Marokko entwickelt seine grüne Energie strategisch weiter
Erneuerbare Energien stellen bereits annähernd die Hälfte der installierten Stromleistung Marokkos. Zugleich wächst die Infrastruktur rund um ihre Nutzung: Industrieunternehmen bauen eigene Erzeugungskapazitäten auf, das Stromsystem wird erweitert, und der Phosphatkonzern OCP arbeitet bereits an einer heimischen Wertschöpfungskette für Batteriematerialien.

Marokko verfügt inzwischen über rund 12 Gigawatt installierte Stromerzeugungsleistung, wovon etwa 5,5 Gigawatt auf Windkraft, Wasserkraft und Solarenergie entfallen. Bis 2030 soll dieser Anteil auf mehr als 52 Prozent steigen. Damit verändert sich auch die Aufgabe: Es geht längst nicht mehr allein um zusätzliche Solar- und Windparks. Stromnetze, industrielle Eigenversorgung, Speicher und dezentrale Anwendungen müssen mit der Erzeugung Schritt halten – ein Zusammenspiel, das sich am Beispiel des OCP-Konzerns besonders anschaulich zeigt.
Industrie wird selbst zum Energieproduzenten
OCP Green Energy betreibt in Benguerir eine Photovoltaikanlage mit 67 MWp; zusammen mit den Anlagen in Foum Tizi und Oulad Farès erreicht die erste Ausbaustufe des Solarprogramms 202 MWp und versorgt bereits Bergbau- und Industriestandorte des Konzerns mit erneuerbarem Strom. Im Rahmen seines grünen Investitionsprogramms will der OCP-Konzern bis 2027 fünf Gigawatt erneuerbare Erzeugungskapazität aus Solar- und Windenergie aufbauen, bis 2032 sollen es mindestens 13 Gigawatt sein. Damit erreicht die industrielle Eigenversorgung eine Größenordnung, die weit über einzelne Produktionsstandorte hinausgeht.
Die Ausbauziele sind Teil des 13 Milliarden Dollar umfassenden Green Investment Program von OCP für den Zeitraum 2023 bis 2027. Das Programm beschränkt sich nicht auf erneuerbare Energien, sondern verbindet diese unter anderem mit der Wasser- und Ammoniakversorgung sowie der industriellen Entwicklung des Konzerns.
Zu dieser Infrastruktur gehört auch die Speicherung. In Benguerir hat OCP Green Energy ein Batteriesystem mit 25 Megawatt Leistung und 125 Megawattstunden Kapazität fertiggestellt und unter Spannung gesetzt; nach Leistungstests soll der reguläre Betrieb folgen. Die Investition beziffert OCP auf knapp 170 Millionen Dirham, ergänzt durch 20 Millionen Dollar aus dem Clean Technology Fund der Afrikanischen Entwicklungsbank. Bau- und Elektroarbeiten, Studien und Projektsteuerung wurden nach Unternehmensangaben vollständig mit marokkanischer Expertise umgesetzt.
Grüne Energie wird Teil der industriellen Strategie
Der Konzern verfolgt ein weiterreichendes Ziel: Der gesamte Strombedarf der OCP-Gruppe soll aus sauberer Energie gedeckt werden, verstanden als Bestandteil von Wettbewerbsfähigkeit, Widerstandsfähigkeit und industrieller Transformation. Für die industriellen Standorte soll dieses Ziel bei der Stromversorgung bereits bis 2027 erreicht werden.
Die Verbindung reicht dabei bis zur Batterietechnologie selbst: Gemeinsam mit der Mohammed VI Polytechnic University entwickelt OCP auf Grundlage von Phosphorsäure Materialien für Lithium-Eisenphosphat-Batterien – ein Feld, in dem der Konzern über eigene Rohstoff- und Verarbeitungskompetenz verfügt. Erste leistungsfähige LFP-Materialien und eigene Verfahren sind nach Unternehmensangaben bereits entwickelt und werden für die Industrialisierung hochskaliert; angestrebt wird ein integriertes marokkanisches Ökosystem für LFP-Lithium-Ionen-Batterien. Erneuerbare Energie, industrielle Produktion, Forschung und neue Wertschöpfungsketten greifen damit zunehmend ineinander.
Parallel zur industriellen Entwicklung muss die nationale Infrastruktur zusätzliche erneuerbare Leistung aufnehmen können. Die Regulierungsbehörde ANRE weist für den Zeitraum 2026 bis 2030 eine zusätzliche Aufnahmekapazität des Stromsystems von 10.429 Megawatt für neue Projekte aus – 5.514 Megawatt Solarenergie und 4.915 Megawatt Windkraft. Es handelt sich dabei nicht um bereits gebaute Kraftwerke, sondern um Kapazitäten, für deren Integration das Netz vorbereitet werden soll; der Ausbau der Erzeugung wird damit von der Weiterentwicklung der Netzinfrastruktur begleitet.
Neue Anwendungen jenseits der Großindustrie
Wie unterschiedlich sich grüne Energie inzwischen nutzen lässt, zeigt ein kleineres Projekt von Stellantis in Bouskoura: Dort erprobt der Automobilkonzern eine autonome Ladestation, die Solarstrom, Batteriespeicher und vier Ladepunkte verbindet und ohne Anschluss an das öffentliche Netz arbeitet. Die Anlage nutzt wiederverwendete Batterien aus der Mikromobilität von Stellantis und kann nach Unternehmensangaben täglich bis zu drei Elektrofahrzeuge oder acht Plug-in-Hybride laden – ein zunächst auf ein Jahr angelegtes Pilotprojekt für die dezentrale Anwendung erneuerbarer Energie in der Elektromobilität.
Benguerir und Bouskoura stehen dabei für gegensätzliche Größenordnungen – die Energieversorgung einer Großindustrie auf der einen, eine lokale Anwendung für Fahrzeuge auf der anderen Seite. Beide zeigen dieselbe Richtung: Erneuerbare Energie verbindet sich zunehmend unmittelbar mit wirtschaftlicher Nutzung.
Von Benguerir bis Bouskoura, von der Netzplanung der ANRE bis zur Batterieforschung mit der UM6P: Marokko baut nicht einfach mehr grüne Kraftwerke. Das Land verknüpft Erzeugung, Netz, Industrie und Forschung zu einem Energiesystem, dessen Teile zunehmend aufeinander angewiesen sind – und legt damit ein Fundament, auf dem sich Energieversorgung und industrielle Wertschöpfung künftig enger verbinden lassen als bisher.
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Quellen:
OCP Green Energy, ONEE, IRENA, ANRE, African Development Bank, Stellantis