste Entwicklungsstufe beginnt dort, wo aus Gründungen Arbeitgeber werden.

 

powered by social2s