Frankreich und Marokko: Ein historischer Vertrag für eine neue Ära
Was im Frühjahr noch vor allem als außergewöhnliches politisches Vorhaben angekündigt wurde, hat inzwischen deutlichere Konturen bekommen. Frankreich und Marokko arbeiten an einem bilateralen Vertrag, der ihre Beziehungen langfristig neu ordnen soll.

Bei der 15. französisch-marokkanischen Regierungskonsultation im Juli in Rabat wurde die Arbeit daran ausdrücklich bestätigt. Damit wird konkreter, worüber wir bereits im Mai berichtet hatten. Damals hatten Außenminister Nasser Bourita und sein französischer Amtskollege Jean-Noël Barrot bestätigt, dass eine Staatsvisite König Mohammeds VI. in Frankreich vorbereitet wird und ein außergewöhnlicher Partnerschaftsvertrag dabei eine zentrale Rolle spielen soll.
Von der Aussöhnung zur neuen Partnerschaft
Der Vertrag steht am Ende einer politischen Annäherung, die 2024 eine entscheidende Wende nahm. Eine entscheidende Rolle spielte dabei die veränderte französische Position zur Westsahara: Präsident Emmanuel Macron erklärte im Juli 2024, dass für Frankreich Gegenwart und Zukunft der Westsahara im Rahmen marokkanischer Souveränität liegen und der marokkanische Autonomieplan die Grundlage für eine politische Lösung bilde.
Im Oktober 2024 folgte Macrons Staatsbesuch in Marokko. König Mohammed VI. und der französische Präsident begründeten dabei eine „verstärkte außergewöhnliche Partnerschaft“. Seitdem fanden nach Angaben der marokkanischen Regierung mehr als 40 hochrangige Treffen statt. Die Regierungskonsultation am 16. Juli 2026 in Rabat markierte den nächsten Schritt. Aziz Akhannouch und der französische Premierminister Sébastien Lecornu führten die Beratungen mit großen Delegationen beider Regierungen. Akhannouch erklärte anschließend, die 2024 begründete Partnerschaft sei inzwischen in die Phase ihrer vollständigen Umsetzung eingetreten.
Die Partnerschaft wird konkret
Elf neue Vereinbarungen und Kooperationsinstrumente erweiterten im Juli den bestehenden Rahmen. Sie betreffen unter anderem Verkehr, Wasser, Bildung, Kultur, Landwirtschaft, Forschung und Luftfahrt. Bestätigt wurde beispielsweise die Umsetzung der Finanzierung für die Hochgeschwindigkeitsstrecke Kénitra–Marrakesch. Für die Wasserpolitik wurde die 2024 vereinbarte Zusammenarbeit weiter konkretisiert, für die zivile Luftfahrt ein gemeinsamer Aktionsplan für 2026 bis 2028 beschlossen. Damit bekommt der geplante Vertrag bereits vor seiner Unterzeichnung einen praktischen Unterbau. Die Zusammenarbeit reicht inzwischen von Wirtschaft und Industrie über Infrastruktur und Sicherheit bis zu Bildung, Forschung und Kultur.
Doch der Vertrag soll mehr sein als die Summe einzelner Vereinbarungen. Lecornu sprach in Rabat von einem langfristigen Rahmen für die Beziehungen der kommenden Jahrzehnte. Wie weit dieser Anspruch reicht, machte das französische Außenministerium besonders anschaulich: Es bezeichnete den geplanten Vertrag als eine Art Gegenstück zum Aachener Vertrag zwischen Frankreich und Deutschland. Der Vergleich ist bemerkenswert. Der Aachener Vertrag von 2019 ergänzte den Élysée-Vertrag und vertiefte die institutionelle Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich in zahlreichen Bereichen. Der französisch-marokkanische Vertrag wird nicht mit ihm identisch sein. Doch dass Paris selbst diesen Vergleich zieht, zeigt, welche Bedeutung dem Vorhaben beigemessen wird.
Auch die Zusammensetzung des gemeinsamen Comité de Sages (Rat der Weisen) zeigt, dass der Vertrag weit über klassische Diplomatie hinausgedacht wird. Nach übereinstimmenden Medienberichten gehören ihm sechs marokkanische und fünf französische Persönlichkeiten aus Politik, Diplomatie, Wirtschaft, Industrie und Kultur an. Die vollständige Zusammensetzung ist bislang allerdings nicht von beiden Regierungen offiziell veröffentlicht worden. Auf französischer Seite koordiniert der frühere Außenminister Hubert Védrine die Arbeiten. Hinzu kommen die ehemalige Verteidigungsministerin Florence Parly, der Verwaltungsratspräsident des Luftfahrt- und Technologiekonzerns Safran Ross McInnes, die frühere Ministerin Sarah El Haïry und der ehemalige Generalsekretär des französischen Außenministeriums Christian Masset. Die marokkanische Seite wird von Chakib Benmoussa, Hochkommissar für Planung und ehemaliger Botschafter in Paris, koordiniert. Weitere Mitglieder sind Mostafa Terrab, Vorstandsvorsitzender der OCP-Gruppe, die frühere Staatssekretärin Mounia Boucetta, Driss El Yazami vom Rat der marokkanischen Gemeinschaft im Ausland sowie die Schriftsteller und Intellektuellen Leïla Slimani und Rachid Benzine.
Die Auswahl ist aufschlussreich: Neben Diplomatie und Politik kommen die Mitglieder aus Industrie, Wirtschaft, Verteidigung, Bildung, Kultur und gesellschaftlichen Institutionen. Der Vertrag soll damit offenbar nicht nur das Verhältnis zweier Regierungen ordnen, sondern unterschiedliche Ebenen der französisch-marokkanischen Beziehungen miteinander verbinden. Die Ergebnisse der Beratungen sind bislang nicht veröffentlicht.
Ein Vertrag für die kommenden Jahrzehnte
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Quellen: Französisches Außenministerium; französische Regierung; maroc.ma; atalayar.com. |
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Die geplante Staatsvisite Mohammeds VI. in Frankreich soll einen weiteren Höhepunkt dieser Entwicklung bilden. Als möglicher Zeitraum wird Anfang 2027 genannt; einen offiziellen Termin haben Rabat und Paris bislang nicht bekanntgegeben. Der Vertrag selbst ist ebenfalls noch nicht abgeschlossen. Doch vieles von dem, was er langfristig ordnen soll, nimmt bereits Gestalt an: gemeinsame Regierungsmechanismen, wirtschaftliche Großprojekte, neue sektorale Vereinbarungen und ein politischer Rahmen, der die Beziehungen über einzelne Regierungsperioden hinaus stabilisieren soll.
Aus der politischen Aussöhnung der vergangenen Jahre entsteht Schritt für Schritt eine neue Architektur der französisch-marokkanischen Beziehungen. Der geplante Partnerschaftsvertrag soll ihr einen dauerhaften Rahmen geben.