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Ein modernes Marokko sucht eine moderne politische Kultur

Marokko hat sich in den vergangenen Jahrzehnten sichtbar verändert. Häfen, Hochgeschwindigkeitszüge, neue Industrien, erneuerbare Energien und eine selbstbewusstere internationale Rolle stehen für ein Land, das seine Zukunft mit großen Ambitionen gestaltet. Umso auffälliger ist ein anderer Befund: Ein beträchtlicher Teil der Gesellschaft erkennt diese Dynamik in der politischen Kultur des Landes kaum wieder. Wenige Tage vor den Parlamentswahlen stellt sich deshalb eine Frage, die über Parteien und Kandidaten hinausgeht: Hat sich Marokko schneller modernisiert als seine Politik?

Wahlen in Maokko. Bild mit Hilfe von ChatGPT erstellt

Abdelhak Najib findet dafür in seinem jüngsten Editorial ein Bild, das so überzeichnet wie einprägsam ist. Marokko fahre mit dem Anspruch eines Ferrari, schreibt er sinngemäß, aber auf den Reifen eines Renault 4. Man kann über das Bild schmunzeln. Über die Frage dahinter weniger.

Am 23. September 2026 wählen die Marokkaner ein neues Repräsentantenhaus mit 395 Abgeordneten. 27 Parteien treten an. Die entscheidende Herausforderung dieser Wahl könnte jedoch weniger darin bestehen, welche Partei am Ende vorne liegt. Sie besteht darin, ob es den Parteien gelingt, wieder eine Verbindung zu einer Gesellschaft herzustellen, die sich in vielen Bereichen schneller verändert hat als ihre politische Repräsentation (Quelle: Offizielles Wahlportal 2026).

Abdelhak Najibs Editorial ist deshalb ein guter Anlass, nicht noch einmal über Wahlprogramme und Parteivorsitzende zu sprechen. Es lohnt sich, über den Zustand der politischen Kultur selbst zu sprechen.

Ein Land verändert sich – seine Politik auch?

Najib beginnt philosophisch. Er erinnert an Gabriel Marcel und dessen 1945 erschienenes Werk Homo Viator. Hoffnung, so der Gedanke, sei keine passive Erwartung, dass am Ende alles gut werde. Sie setze die Überzeugung voraus, dass Erneuerung möglich ist. Najib überträgt diesen Gedanken auf die marokkanische Politik. Und dann stellt er eine ebenso einfache wie unbequeme Frage: Es könne doch nicht sein, dass Marokko innerhalb von zwanzig Jahren keine neue politische Generation hervorgebracht habe. Junge Menschen mit politischem Interesse müssten ebenso vorhanden sein wie engagierte Vertreter der Zivilgesellschaft und gut ausgebildete Technokraten, die Vorstellungen für das Marokko von morgen besitzen. Stattdessen, so seine Kritik, begegne man in den Parteien immer wieder denselben Namen und Gesichtern.

Unter den rund 15,8 Millionen registrierten Wählern stellen die unter 35-Jährigen nur noch 18 Prozent. Die über 60-Jährigen kommen dagegen auf 30 Prozent. Besonders auffällig ist die Gruppe der 18- bis 24-Jährigen: Sie macht lediglich drei Prozent der registrierten Wählerschaft aus (Finances News Hebdo, August 2026). Eine im Juli vorgestellte Untersuchung zeichnet dazu ein aufschlussreiches Bild: 87 Prozent der befragten jungen Menschen sprechen über Politik, während 84 Prozent keinerlei Verbindung zu einer Partei haben (LOGOS, Forschungslabor für Kommunikation und Philosophie, Université Hassan II, 12. Juli 2026).

Politisch interessiert, aber politisch kaum gebunden

Auch andere Untersuchungen weisen in diese Richtung. Unter den 18- bis 35-Jährigen äußern lediglich 37 Prozent Vertrauen in das Parlament, bei kommunalen Vertretungen sind es 34 Prozent, beim Regierungschef sowie bei Regierungs- und Oppositionsparteien jeweils 33 Prozent – durchweg niedriger als bei älteren Befragten (Quelle: Afrobarometer).

Die Distanz richtet sich also nicht gegen Politik als solche, sondern gegen ihre traditionellen Orte: In Parteien und Institutionen erkennen viele junge Menschen offenbar nicht mehr den Raum, in dem ihr politisches Interesse wirksam werden kann. Das ist für ein Land wie Marokko besonders bemerkenswert. Eine neue Generation ist mit einer anderen Wirklichkeit aufgewachsen als ihre Eltern. Sie erlebt ein Land mit Hochgeschwindigkeitszügen und großen Industrieansiedlungen, mit international erfolgreichen Unternehmen und Universitäten, mit Smartphones, sozialen Netzwerken und unmittelbarem Zugang zu Debatten weit über die eigenen Landesgrenzen hinaus. Sie vergleicht nicht mehr nur Casablanca mit Rabat oder Fès mit Tanger. Ihre Vergleichsräume sind Paris, Madrid, Dubai, Istanbul, Montréal oder anderswo auf der Welt. Ihre Erwartungen verändern sich damit zwangsläufig.

Und dennoch trifft diese Generation auf einen politischen Betrieb, dessen Strukturen, Gesichter und Kommunikationsformen häufig aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen. Najib formuliert das härter. Für ihn scheint der politische Aufstieg zu häufig einem bekannten Kreislauf zu folgen: Partei, Netzwerke, Listenplatz, Wahl und schließlich die Hoffnung auf ein Ministeramt. Seine Zuspitzung muss man nicht vollständig teilen. Die dahinterstehende Frage ist dennoch berechtigt: Wo findet politische Erneuerung statt, wenn neue Generationen zwar politisch denken, aber kaum Zugang zu den etablierten politischen Strukturen finden?

Wenn Politik zur Zuschauerveranstaltung wird

Najib beklagt noch etwas anderes. In seinem Editorial beschreibt er einen politischen Raum voller gegenseitiger Anschuldigungen, durchgestochener Audioaufnahmen, persönlicher Angriffe und tatsächlicher oder vermeintlicher Skandale. Er beobachtet eine Öffentlichkeit, die daran teilnimmt, zuhört, kommentiert und sich empört. Auch hier lohnt es sich, seine drastische Sprache auf ihren eigentlichen Gedanken zurückzuführen. Politische Auseinandersetzung braucht Konflikt. Eine Demokratie ohne Streit wäre keine lebendige Demokratie. Aber entscheidend ist, worüber gestritten wird.

Wenn der Streit über Gesundheitspolitik, Schulen, Arbeitsplätze, Steuern, regionale Entwicklung oder soziale Sicherung durch den nächsten persönlichen Skandal verdrängt wird, verändert sich Politik. Sie wird zur Zuschauerveranstaltung. Der Bürger verfolgt sie, kommentiert sie und empört sich über sie – ohne sich deshalb stärker als politischer Akteur zu empfinden. Gerade soziale Netzwerke verstärken diese Verschiebung. Gleichzeitig haben sie jungen Marokkanern einen Raum eröffnet, in dem politische Diskussion längst stattfindet. Die politische Öffentlichkeit verschwindet also nicht. Sie wandert. Und damit stehen die Parteien vor einer wesentlich größeren Aufgabe, als ein paar jüngere Kandidaten auf ihre Listen zu setzen.

Erneuerung ist keine Frage des Alters

Hier lässt sich Najibs Frage sogar erweitern. Marokko braucht nicht einfach jüngere Politiker. Ein Dreißigjähriger kann eine politische Kultur vertreten, die genauso erstarrt ist wie die eines Siebzigjährigen. Und ein erfahrener Politiker kann sehr wohl für Erneuerung stehen. Der notwendige Generationenwechsel ist deshalb weniger biologisch als politisch. Es geht um andere Formen der Beteiligung, um nachvollziehbare Entscheidungen, um Parteien, die wieder erkennbare politische Vorstellungen vertreten, und um Kandidaten, bei denen Bürger verstehen können, wofür sie stehen.

Das Ausmaß der Distanz zu den traditionellen politischen Strukturen zeigt sich auch bei Afrobarometer. Nur acht Prozent der jungen Befragten geben an, sich einer politischen Partei verbunden zu fühlen. Bei der Parlamentswahl 2021 erklärten – unter Ausschluss der damals noch nicht Wahlberechtigten – lediglich 40 Prozent der jungen Befragten, gewählt zu haben; bei den 36- bis 55-Jährigen waren es 62 Prozent und bei den über 55-Jährigen 65 Prozent (Quelle: Afrobarometer). Das zeigt, wie tief diese Distanz reicht: Sie betrifft nicht nur das Interesse, sondern die Beteiligung selbst.

Politische Erneuerung lässt sich nicht administrativ verordnen. Sie entsteht erst, wenn Menschen davon überzeugt sind, dass ihre Beteiligung einen Unterschied macht. Genau hier liegt das eigentliche Problem des Vertrauens.

Programme allein reichen nicht

Najib kritisiert, dass die großen Versprechen vor einer Wahl zuverlässig zurückkehren: Arbeitsplätze, bessere Gesundheitsversorgung, niedrigere Preise, Reform der Justiz, Kampf gegen Korruption, weniger Armut und soziale Unsicherheit.

Parteien verfügen über Programme, und in den kommenden Tagen werden diese noch stärker in den Mittelpunkt des Wahlkampfes treten. Die offizielle Wahlkampagne beginnt am 10. September und endet am 22. September um Mitternacht (Quelle: Offizielles Wahlportal 2026). Von einem völligen Fehlen politischer Programme zu sprechen, wäre deshalb zu pauschal. Aber auch hier trifft Najib einen tieferen Punkt.

Ein Programm, das niemand liest, schafft noch kein Vertrauen. Eine Zahl, die niemand einordnen kann, schafft noch keine Glaubwürdigkeit. Und ein Wahlversprechen, das alle fünf Jahre in leicht veränderter Form zurückkehrt, schafft noch keine politische Bindung. Parteien müssen nicht nur Programme haben. Sie müssen erklären können, welche Vorstellung von Marokko hinter ihnen steht.

Worin unterscheiden sich ihre Antworten auf Bildung? Welche Rolle soll der Staat in der Wirtschaft spielen? Wie sollen soziale Sicherung und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit miteinander verbunden werden? Welche Prioritäten gelten für ländliche Regionen? Wie soll Wohnen für junge Familien bezahlbar bleiben? Welche Verantwortung tragen Kommunen, Regionen und Zentralstaat? Und welche Reformen sind tatsächlich innerhalb von fünf Jahren realistisch?

Das sind politische Fragen. Sie erzeugen Unterschiede. Und erst dort beginnt eine Wahl, bei der Bürger tatsächlich zwischen Vorstellungen von Zukunft entscheiden können.

Der Ferrari und seine Reifen

Marokko steht heute an einem bemerkenswerten Punkt seiner Entwicklung. Das Land hat wirtschaftliche und infrastrukturelle Ambitionen entwickelt, die weit über seine Grenzen hinaus wahrgenommen werden. Seine Industrie wächst in anspruchsvollere Bereiche hinein, seine Verkehrsnetze werden ausgebaut, seine afrikanische Rolle hat an Gewicht gewonnen und seine internationale Position verändert sich. Gleichzeitig existieren erhebliche gesellschaftliche Aufgaben: Bildung, Gesundheitsversorgung, Beschäftigung, soziale Unterschiede und die Perspektiven einer jungen Generation gehören dazu. Gerade deshalb braucht ein moderner Staat eine politische Kultur, die mit seiner gesellschaftlichen Entwicklung Schritt hält.

Eine Politik, in der Bürger nicht nur alle fünf Jahre als Wähler erscheinen. Parteien, die nicht lediglich Personen organisieren, sondern unterschiedliche politische Vorstellungen. Junge Menschen, die nicht nur Gegenstand von Jugendprogrammen sind, sondern an Entscheidungen beteiligt werden. Und eine politische Öffentlichkeit, in der ein gutes Argument wieder interessanter werden kann als die nächste persönliche Enthüllung. Najibs Ferrari auf den Reifen eines Renault 4 ist dafür ein grobes Bild. Aber gute Karikaturen leben davon, einen Widerspruch sichtbar zu machen.

Marokko verfügt über eine junge Generation, die Politik diskutiert, gesellschaftliche Veränderungen fordert und eigene Vorstellungen von Zukunft entwickelt. Die entscheidende Frage ist, warum der Weg in Parteien und Institutionen für viele von ihnen nicht mehr selbstverständlich der Weg ist, auf dem aus diesen Vorstellungen politische Gestaltung werden kann.

Gabriel Marcels Gedanke von der Hoffnung bekommt damit eine andere Bedeutung. Erneuerung entsteht nicht dadurch, dass man auf eine neue Generation wartet. Sie entsteht, wenn eine Gesellschaft ihr den Raum gibt, Verantwortung zu übernehmen.

Ein modernes Marokko braucht deshalb nicht einfach neue Gesichter. Es braucht eine politische Kultur, die zu dem Land passt, das Marokko längst geworden ist – und zu dem, das es noch werden will.

 

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