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Made in Morocco: Wie viel Marokko steckt wirklich darin?

Marokko produziert Autos, Flugzeugteile, Batteriematerialien und Komponenten für Züge. Neue Fabriken entstehen, internationale Konzerne investieren, die Exporte wachsen. Doch die entscheidende Frage beginnt erst hinter dem Werkstor: Wie viel des wirtschaftlichen und technologischen Wertes eines Produkts entsteht tatsächlich in Marokko?

Marokko vom Produktionsstandort zur eigenen Wertschöpfung. Foto mit Hilfe von ChatGPT zusammengestellt

Ein Auto kann in Kenitra vom Band laufen und dennoch zahlreiche importierte Komponenten enthalten. Ein Bauteil für einen Zug kann in Fès gefertigt werden, während Konstruktion und Entwicklung andernorts stattfinden. Umgekehrt kann ein Unternehmen mit ausländischen Eigentümern marokkanische Zulieferer beschäftigen, Ingenieure ausbilden und Entwicklung ins Land verlagern. Der Produktionsort allein sagt deshalb wenig darüber aus, wie tief eine Industrie in der marokkanischen Wirtschaft verwurzelt ist.

Genau diese Frage gewinnt an Bedeutung. Marokko hat die erste Phase seiner Industrialisierung erfolgreich genutzt, um internationale Hersteller anzuziehen und sich in globale Lieferketten einzufügen. Die nächste Stufe besteht darin, innerhalb dieser Lieferketten einen größeren Teil der Wertschöpfung selbst zu übernehmen.

Vom Montagewerk zum industriellen Ökosystem

Am deutlichsten lässt sich diese Entwicklung in der Automobilindustrie beobachten. Das Stellantis-Werk in Kenitra erreichte bereits vor einigen Jahren nach Angaben des Industrieministeriums einen lokalen Integrationsgrad von 69 Prozent. Bis 2030 strebt der Konzern 75 Prozent an; zugleich sollen die Einkäufe bei in Marokko ansässigen Zulieferern auf mehr als sechs Milliarden Euro steigen. Das Werk erweitert außerdem seine Produktion auf neue Fahrzeugplattformen, Motoren, elektrische Kleinfahrzeuge und Ladestationen.

Interessanter als die steigenden Stückzahlen ist, dass inzwischen auch technische Arbeit nach Marokko verlagert wird. Stellantis stützt sich auf ein marokkanisches Engineering-Ökosystem mit mehr als 4.000 Ingenieuren und höheren Technikern. Elektrische Kleinfahrzeuge wurden unter Beteiligung dieser Strukturen entwickelt. Damit verändert sich die Rolle des Landes: Es stellt nicht mehr ausschließlich Arbeitskräfte und Produktionsflächen bereit, sondern übernimmt zunehmend Aufgaben, die Wissen und Entwicklungskompetenz voraussetzen.

Die Luftfahrtindustrie zeigt zugleich, dass dieser Prozess von Branche zu Branche unterschiedlich weit fortgeschritten ist. Im Sommer 2026 zählte das marokkanische Ökosystem mehr als 155 Unternehmen und über 25.000 Beschäftigte. Der offiziell angegebene lokale Integrationsgrad liegt bei 42 Prozent. In Marokko werden inzwischen Präzisionsteile bearbeitet, Verbundwerkstoffe verarbeitet, Kabelsysteme und Blechteile gefertigt, Oberflächen behandelt sowie Montage- und Wartungsarbeiten ausgeführt.

Die Prozentwerte von Automobil- und Luftfahrtindustrie sind allerdings nicht ohne Weiteres miteinander vergleichbar. Je nach Branche und Unternehmen kann „lokale Integration“ unterschiedlich berechnet werden. Aussagekräftiger ist daher die Frage, welche Produktionsschritte tatsächlich im Land stattfinden und welche Fähigkeiten dafür aufgebaut werden.

Batterien zeigen einen anderen Weg

Bei der entstehenden Batterieindustrie beginnt Marokko nicht mit einem klassischen Montagewerk. Das 2025 eröffnete COBCO-Werk in Jorf Lasfar produziert Vorprodukte für NMC-Kathoden. Die Industrieplattform ist darüber hinaus auf die Verarbeitung kritischer Metalle und weitere Stufen der Batterie-Wertschöpfung ausgerichtet. Dabei spielen auch in Marokko vorhandene Rohstoffe wie Phosphat, Kobalt und Mangan eine Rolle.

Das verändert die Perspektive. Der wirtschaftliche Wert eines Elektroautos entsteht nicht erst beim Zusammenbau des Fahrzeugs. Er verteilt sich über Rohstoffe, chemische Verarbeitung, Kathodenmaterialien, Batteriezellen, Elektronik, Software und schließlich die Fahrzeugproduktion. Je mehr dieser Schritte innerhalb Marokkos stattfinden, desto größer ist der Anteil der Wertschöpfung, der im Land verbleiben kann.

Gerade deshalb lässt sich die Entwicklung der Batterieindustrie kaum sinnvoll auf eine einzige Integrationsquote reduzieren. Entscheidend ist, welche zusätzlichen Stufen der industriellen Kette Marokko übernimmt.

Wenn aus Fertigung auch Ingenieurarbeit wird

Auch die Eisenbahnindustrie liefert dafür ein anschauliches Beispiel. Im Alstom-Werk in Fès entstehen bereits elektrische Schaltschränke, Kabelbäume und Mitrac-Transformatoren für Schienenfahrzeuge, die weltweit eingesetzt werden. Das Werk gehört zu lediglich zwei eigenen Kabelproduktionsstandorten des Konzerns weltweit.

Nun geht Alstom einen Schritt weiter. Der Konzern investiert 100 Millionen Dirham in zusätzliche industrielle Kapazitäten. In Marokko entsteht die erste dedizierte Multi-Plattform-Produktionslinie des Unternehmens für Führerpulte von Zügen. Gleichzeitig wird die Transformatorenproduktion ausgebaut und ein Entwicklungs- und Ingenieurbüro eingerichtet. Mehr als 200 zusätzliche direkte Arbeitsplätze sind vorgesehen.

Gerade das Ingenieurbüro ist für die industrielle Entwicklung bedeutsam. Eine Fabrik schafft Produktion und Beschäftigung. Entwicklungskapazitäten schaffen zusätzlich Wissen, Erfahrung und Fachkräfte, die sich auch außerhalb eines einzelnen Unternehmens nutzen lassen. Aus einem Fertigungsstandort kann so schrittweise ein industrielles Ökosystem entstehen.

Was „Made in Morocco“ künftig bedeuten kann

  Quellen: Marokkanisches Ministerium für Industrie und Handel, MAP, Alstom, laverite.ma
   

Diese Unterscheidung wird wichtiger, je stärker Marokko seine Industrie ausbaut. La Vérité weist in seiner aktuellen Analyse auf einen entscheidenden Unterschied hin: Ein in Marokko registriertes Unternehmen kann einen Großteil seiner Komponenten importieren. Umgekehrt kann ein internationaler Konzern in Marokko produzieren, Fachkräfte ausbilden und bei heimischen Zulieferern einkaufen. Firmensitz, Produktionsort und tatsächlich im Land geschaffener Wert sind drei verschiedene Größen.

Auch die Handelszahlen machen deutlich, warum diese Frage relevant ist. Marokko importierte 2025 Waren im Wert von 822,2 Milliarden Dirham und exportierte 469,1 Milliarden. Ein Teil der Einfuhren besteht aus Maschinen, industriellen Vorprodukten und Ausrüstung, die wiederum für die Produktion im Land benötigt werden. Ein wachsendes Handelsdefizit bedeutet deshalb nicht automatisch, dass die Industrialisierung scheitert. Neue Fabriken können zunächst zusätzliche Maschinen und Komponenten aus dem Ausland benötigen, bevor sie selbst mehr produzieren und exportieren.

Die nächste Etappe der marokkanischen Industriepolitik lässt sich daher nicht allein an der Zahl neuer Werke oder am Exportwert messen. Entscheidend wird, was zwischen Werkstor und fertigem Produkt in Marokko geschieht: Welche Komponenten stammen von marokkanischen Zulieferern? Welche Maschinen und Materialien werden im Land hergestellt? Wo sitzen die Ingenieure? Wo findet Forschung statt? Und wo entsteht das Wissen, aus dem später eigene Produkte und Unternehmen hervorgehen können?

Dann bekommt „Made in Morocco“ eine tiefere Bedeutung. Es bezeichnet nicht nur den Ort, an dem ein Produkt hergestellt wurde, sondern zunehmend auch den Ort, an dem sein Wert entsteht.

 

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