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Häfen, Wasserstoff, Europa: Marokkos Weg zum Energiehub

Im Zuge der Dekarbonisierung der internationalen Schifffahrt positioniert sich Marokko als strategischer Standort für grünen Wasserstoff und alternative Schiffstreibstoffe. Die Kombination aus erneuerbaren Ressourcen, leistungsfähigen Häfen und Nähe zu Europa eröffnet dem Königreich eine Schlüsselrolle in einem entstehenden globalen Markt.

Erklärendes Bild mit Hilfe von ChatGPT erstellt

In einer Phase tiefgreifender Umbrüche im globalen Seeverkehr rückt Marokko zunehmend als strategischer Akteur in den Fokus. Die internationale Schifffahrt steht unter wachsendem Druck, ihre CO₂-Emissionen deutlich zu senken, während das Transportvolumen weiter steigt. Nach Einschätzung der Weltbank befindet sich die Branche an einem Wendepunkt: Alternative Kraftstoffe auf Basis von grünem Wasserstoff, insbesondere grünes Ammoniak und grünes Methanol, gelten als zentrale Bausteine für eine klimafreundlichere maritime Zukunft.

Vor diesem Hintergrund eröffnet sich für Marokko die Chance, frühzeitig an der Entstehung eines neuen globalen Marktes mitzuwirken. Der erwartete Bedarf an grünem Wasserstoff und seinen Derivaten ist erheblich - nicht nur für die Schifffahrt, sondern auch für Industrie, Energieerzeugung und Chemie. Neben klimapolitischen Effekten verspricht dieser Strukturwandel auch wirtschaftliche und soziale Impulse, etwa durch neue Arbeitsplätze, zusätzliche Einnahmen sowie positive Effekte auf die lokale Energie- und Wasserversorgung.

Die Entwicklung dieser Wertschöpfungskette wird in Marokko durch staatliche und private Akteure gemeinsam vorangetrieben. Koordiniert von der Agentur für nachhaltige Energie (Masen) und dem Cluster Green H2 arbeiten inzwischen mehr als 80 Unternehmen und Institutionen an der Etablierung eines wettbewerbsfähigen Wasserstoff-Ökosystems.

Vier Häfen als Rückgrat der maritimen Wasserstoffstrategie

Eine zentrale Rolle spielen dabei vier strategisch gelegene Häfen, die unterschiedliche Funktionen innerhalb der künftigen Wertschöpfung übernehmen sollen.

Tanger Med, am Eingang zur Straße von Gibraltar gelegen, zählt zu den verkehrsreichsten Umschlagplätzen der Welt. Der Hafen verarbeitet bereits rund 1,5 Millionen Tonnen fossile Schiffstreibstoffe pro Jahr und gilt als idealer Standort für den Aufbau eines grünen Bunker-Hubs, der vorbeifahrende Schiffe mit klimafreundlichen Treibstoffen versorgen könnte.

Jorf Lasfar, ein industrieller Tiefwasserhafen, ist eng mit der marokkanischen Schwerindustrie und dem OCP-Konzern verbunden. Der Hafen wickelt derzeit etwa zwei Millionen Tonnen Ammoniak pro Jahr ab. Künftig könnten dort grüne Ammoniakderivate in bestehende industrielle Prozesse integriert werden, insbesondere zur Dekarbonisierung der Düngemittelproduktion.

Mohammedia bietet aufgrund nahegelegener Salzkavernen besondere Vorteile für die großskalige Speicherung von Wasserstoff. Studien zufolge könnte diese Form der Speicherung die Kosten um rund 0,16 Euro pro Kilogramm gegenüber alternativen Speicherlösungen senken und so die Wirtschaftlichkeit der gesamten Kette verbessern.

Tan-Tan, bislang infrastrukturell weniger entwickelt, verfügt über außergewöhnlich günstige Solar- und Windbedingungen. Der Standort eignet sich insbesondere für die kostengünstige Erzeugung von grünem Wasserstoff, der anschließend in andere Hafenstandorte transportiert oder exportiert werden könnte.

Wettbewerbsfähige Kosten und europäische Nachfrage

Über die maritime Nutzung hinaus besitzt Marokko strukturelle Vorteile als Produzent von grünem Wasserstoff zu niedrigen Kosten. Nach Einschätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) könnten die Produktionskosten bis 2050 zwischen 1,5 und 2,5 US-Dollar pro Kilogramm liegen. Ambitioniertere Szenarien gehen sogar von 0,6 bis 1,3 US-Dollar pro Kilogramm aus - Werte, die Marokko im internationalen Vergleich äußerst wettbewerbsfähig machen.

Auf der Nachfrageseite spielt Europa eine zentrale Rolle. Im Rahmen der Initiative REPowerEU wird der Importbedarf der EU auf mehr als zehn Millionen Tonnen grünen Wasserstoffs pro Jahr ab 2030 geschätzt. Damit rückt Marokko als geografisch naher, politisch stabiler und infrastrukturell angebundener Partner in eine Schlüsselposition.

Projektionen gehen davon aus, dass marokkanische Exporte bis 2030 zwischen 0,3 und 0,65 Millionen Tonnen erreichen könnten. Bis 2050 werden Mengen von 3,4 bis 9,5 Millionen Tonnen für möglich gehalten. Parallel dazu wächst die inländische Nachfrage, insbesondere durch den OCP-Konzern, der plant, bis 2027 rund eine Million Tonnen und bis 2032 etwa drei Millionen Tonnen grünes Ammoniak zu nutzen.

Die Kombination aus leistungsfähigen Häfen, außergewöhnlichen erneuerbaren Ressourcen und einer strategischen Lage an zentralen Seehandelsrouten verschafft Marokko strukturelle Vorteile in einem entstehenden Zukunftsmarkt. Das Königreich entwickelt sich damit schrittweise zu einem regionalen Energie- und Logistikknotenpunkt und zu einem relevanten Akteur der globalen Wasserstoffwirtschaft - mit Bedeutung weit über den maritimen Sektor hinaus.