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Marokko baut Know-how auf – und exportiert es in die Welt

Marokko exportiert längst mehr als Waren und Rohstoffe. Über Jahrzehnte ist technisches, unternehmerisches und organisatorisches Wissen entstanden, das heute weit über die Landesgrenzen hinaus eingesetzt wird. Besonders in Afrika haben marokkanische Unternehmen eigene Strukturen aufgebaut und Erfahrungen gesammelt. Inzwischen reicht diese Entwicklung bis nach Europa und in die USA. Für gut ausgebildete junge Marokkaner entstehen damit anspruchsvolle berufliche Perspektiven im eigenen Land – mit internationaler Reichweite.

 

Quellen:

Attijariwafa Bank: Veröffentlichung der Ergebnisse Ende 2025

Maroc Telecom: Angaben zu den afrikanischen Tochtergesellschaften

TGCC: Angaben zur internationalen Tätigkeit

Le360: Interview mit Alain Juillet, Mai 2024

Ministerium für Wirtschaft und Finanzen Marokko

ONCF: Vereinbarung mit DB Systemtechnik, September 2026

OCP: Angaben zu JESA

e-Solution: Unternehmensangaben

   

Marokkanische Unternehmen planen große Projekte, betreiben komplexe Systeme, bieten Finanz-dienstleistungen über Grenzen hinweg an und behaupten sich auf unterschiedlichen Märkten. Besonders in Afrika haben sie eigene Strukturen aufgebaut und Erfahrungen gesammelt, die inzwischen auch in Europa und den USA zum Tragen kommen. Am deutlichsten zeigt sich das in Afrika. Attijariwafa bank, die größte Bank des Landes, ist heute in zahlreichen Ländern West-, Zentral- und Nordafrikas vertreten. Ende 2025 erwirtschaftete ihr internationales Privatkundengeschäft bereits knapp ein Drittel des Nettobankertrags, also der Erträge aus dem eigentlichen Bankgeschäft. Maroc Telecom wiederum betreibt über seine afrikanischen Tochtergesellschaften Telekommunikationsnetze in Mauretanien, Mali, Gabun, Benin, Niger, Tschad und weiteren Ländern. In mehreren dieser Märkte gehören Breitband, 4G und mobile Finanzdienstleistungen zum Geschäft. Marokkanische Unternehmen exportieren damit nicht nur Kapital, sondern Erfahrung im Aufbau und Betrieb wirtschaftlicher Strukturen.

Ähnliches geschieht bei Bau und Infrastruktur. Das marokkanische Bauunternehmen TGCC ist seit 2014 in Subsahara-Afrika aktiv. Von der Elfenbeinküste aus weitete es seine Tätigkeit unter anderem auf Senegal, Guinea und Gabun aus. Dort errichtet es Wohnungen ebenso wie Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen, Industrieanlagen und öffentliche Infrastruktur. TGCC selbst bezeichnet diese Tätigkeit ausdrücklich als Export seines Know-hows. Alain Juillet, einst Nachrichtendienstdirektor des französischen Auslandsgeheimdienstes DGSE, formulierte 2024 zugespitzt, Marokko habe Frankreich in Afrika abgelöst. Er meinte vor allem die Expansion marokkanischer Unternehmen und Banken, während französische Akteure an Boden verloren.

Der Export von Erfahrung beschränkt sich nicht auf Unternehmen. Im April 2026 unterzeichneten Marokko und die Afrikanische Entwicklungsbank eine Absichtserklärung über eine Zusammenarbeit bei Steuerverwaltung und Mobilisierung staatlicher Einnahmen. Marokko stellt dafür eigenes Fachwissen sowie personelle und logistische Ressourcen zur Verfügung, um Verantwortliche in Mitgliedsländern der Bank fortzubilden. Exportiert wird hier institutionelle Erfahrung: Wissen darüber, wie staatliche Einnahmen mobilisiert werden.

Diese Reichweite endet nicht in Afrika. In Europa zeigt sie sich in einer Form, die weniger Export als Austausch ist. Die staatliche marokkanische Eisenbahngesellschaft ONCF und die Deutsche Bahn schlossen 2023 ein Rahmenabkommen, das vor allem den Ausbau des marokkanischen Netzes mit deutscher Beratung und Ingenieurleistung unterstützen soll. Im September 2026 folgte eine Vereinbarung mit der DB-Tochter DB Systemtechnik über Engineering, Wartung und technische Innovation. Die ONCF will dabei deutsches Fachwissen nutzen und zugleich ihre eigene Erfahrung aus Betrieb und Instandhaltung des Hochgeschwindigkeitsverkehrs einbringen, den sie seit 2018 mit Al Boraq betreibt. Der Wissensfluss verläuft hier in beide Richtungen: Marokko ist nicht nur Empfänger, sondern bringt eigene Kompetenz in die Partnerschaft ein.

Noch unmittelbarer zeigt sich die internationale Bedeutung marokkanischen Know-hows beim Engineering. JESA wurde 2010 als Gemeinschaftsunternehmen des staatlichen Phosphatkonzerns OCP und des US-Ingenieurkonzerns Jacobs gegründet; 2019 übernahm der australische Konzern Worley den Anteil von Jacobs. Das Unternehmen sitzt in Marokko und arbeitet in Bergbau, Chemie, Energie, Industrie, Infrastruktur, Wasser und Umwelt. OCP bezeichnet JESA als größte marokkanische Engineeringgruppe und als führend auf dem afrikanischen Kontinent. Ingenieure unterschiedlicher Herkunft arbeiten dort, doch der Kern der Planungsstruktur liegt in Marokko. Von dort aus werden technische Leistungen für Projekte weltweit erbracht.

In der digitalen Wirtschaft braucht es dafür weder Fabrik noch Großbaustelle. Das marokkanische Unternehmen e-Solution entwickelt in Casablanca die Unternehmensplattform SEMS, mit der unter anderem Beschaffung, Lieferanten, Verträge, Qualität und Risiken digital verwaltet werden. Das Unternehmen ist inzwischen auch in New York präsent und richtet seine Software auf den amerikanischen Markt aus. Das exportierte Gut lässt sich hier nicht mehr in Tonnen, Containern oder Fahrzeugen messen. Es besteht aus Programmierung und Prozesswissen.

Hinter all diesen Beispielen stehen Menschen: Finanzfachleute, Ingenieure, Techniker, Entwickler. Der Export von Know-how ist deshalb zugleich eine Geschichte über die Qualität der Arbeit, die in Marokko entstanden ist. Für gut ausgebildete junge Marokkaner eröffnet das eine Möglichkeit, die lange fehlte. Eine internationale Karriere war für Ingenieure, Informatiker und andere Spezialisten häufig mit dem Weg ins Ausland verbunden, und für viele ist sie es bis heute. Doch marokkanische Unternehmen arbeiten inzwischen selbst über Grenzen hinweg. Wer im Land bleibt, kann von dort aus an Projekten in Westafrika oder für den amerikanischen Markt mitwirken.

Marokkos wirtschaftliche Präsenz in Afrika hat diesen Weg vor Jahren eröffnet. Heute findet marokkanisches Know-how auch in Europa und auf dem amerikanischen Markt seinen Platz. Für eine neue Generation qualifizierter Marokkaner entsteht so internationale Arbeit, deren Ausgangspunkt Marokko ist.

Siehe auch:

 

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