Kénitra wird Teil von Volkswagens europäischer Batteriekette
Volkswagen steigt in Marokkos wachsende Batterieindustrie ein. Gemeinsam mit dem chinesischen Batteriehersteller Gotion High-Tech will der Konzern in Kénitra jährlich rund 100.000 Tonnen Kathodenmaterial für LFP-Batterien herstellen. Der Standort wird damit Teil einer Lieferkette, die Marokko mit den europäischen Batteriewerken in Spanien und der Slowakei verbindet.

Hinter der Vereinbarung steht mehr als eine neue deutsch-chinesische Investition. Volkswagen steigt in ein Projekt ein, das Marokko seit zwei Jahren gemeinsam mit Gotion vorantreibt und staatlich begleitet. Im Juni 2024 unterzeichnete die marokkanische Regierung mit Gotion High-Tech das Investitionsabkommen für die erste Phase einer Gigafactory in Kénitra. Die Afrikanische Entwicklungsbank beschreibt das Vorhaben als erste integrierte LFP-Batteriefabrik Afrikas und der MENA-Region. Sie soll die gesamte Kette vom Kathodenmaterial bis zur Zelle abdecken.
Die derzeit von der Afrikanischen Entwicklungsbank finanzierte Ausbaustufe umfasst 10 Gigawattstunden Batteriezellen und -packs jährlich. Das Gesamtprojekt ist langfristig auf eine Kapazität von bis zu 100 Gigawattstunden ausgelegt. Im Juli 2026 genehmigte die Bank dafür einen Kredit über 100 Millionen Euro. Weitere bis zu 141 Millionen Euro will sie bei anderen Geldgebern mobilisieren.
Der marokkanische Staat beschränkt sich nicht darauf, Grundstücke und Infrastruktur bereitzustellen. Im November 2024 vereinbarten Gotion und die staatliche Hinterlegungs- und Verwaltungskasse (Caisse de Dépôt et de Gestion, CDG), Marokkos größter institutioneller Investor, eine strategische Partnerschaft. Ihre Investmenttochter CDG Invest soll über den Industriefonds NAMA Anteile an der Projektgesellschaft Gotion Power Morocco übernehmen. Gotion nennt im Zusammenhang mit dieser Vereinbarung ein Engagement von 300 Millionen Euro für die erste Projektphase. Wie hoch die staatliche Beteiligung heute ist, geht aus den öffentlich zugänglichen Unterlagen nicht hervor.
Drei Standorte, eine Lieferkette
Gotion ist für Volkswagen kein neuer Partner. Der Konzern stieg bereits 2020 bei dem chinesischen Batteriehersteller ein; seither arbeiten beide bei Batteriezellen und Batterietechnologien zusammen. Nun ordnen sie diese Partnerschaft industriell neu.
Drei Gemeinschaftsunternehmen sollen eine gemeinsame Lieferkette für Europa bilden. In Valencia wird die im Bau befindliche PowerCo-Gigafactory in ein Gemeinschaftsunternehmen überführt, an dem PowerCo 51 und Gotion 49 Prozent halten. Gotion zahlt dafür rund 1,1 Milliarden Euro. Im slowakischen Šurany bringt Gotion seine Zellfabrik ein; dort ist das Verhältnis umgekehrt.
Kénitra übernimmt die vorgelagerte Stufe: Das dort hergestellte Kathodenmaterial soll vorrangig die beiden europäischen Zellwerke versorgen. PowerCo will bis 2030 rund 470 Millionen Euro in seine Beteiligungen in Kénitra und Šurany investieren. Volkswagen übernimmt damit nicht 49 Prozent der gesamten Gotion-Gigafactory in Marokko, sondern 49 Prozent des neuen Gemeinschaftsunternehmens für Kathodenmaterial. Als Ziele nennt der Konzern die Diversifizierung seiner Bezugsquellen und eine höhere Versorgungssicherheit.
Warum Kénitra wichtig wird
|
Quellen: Volkswagen Group / PowerCo, 2026 * Gotion High-Tech, 2026 * Afrikanische Entwicklungsbank, 2026 * CDG * Gotion Power Morocco * laverite.ma |
|
LFP-Batterien kommen bei der Kathode ohne Nickel und Kobalt aus und gewinnen vor allem für günstigere Elektrofahrzeuge an Bedeutung. Volkswagen erwartet, dass ihr Anteil am europäischen Batteriemarkt von derzeit rund zehn Prozent bis 2030 auf 40 bis 60 Prozent steigt.
Für Marokko liegt die Bedeutung daher weniger in einer weiteren Fabrik als in der Position innerhalb der Wertschöpfungskette. Die Automobilindustrie des Landes wächst über die Fahrzeugmontage hinaus. Auf die Werke von Renault und Stellantis folgten internationale Zulieferer; mit Kathodenmaterial, Zellen und Batteriepacks kommen nun weitere Stufen hinzu.
Volkswagens Einstieg zeigt den nächsten Effekt dieser Entwicklung: Eine chinesische Großinvestition zieht einen europäischen Automobilkonzern in dieselbe marokkanische Industriestruktur. Kénitra wird so zum Knotenpunkt zwischen Wirtschaftsräumen, die häufig als Konkurrenten gelten. Gotion bringt Batterietechnologie und industrielle Erfahrung ein, Volkswagen den Zugang zu seiner europäischen Batterie- und Fahrzeugproduktion. Marokko hat die industrielle Grundlage geschaffen, begleitet deren Ausbau strategisch und will über die CDG auch staatliches Kapital einbringen.